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«Der Stapler war mein Leben»

Rosaria Biaggi war in den 60er-Jahren die erste Stapler­fahrerin bei Sulzer. In einem Gespräch erzählt sie über ihre Erlebnisse als Frau in der Industrie und Ausländerin in Winterthur.

«Bevor ich zu Sulzer kam, hatten sie ein Problem: Die Frauen wollten nicht dort arbeiten, weil es keine Frauen gab», erinnert sich Rosaria Biaggi, die erste Staplerfahrerin Winterthurs, amüsiert. «Ich wurde dann die Vorzeigefrau, und innerhalb von wenigen Jahren ar­bei­te­ten Frauen auf Kränen, bei den Kon­trollen und an automatischen Fräsen.» Am Dienstagabend erzählte Biaggi in der zweiten Folge der Gesprächsreihe «Winterthur im O-Ton» in der Studienbibliothek, wie sie zu Beginn der 1960er-Jahre als 17-jährige Gastarbeiterin von ihrem Geburtsort bei Bergamo nach Winterthur kam. Über verschiedene kurze Jobs landete sie schliesslich bei der Firma Sulzer, die zu dieser Zeit Kranführerinnen suchte. «Aber auf dem Kran ist man den ganzen Tag alleine, auf dem Stapler dagegen ist man unter Leuten», sagt Biaggi mit breitem italienischem Akzent. Also entschied sie sich für Letzteren. Alleine unter lauter Männern Am ersten Arbeitstag fragte Biaggi nach einer Schürze. Der Instruktor erwiderte: «Du arbeitest nur mit Männern, also trägst du Jeans.» Die Italienerin mit den kurzen Haaren war eine kleine Sensation im Betrieb. Am Anfang seien oft Arbeiter unter einem Vorwand ins Magazin gekommen, «nur um die Biaggi auf dem Stapler zu sehen», sagt sie nicht ohne Stolz. Mitte der 70er wurde sie selbst zur Instruktorin ausgebildet – die erste in der Schweiz. Dafür musste sie aber ihren Stapler gegen ein kleines Betriebsfahrrad eintauschen. «Das war eine Kata­strophe!», ereifert sie sich noch heute. Sie habe dann jeweils am Morgen als Erstes gefragt, ob jemand krank sei – in der Hoffnung, sie dürfe wieder Stapler fahren. «Das Magazin und der Stapler waren mein Leben.» Über zehn Jahre war sie bei Sulzer, bis sie Anfang der 80er-Jahre ihren Sohn bekam. «Es war eine schöne Zeit, und es war lustig.» Biaggi kann heute über fast alles lachen. Auch darüber, dass sie als Ausländerin zu Beginn nur in alten Häusern wohnen durfte. Die modernen Wohnblocks waren tabu: «Man behauptete, die Ausländer würden in der Badewanne Salate setzen oder Säuli halten», erzählt sie. Im Laufe der 60er-Jahre habe sich dann der Umgang mit den südländischen Gastarbeitern normalisiert – bis die Schwarzenbach-In­itia­ti­ve 1970 die Stimmung gegen die Ausländer wieder aufheizte. Manche Arbeitskollegen hätten ihr schadenfreudig angekündigt, sie müsse die Schweiz bald verlassen. Mit ihrer gewohnten Eigenin­itia­ti­ve verlangte sie das Kündigungsformular, um der drohenden Ausweisung zuvorzukommen. Der Personalchef konnte sie schliesslich davon abbringen. Man sei eben schlecht informiert gewesen, sagt Biaggi, die meisten Ausländer hätten keine deutschsprachigen Zeitungen gelesen. Wie der Anfang vom Ende kam Nach der Blütezeit der Industrie, die sie hierher gebracht hatte, erlebte Biaggi auch deren Niedergang. «Eines Tages habe ich im Magazin eine Kiste aus Polen entdeckt. Darin waren Motorkolben, die man bisher in der Schweiz hergestellt hatte. Da wusste ich: Das ist der Anfang vom Ende.» Der Stellenabbau sei schlimm gewesen, es habe einen regelrechten Konkurrenzkampf zwischen den Arbeitern gegeben. Einige ihre Landesgenossen liessen sich im Rahmen des Sozialplans die Rückkehr nach Italien zahlen, doch Biaggi wollte nie weg. «Ich bin hier aufgewachsen.» Seit 50 Jahren wohnt sie im Chrugeler-Quartier in Töss. «Zur Zeit der Schwarzenbach-In­itia­ti­ve haben sie mir gedroht, ich fliege raus – aber ich bin immer noch hier», sagt sie und lacht.

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