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Der Online-Handel beschert der Post einen Päckliboom

Bis zu 500000 Päckli pro Tag werden zurzeit im Paketzentrum in Härkingen verarbeitet. Die Paketpost floriert nicht nur dank Weihnachten, sondern auch dank des trüben Wochenendwetters und des Internethandels.

Der Absender ist unverkennbar: Die Pakete kommen von Tchibo. Der grosse deutsche Versandhändler hat offensichtlich wieder eine Wochenaktion gestartet. Hunderte von Tchibo-Päckli, die aus den Niederlanden angeliefert worden sind, werden aus dem Schlund des gelben Containers geladen. Gegen tausend Pakete können in einem dieser Wechselbehälter verstaut werden – nach einer Stunde ist er leer. Ein Trupp kräftiger Männer hat den Container innert kurzer Zeit entladen, die Tchibo-Päckli auf das Förderband gelegt und so auf die 2,2 Kilometer lange Reise mitten durch das riesige Paketzentrum im solothurnischen Härkingen geschickt. Nur zwei Minuten dauert die Reise, wenn die Pakete für eines der beiden anderen grossen Verteilzentren in Frauenfeld oder im waadtländischen Daillens bestimmt sind. Pakete für das Einzugsgebiet Härkingen hingegen steuern eines der tausend «Sortierziele» an und haben nach fünf bis zehn Minuten ihren vorläufigen Bestimmungsort erreicht. Das grobe Vorsortieren für die regionale Distributionsbasis erfolgt anhand der ersten beiden Ziffern der Postleitzahl, für die Feinverteilung auf die einzelnen Poststellen werden sie in Rollboxen aussortiert.

Neuer Rekord bahnt sich an

114 Millionen Pakete hat die Post letztes Jahr transportiert. Dieses Jahr wird auch dieser Rekord übertroffen: In den ersten drei Quartalen waren es wiederum 2 Prozent mehr als im Vorjahr. Und dies vor dem Weihnachtsandrang. An diesen Dezembertagen schnellen die Zahlen in Härkingen von den 280000 einer normalen Auslastung auf rekordverdächtige 450000 Pakete pro Tag. Damit erreichen sie nahezu die maximale Sortierleistung von 500000 Päckli. Den bisherigen Spitzenwert dieses Jahres hat Betriebsleiter Franz Lingg am Dienstag mit über 450000 Paketen registriert. Für ihn liegt die erneute Steigerung des Paketverkehrs ganz klar am Boom des Internethandels. «Es ist bekannt, dass immer mehr Ware über Internet geordert wird,» erklärt er, «und wenn an einem Wochenende schlechtes Wetter ist, bestellen die Leute erst recht.» Die Folgen sind in Härkingen sofort ablesbar: Von Montag bis Mittwoch sind die Frequenzen klar höher als gegen Ende der Woche.

2800 Kippschalen

Noch herrscht relative Ruhe an diesem frühen Nachmittag. Das Paketzentrum ist grösser als vier Fussballfelder, kommt aber praktisch ohne Wände aus. Dafür wird der Bau wie ein metallener Urwald von dichtem, feingliedrigem Gestänge durchdrungen. Mitten durch das streng organisierte Durcheinander kurven die Rollbänder beziehungsweise die eng aneinander gereihten 2800 Kippschalen, die die einzelnen Pakete tragen. Und wie von Geisterhand gesteuert kippen sie ihre Last präzis auf eine der 352 «Zielrutschen». Dort werden sie von Mitarbeitern wie Arlindo Cardoso in Empfang genommen und auf die einzelnen Rollboxen verteilt. Der Job des 57-jährigen, aus Portugal eingewanderten Cardoso erfordert Konzentration. Denn hier liegt klar eine Fehlerquelle falsch sortierter Pakete – und jede Fehlleitung kann genau zurückverfolgt werden. Arlindo Cardoso ist sich dessen bewusst. Er hat vor elf Jahren vom wegrationalisierten Postzentrum Luzern nach Härkingen gewechselt und kennt die Finessen der Postleitzahlen bestens. Wenn er seine Schicht beendet hat, wird er etwa 3000 Pakete sortiert haben – das heisst der Rutsche entnommen, kurz herumgetragen und in die richtige Box verstaut –, ein beachtlicher Kraftakt.

