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Der Reiz schimmernder Kristallglasuren

Auf 65 Jahre Arbeit mit Ton kann Edmund Deinböck zurückblicken. Noch immer experimentiert der Meister.

Wer in das unscheinbare, etwas altmodische Ateliergeschäft in der Stationsstrasse 33 in Seuzach tritt, ahnt kaum, welche Schätze sich auf den einfachen Holzregalen verbergen. Die Porzellanobjekte von Edi Deinböck ziehen den Betrachter mit ihren wertvollen Kristallglasuren sofort in ihren Bann. Wie entsteht die faszinierende Oberfläche, die vielfarbig im Licht schimmert? Deinböck hat seine Werkstatt im Keller des kleinen Hauses. Hier brennt er die Stücke und experimentiert mit dem komplizierten Kristallisationsprozess der Glasur. 65 Jahre Keramikererfahrung stecken in jedem einzelnen Teil.

Wie weit kann ich gehen?, das ist die Frage, die den 82-jährigen Künstler umtreibt. Er ist der Beweis, dass Experimentierfreude nichts mit dem Lebensalter zu tun hat. «Ich versuche, die Grenzen auszuschöpfen, so weit es geht», erzählt er. «Wenn ich ins Internet schaue, was jüngere Kollegen so machen, da könnte ich nochmals von vorn anfangen.» Deinböck sieht immer Neues, Inspirierendes und tauscht sich auch mit anderen Künstlern aus.

Kein Stück gleicht dem anderen. Selbst Deinböck gelingt es nicht, seine Arbeiten zu reproduzieren. «Ich bin nachlässig im Aufschreiben», sagt er. Dabei müsste er nicht nur die Zusammensetzung der Fritte (Grundglasur) notieren, sondern auch die Brenn- und vor allem die Abkühlkurve. So holt er eine weisse Vase aus dem Ofen, auf der die wunderschöne Musterung komplett fehlt. Die Probe-Schale funkelte noch wie ein frisches Schneefeld. Der Meister nimmt es mit Gelassenheit.

Keramik für das Volk

Edmund Deinböck kam als 13-Jähriger an die Keramische Fachschule in Landshut/Bayern. Dort absolvierte er während des Zweiten Weltkriegs die dreijährige Ausbildung. «Wir mussten Gebrauchsgeschirr herstellen, das in diesen Zeiten stark nachgefragt war», erinnert er sich. «Ausserdem wurde uns das alte bayrische Handwerk vermittelt, das wir weitertragen sollten.» So lernte er, Milchkrüge zu drehen, und musste an der Gesellenprüfung einen Ofen setzen. 1952 machte er die Meisterprüfung und zog im Folgejahr wegen der grossen Arbeitslosigkeit nach Schweden. Im Studio der Porzellanfa­brik Gustavsberg fand er reiche Beschäftigung zu einem kargen Lohn. «Der damalige König Gustav Adolf liebte die Stücke wegen ihrer asiatischen Formen.» Deinböck und andere Künstler fertigten Formen für die Massenproduktion an. Viermal durfte er nach China reisen, um sich inspirieren zu lassen.

Als die Arbeitskonditionen immer härter wurden, suchte er eine Stelle in der Schweiz. Die Werkstatt in Uster schloss zwar kurz darauf, doch Deinböck hatte dort seine Frau kennen gelernt, die den gleichen Traum verfolgte. Mit der gelernten Keramikmalerin ging er noch einmal nach Schweden. Ab 1966 konnten sie in Kreuzlingen arbeiten. Sie verzichteten auf Anschaffungen und Ferien und ar­bei­te­ten hart, bis sie ein Haus kaufen und ihr eigenes Atelier darin einrichten konnten. Drei Kinder kamen auf die Welt. Seit 41 Jahren leben sie in Seuzach.

«Die 70er-, 80er-Jahre waren eine schöne Zeit», sagt er. Keramik lag im Trend und die Stücke wurden ihnen an Märkten geradezu aus den Händen gerissen. «Ich habe in meinem Leben sicher über 100 Tonnen Ton verarbeitet.»

«Es geht aufs Ende zu»

Ab 1985 brach der Verkauf ein und Deinböck suchte neue Wege. In der Kristallglasur, einer französischen Entwicklung der letzten Jahrhundertwende, fand er seine Ausdrucksform. In einer Wanderausstellung mit internationalen Künstlern zogen seine Werke jahrelang durch die Porzellanstädte Europas. «Ich bin froh, dass mein Sohn das Atelier nicht übernimmt», sagt er über den Filius, der heute als Werkmeister in einer deutschen Keramikfabrik arbeitet. «Er könnte nicht davon leben.»

Jetzt gehe es langsam aufs Ende zu. «Das kommt dann alles in den Container», sagt er und zeigt auf meterweise Regale mit Keramiken in unterschiedlichen Stadien. Man mag es sich nicht vorstellen, und bevor das der Fall ist, sollte man dem bescheidenen Künstler und seinen herrlichen Objekten einen Besuch abstatten.

www.im-hagenstal.ch

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