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Der Spitzenkletterer aus dem Flachland

Vollgas fokussiert», sagt er, «vollgas fokussiert» sei er jeweils vor dem Wettkampf. Jonas Fritsche betont die erste Silbe so stark, dass man einen Eindruck kriegt von der Ener­gie­, die in dem 19 Jahre jungen Mann stecken muss. Das kommt etwas über- raschend, denn bis zu dem Punkt des Gesprächs war er eher ruhig. Kon­zen­triert oder eben fokussiert ist er vor allem in der «Isolation». Das ist der Moment, in dem er und die anderen Kletterer in einem abgeschotteten Raum sitzen. Keiner soll beobachten können, wie die Wettkampfroute geklettert wird, die sie sich vorher einmal anschauen durften. Fritsche geht sie im Kopf nochmals durch, hört Musik von seinem iPod. Am Anfang ist es eher ruhiger Sound, etwa von der US-Band Aventura. Dann wird er härter und härter. Am Schluss dröhnt nicht selten aggressiver House aus den Ohrknöpfen, bevor Fritsche selber rausgeht in die Kletterhalle. Als Knirps zum ersten Mal auf Klettertour Jonas Fritsche klettert Routen in den obersten Schwierigkeitsgraden – überhängend und kräfteraubend. Dabei ist er am Rand des Weinlands in Hettlingen aufgewachsen. Vom Wohnzimmer des Hauses, wo er mit Eltern und Schwester wohnt, blickt man über das ganze Feld nach Ohringen und Seuzach. Kletterfelsen sind weit und breit keine in Sicht. Dass er mit Klettern begann, liegt an der Herkunft seiner Eltern. Sie stammen aus dem Appenzellerland und haben dort ein Bauernhaus. Auch sie waren schon Bergsteiger. Die Familie fuhr am Wochenende oft in die Heimat, die Kinder spielten draussen. Als fünfjährigen Knirps nahm ihn sein Vater zum ersten Mal auf eine kleine Klettertour im Alpstein mit. Es hätte auch andere Sportarten für Jonas Fritsche gegeben. Skifahren oder Tennis machten ihm ebenfalls viel Spass. Für das Sportklettern entschied er sich, weil es so vielseitig sei, sagt er. Um vorne mitzumischen, brauche es alles: Beweglichkeit, Ausdauer und Kraft genauso wie mentale Stärke. Hinzu komme, dass man immer wieder etwas Neues kennen lerne. «Jede Route ist anders.»Schweizer Meister in drei Kategorien Im Alter von sieben Jahren meldete ihn sein Vater erstmals zu einem Kletterwettkampf an, einem «Eidechsli»-Cup. Jonas Fritsche schlug sich gut, das gab Mumm für weitere Starts. Irgendwann wurde er zu geleiteten Gruppentrainings eingeladen und trainierte fortan immer häufiger am «Plastik» in den Kletterhallen in Winterthur, Schlieren oder Greifensee, seltener in den Bergen. Es zahlte sich aus. Fritsche stieg ins Regionalkader Ostschweiz der Schweizer Alpen-Clubs (SAC) auf, mit 14 auch in die Nationalmannschaft der Sportkletterer. In jeder Disziplin – Speed, Bouldern und Leadklettern – wurde er je einmal Schweizer Meister seiner Alterskategorie. Und es wäre vielleicht noch mehr dringelegen, hätte ihn nicht ein mysteriöses Leiden gebremst. Plötzlich habe er Probleme mit den Fingern gekriegt, sagt Fritsche. Sie begannen zu schmerzen, wenn er sie stark beanspruchte. Der Arzt konnte den Grund nicht finden, aber für Fritsche war klar, was das bedeutete: Er musste sich neu orientieren. Denn wer sich in einer überhängenden Wand bewegt, die mehrere Meter in die Halle ragt, muss sich auf seine Finger verlassen können. «Es geht einfach nicht, dass man zögert, auch wenn der Griff noch so fein ist.» Deshalb setzt Fritsche jetzt auf eine Sportart, die er früher vor allem als Ausgleich betrieb: das Eisklettern. Vieles sei ähnlich wie beim Sportklettern, sagt er. Die Körperspannung, das Gefühl für die Füsse – nur kann man das Eisgerät mit der ganzen Hand fassen, und die einzelnen Finger werden weniger belastet. An Talent mangelt es Fritsche auch hier nicht: 2010 wurde er bei Europameisterschaften der Junioren Zweiter, im letzten Winter Vierter an der Junioren-WM, bei zwei Elitewettkämpfen schaffe er es bis in den Halbfinal und ist Mitglied der Nationalmannschaft. Dafür trainiert Fritsche ungefähr 18 Stunden die Woche, auch im Sommer. Denn das Eis im Namen erinnert zwar noch an die Ursprünge des Sports, aber es geht längst auch ohne. Heute hangeln sich die Kletterer mit Eispickeln und gezackten Schuhen auch durch Fels oder kombiniertes Gelände. Das habe seinen ganz speziellen Reiz, sagt Fritsche. Es brauche viel Feingefühl, um das Eisgerät auf abschüssigen Griffen zu platzieren und daran zu ziehen. Zum Üben fährt er nach der Schule in Zürich in die Fluntern hoch, zum Kletterturm beim Sportzentrum. Oder er besucht einen Kollegen im Thurgau, der privat eine Wand besitzt. Weiterhin ans Limit gehen Manchmal, räumt er ein, hat er beim Klettern Angst. Allerdings nicht vor dem Stürzen an sich, denn das hat er in der Halle oft genug durchgespielt. Aber jetzt sind meist zwei spitze Eisgeräte im Spiel. «Wenn man da unkon­trol­liert fällt, kann man sich gruusig verletzen.» In solchen Momenten, wenn die Auflage winzig ist und die Kraft auszugehen droht, gibt es nur eines: weiter sauber klettern und hoffen, dass bald wieder ein guter Griff kommt.» Auch wenn er jetzt viel Ener­gie­ und Herzblut in den Sport steckt: Ganz dem Klettern und den Bergen widmen will er sich nicht. Extremalpinismus etwa sei nicht seine Sache, sagt er. Was er studieren will, wenn er in einem Jahr das Kunst- und Sportgymnasium abgeschlossen hat, weiss er noch nicht. Nur so viel: «Es wird bestimmt nichts mit Klettern zu tun haben.» Viel konkreter wird Fritsche, wenn man ihn nach seinen sportlichen Zielen fragt. Angepeilt hat der 19-Jährige für nächste Saison einen Finalplatz bei der Elite. Vor allem aber will er im Eisklettern bei den schwierigen, weiten Zügen zulegen. Oder anders gesagt: kon­zen­triert am Limit weitertrainieren.

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