Die Videocodiererinnen

Seit letztem Sommer ist in Härkingen eine neue Sortieranlage in Betrieb, welche die Kapazitäten von 20000 auf 25000 Pakete pro Stunde erhöht hat. Das neue System wird derzeit auch in Frauenfeld und demnächst in Daillens eingebaut. Es steigerte die Effizienz um 25 Prozent, ohne dass die Halle baulich gross verändert wurde. Das System funktioniert wie ein Entlastungskanal, auf dem die Pakete mit neun Stundenkilometern – dem Tempo eines schnellen Joggers – über die bestehende Anlage hinwegtransportiert werden. Sie werden einfädelt, sobald irgendwo eine freie Kippfläche vorhanden ist. Das alles funktioniert hoch automatisiert, und dennoch ist viel Handarbeit nötig. Die allermeisten Pakete – nämlich jene mit Standartmassen, Normalgewicht und leserlichen Adressen – durchlaufen einen roten Lichtkegel, werden in Sekundenbruchteilen fotografiert, per Computer durch die ganze Halle gesteuert und über die richtige Rutsche gekippt, um schliesslich von Arlindo Cardoso sortiert zu werden. Die schwerer lesbaren Adressen hingegen müssen separiert und von speziell geschulten Videocodiererinnen von Hand erfasst werden. Roger Gehringer, Gruppenleiter beim Videocodiersystem, arbeitet seit 15 Jahren in Härkingen. Routinierte Langeweile kennt er nicht: «Man weiss nie, was einen erwartet. Jede Stunde ist anders.» Rund 80 Prozent der Pakete sind Geschäftspost mit sauber gedruckten Adressen, 20 Prozent hingegen private mit teilweise schwer lesbaren, zu einem sehr kleinen Teil sogar schlicht unleserlichen Adressen. Falls auch der Absender unbekannt bleibt, sind zwei Personen im Postzentrum berechtigt, das Paket zu öffnen und den Inhalt nach Hinweisen zu durchsuchen. Bringt auch das nichts, landet das Paket auf der Fundstelle in Chiasso. «Eine in sauberer Blockschrift geschriebene Adresse hilft uns, das Päckli effizient zu sortieren», sagt Franz Lingg.

Schiene hat Vortritt

Härkingen, im Autobahn-Keil zwischen der Ost-West-Verbindung A1 und der Nord-Süd-Route A2 mitten im pulsierenden Mittelland gelegen. Zig grosse Logistikunternehmen haben sich hier niedergelassen. Ein auch für die Post idealer Standort mit direktem Strassen- und vor allem auch Bahnanschluss. «Wo immer die nötige Infrastruktur vorhanden ist, benutzen wir die Schiene», versichert Lingg auf dem Dach des Paketzentrums mit Sichtkontakt zum Briefzentrum nebenan. Die SBB wissen längst um den vor Weihnachten markant steigenden Transportbedarf und reagierten prompt: Seit dem Fahrplanwechsel vom 15. Dezember fahren in den besonders heiklen Abendstunden von 18 bis 22 Uhr drei statt wie bisher zwei Züge zwischen den Zentren Härkingen und Frauenfeld. Ihre bis zu neun Tonnen schweren Wechselbehälter sind voll beladen mit Paketen, die umgehend ausgeladen, sortiert und weiter transportiert werden wollen. Insgesamt vierzig Züge mit durchschnittlich zehn Waggons machen pro Tag in Härkingen Station. Zusammen mit den von privaten Fuhrunternehmen per Lastwagen herangekarrten Mengen ergibt das einen Umschlag von rund 800 mit Paketen gefüllten Wechselbehältern.

370 plus 80 Temporäre

Fein säuberlich in Reih und Glied hingestellt stehen die postgelben Container draussen auf dem Umschlagplatz, um entleert und gleich wieder gefüllt zu werden. 370 Mitarbeiter aus 30 Nationen, aufgeteilt auf einen Zweischichtbetrieb von 6.30 bis 1.30Uhr mit einem einstündigen Unterbruch, fassen im Paketzentrum normalerweise mit an. In diesen Tagen bis zum 23.Dezember kommen 80 Temporärangestellte dazu. Ein Teil von ihnen wird auch in der Altjahreswoche dringend gebraucht – wenn Geschenkgutscheine über Internet eingelöst werden. «Es wird immer unberechenbarer, wie viele Geschenke an den Tagen nach Weihnachten eingelöst werden,» sagt Lingg, «je nach Wetter kann das massiv Päckli auslösen.» Inzwischen ruckelt eine ganze Serie kleinerer Päckli auf dem Förderband daher. Sie mussten von Hand auf die Kippschalen gelegt werden – und wurden alle in Frauenfeld aufgegeben: Fotobände von Ifolor. Auch das eine nette Idee für ein Weihnachtsgeschenk.

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