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Der stille Zeitzeuge unter dem Sportplatz

Mit dem Ende des Jahres naht auch das Ende für ein imposantes Bauwerk: Andelfingen hat die Schliessung eines Notspitals aus dem Kalten Krieg beantragt. Bald wird die 45-jährige Anlage ausgemustert, die nie im Einsatz war.

Am Dorfrand von Andelfingen liegt der Eingang zu einer begehbaren Zeitkapsel. Darin aufbewahrt sind Dinge aus der Zeit des Kalten Krieges, als sich die Schweiz gegen die mögliche Bedrohung von aussen mit Schutzbauten nach unten wappnete. Es handelt sich um ein zweistöckiges Notspital mit 190 Betten unter dem Sportplatz des Sekundarschulhauses der Gemeinde. Im Katastrophenfall hätten die Bewohner des Weinlands hier versorgt werden können. Dieser Fall ist zwar nie eingetreten, aber die Anlage ist bis zum heutigen Tag in Schuss gehalten worden. Mit Ausnahme des Röntgenraums, der Medikamentenschränke und des Operationssaals könnte man das Notspital sofort wieder in Betrieb nehmen. Stromgenerator, Lüftung, Wasserversorgung: Es funktioniert noch alles und in der Küche bereiten die Köche des Zivilschutzes Weinland regelmässig die Verpflegung für ihre Kameraden zu. Tunnel hinter dem Veloständer Vor dem Veloständer des Schulhauses stehen Zivilschutzkommandant Thomas Schaller und Sascha Peter, der das Sekretariat der Zivilschutzorganisation führt. Heute arbeiten Zivilschützer in der Anlage und bringen Material in jene Räume, die man derzeit noch als Lager nutzt. Schaller und Peter gehen zwischen den Velos der Sekschüler hindurch, an der Betonwand angekommen öffnen sie eine Gittertüre. Dahinter liegt ein langer, sauberer Gang, der auf halber Strecke nach rechts knickt und einen leichten Kellergeruch verströmt. Er endet vor einer jener schweren, gepanzerten und abgedichteten Türen, die zu einer Anlage des Zivilschutzes gehören. Dahinter liegt die Schleuse. Zwei Türen führen weiter ins Innere: Die linke führt zum Leichenraum, die rechte zum Notspital. Der Leichenraum ist durch eine zweite, kleinere Schleuse auch vom Spital her zu erreichen – damit der Geruch die Menschen im Spital nicht gestört hätte. Die Anlage ist mit der Gewissenhaftigkeit und Gründlichkeit gebaut, für welche die Schweiz bekannt ist. Im unteren Stock liegen Küche, Krankenzimmer, ein kleiner Aufenthaltsraum, Stromgenerator und Lüftungsanlage. Der Dieselmotor stammt aus dem Baujahr der Anlage. Er glänzt. Drei- bis viermal pro Jahr kontrollieren die Zivilschützer die ganze Anlage. Dann lassen sie Generator und Lüftung laufen und spülen die Wasserrohre durch. Im Aufenthaltsraum haben die Zivilschützer Material untergebracht. Zwischen den Dingen aus der Gegenwart steht ein Gestell, das beige gestrichen und mit einer Kurbel versehen ist: der Bettenlift. Kommandant Schaller erklärt, die Stockbetten in der Anlage seien besonders, weil sich jeweils die oberen Betten mit dem Lift abheben liessen. Mit der Kurbel kann man ihn nach oben und unten bewegen. Über eine Rampe erreicht man den ersten Stock. Sie beschreibt drei Kurven – über ihr tut sich ein schmaler, hoher Raum auf und dar­über liegt der Sportplatz. Die Wände und Decken des Notspitals sind so massiv gebaut, dass ein Rückbau der Anlage nicht zur Diskussion steht. Langsam abgeschafft Hier im oberen Stock hat es weitere Zimmer mit Etagenbetten sowie einen Röntgen- und einen Operationsraum. Diese wurden jedoch vor Jahren leergeräumt, denn seit sieben Jahren hat die Anlage keine sanitätsdienstliche Funktion mehr. Marco Fischer, Chef Schutzbau und Material beim kantonalen Amt für Militär und Zivilschutz, erklärt, dass die Andelfinger Anlage bereits seit dem Jahr 2000 nicht mehr als Notspital geführt wird. Damals entsorgte man die medizinischen Geräte und die Medikamente. Andelfingen erreicht die vorgegebene Anzahl Schutzplätze bei Weitem. Fischer sagt, es seien 760 Plätze zu viel. So wurde das ehemalige Notspital langsam abgeschafft. Seit Mitte 2006 wird der Bau beim Kanton nur noch als sogenannte GUP geführt: als geschützte Unterkunft für Partnerorganisationen wie Feuerwehr, Polizei, Gemeindewerke. Bis Ende 2013 aber bezahlt der Bund eine Pauschale für den Unterhalt der Anlage. Fischer sagt, diese Zahlungen würden eingestellt, weil es sich beim ­ehemaligen Notspital mittlerweile um eine GUP und nicht mehr um eine ­Zivilschutzanlage handle. Die Kosten würden künftig bei der Gemeinde liegen. Fischer sagt: «Wenn die Gemeinde keinen weiteren Verwendungszweck sieht, kann sie ein Aufhebungsgesuch stellen.» Das hat Andelfingen auch getan. ­Gemeindeschreiber Patrick Waespi erklärt auf Anfrage: «Der Bund soll die Anlagenteile herausnehmen. Eine Nutzung sehen wir im Moment nicht.» Als Lager lasse sich das ehemalige Notspital nicht nutzen, weil die Räume schwer zugänglich seien. Wenn der Bund das Aufhebungsgesuch bewilligt, wird ­Andelfingen laut Waespi «die Türen schliessen und die Anlage sein lassen». So ist es den anderen Notspitälern im Kanton in den vergangenen Jahren auch gegangen, etwa jenem beim Winterthurer Schulhaus Mattenbach. Aktuell existieren im Kanton 34 GUP, 13 geschützte Spitäler und 27 geschützte Sanitätsstellen.

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