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Der Richter und sein Hank

In «The Judge», dem neuen Film von David Dobkin, schaukeln sich Robert Duvall und Robert Downey Jr., in den Rollen von Vater und Sohn, Richter und Anwalt, gegenseitig zur Höchstform auf.

Es ist der Gerichtsfilm ein gar kommunes Genre; nachgerade Hollywood produziert Justizdramen am laufenden Band. Manchmal aber findet sich in der Fülle des Regelhaften ein Ausreisser, der den Fokus ein bisschen ­anders legt, Grenzen verschiebt, sich ­anders einstimmt. Das ist der Fall etwa mit «The Judge», dem erstaunlich ernsthaften neuen Film des Regis­seurs David Dobkin, der mit Filmen ­ wie «Wedding Crashers», «Fred Claus» und «The Change-Up» bisher eher im Bereich der heiter-bekömmlich-flapsigen Familienkomödie zu Hause war. Um Familie und recht zerrüt­tete Verhältnisse geht es nun aber auch in «The Judge», nämlich um den altverdienten Richter Joseph Palmer (Robert Duvall) und seinen Sohn Hank (Robert Downey Jr.), seinerseits ein durchaus ange­sehener Anwalt. Die beiden nun aber können sich nicht leiden. Sie kommen miteinander nicht klar und sind sich über ­Jahre souverän ausgewichen: Hank haust und arbeitet chic ­ in Chicago, Joseph amtiert im Hinterland von Indiana. Der Pfundskerl ist brav geworden Doch nun fährt Hank zur Beerdigung seiner Mutter in seine (fik­tive) Heimatstadt Carlin­ville. Die Begrüssung, die ihm sein Vater bereitet, ist alles andere als freudig oder freundlich. Es sind da auch noch seine zwei Brüder, ­ der etwas zurückgebliebene Dale (Jeremy Strong) und der einst pfundskerlige, nun aber brave Glen (Vincent D’Onofrio). Dale filmt, was sich in einem Gerichtsfilm gemeinhin meist als von Nutzen erweist, das Geschehen um ihn immer mit seiner Kamera; Glen hat einen halbgelähmten Arm, mit dem es eine tiefere Bewandt­nis hat. Wichtiger für die Story aber ist die von Vera Far­miga warmherzig gespielte Samantha, Hanks Jugend­liebe, die ein Restaurant betreibt und auch jetzt zum Ankerpunkt seiner ­Gefühle wird. «The Judge» ist ein Film über die Rückkehr eines Mannes in ­ die Heimat und die Wiederbegegnung mit seiner Vergangenheit. Es wird solches noch viel mehr, als der Gerichtsfall ins Rollen kommt. In der der Beerdigung folgenden Nacht nämlich überfährt Joseph einen Mann. Das sieht vorerst nach einem Unfall aus. Bald aber stellt sich her­aus, dass Joseph sein Unfallopfer kannte. Dass er diesen Mann vor Jahrzehnten nach einer jugendlichen Bagatelle, die man durchaus ­ aber auch anders hätte beurteilen können, eine erstaunlich milde Strafe aufbrummte und so eine brutale Untat ermöglichte. Daraus ergibt sich ein mögliches Mordmotiv. Joseph wird verhaftet und angeklagt, und Hank, bereits unterwegs zurück nach Chicago, kehrt um, um seinen Vater zu verteidigen. Sie geben sich so richtig auf den Deckel Wie das Verfahren nun anläuft, rollt Dobkin allmählich auch die Geschichte von Vater und Sohn auf. Es sind oft heftige, manchmal aber auch zärtlich nostalgische Fetzen der Vergangenheit, die da aufblitzen. Sie gipfeln regel­mässig im radikalen Disput dar­über, was gutes Recht und juristisch richtig ist, und inwiefern Ehre und Ethos Haltung und Verhalten von Richter und Anwalt ­ zu bestimmen haben. Die beiden Männer geben sich so richtig auf den Deckel, dieser Richter, der auch ein Vater, und sein Anwalt, der sein Sohn ist, und die sich so sehr nicht mögen, weil sie einander natürlich ganz furcht­bar ähnlich sind. Duvall und Downey Jr. spie­len ihre Rolle beide enthusiastisch, mit Feuer und mimisch stark, ­legen zugleich aber auch eine herr­lich verstockte, typisch männ­liche Empfindsamkeit an den Tag, wobei vor allem Robert Downey Jr. eine bei ihm eher ­selten zu beobachtende Herzlichkeit entwickelt. Einer fällt aus dem Fokus und macht die Sache souverän Bleibt zum Schluss der Besprechung dieses Films, der übri­gens auch landschaftlich hübsch stimmungsvoll daherkommt, noch ­ der Schauspieler zu erwähnen, der hier die undankbarste, weil immer wieder aus dem Fokus ­fallende Rolle gefasst hat: es ist Billy Bob Thornton, der in den wenigen Momenten, in denen er als Anwalt der Kläger überhaupt gefragt ist, die Sache souverän ins richtige Licht rückt. Eine starke Vorstellung!

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