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Der Tamedia-Chef zur Zukunft «Landboten» und seiner süssen Beziehung zu Winterthur

Der Verwaltungsratspräsident der Tamedia, Pietro Supino, hat gestern Abend als Gast im Stadtalk erklärt, wie er die Zukunft des «Landboten» sieht.

Pietro Supino ist ein Charmeur. Seine Mission an diesem Abend: eine Stadt – oder zumindest das anwesende Publikum – um den kleinen Finger zu wickeln. Die Mission wird ihm weitgehend gelingen. Auch dank seinem Ururgrossvater, einem Mandelhasen und eben: seinem Charme.

Jeder Platz besetzt

Vor genau einem Monat hat das Verlagshaus Tamedia bekannt gegeben, dass es die Ziegler Druck- und Verlags-AG, zu der auch der «Landbote» gehört, für 50 Millionen Franken aufkauft. Geld aus Zürich für ein Stück Winterthur. Nun war Tamedia-Chef Supino zu Gast im Stadtalk und erklärte, wie sich die neuen Besitzer die Zukunft des «Landboten» vorstellen. Das Thema interessiert: Über 80 Personen waren da, in der CoalMine-Bar war kein Sitzplatz mehr frei.

Das Besondere an diesem Abend: Obwohl es keine Neuigkeiten gab, wurde es nie langweilig. Was es zur Übernahme des «Landboten» und der Ziegler-Druckerei in der Grüze zu sagen gibt, hat Supino vor einem Monat in verschiedenen Interviews eigentlich schon gesagt. Aber wie in solchen Situationen üblich: Was nicht gesagt und was mit dem doch Gesagten vielleicht gemeint wird, ist umso interessanter.

60 Stellen auf der Redaktion

Gesagt hat Supino zum Beispiel, Winterthur habe mit dem «Landboten» eine hervorragende Tageszeitung, und die Tamedia setze sich dafür ein, diese mit all ihren Qualitäten in die Zukunft zu führen. Gesagt hat er auch, der Tamedia liege die Pressevielfalt am Herzen, nicht nur aus grundsätzlichen Überlegungen, sondern auch weil sich diese Vielfalt wirtschaftlich lohne. Ebenfalls gesagt: «Wir gehen davon aus, dass die rund 60 Stellen am Redaktionsstandort in Winterthur – plus oder minus ein oder zwei Stellen – erhalten bleiben.» Diese, für die Angestellten am Garnmarkt besonders interessante Aussage, relativierte er allerdings nach dem Talk auf Nachfrage hin auf «60 Stellen – plus oder minus zehn Prozent.» Gesagt hat er es trotzdem.

Ziemlich eindeutig waren Supinos Aussagen zur Druckerei in der Grüze: Diese sei ein «Problem» und ein «Klotz am Bein». In Deutschland sei das Drucken viel günstiger. Die Tamedia bemühe sich zwar. Allenfalls werden Magazine des Konzerns wie die «Annabelle» bald in Winterthur gedruckt. Aber es wurde klar, dass es da wenig Hoffnung gibt.

Der eingeschriebene Brief

Zu Details des «Landbote»-Kaufs äusserte sich Supino nicht. Nicht etwa, weil er nicht gewollt hätte, sondern weil er dazu verpflichtet ist: Martin Bachem, Verwaltungsratspräsident der verkaufenden Ziegler-AG, habe ihm einen eingeschriebenen Brief geschickt, sagte Supino. Darin sei er explizit zum Schweigen aufgefordert worden. Damit schob er den Schwarzen Peter Bachem zu und konnte über Unverfängliches, Grundsätzliches sprechen. Etwa über die kritische Grösse von Zeitungen (die der «Landbote» nur erreiche, wenn er mit den anderen Regionalzeitungen im Kanton zusammenarbeitet), über Kooperationen (ohne die in der modernen, immer raueren Medienwelt gar nichts gehe) oder über politische Ausgewogenheit im Journalismus («Wir wollen keine Politik machen. Wir wollen Leute in die Lage versetzen, eigene Entscheide zu fällen.»)

Konkretes gab es wenig zu zu hören. Vielleicht dies: Supino will die «dritte Stimme im Kanton Zürich» erhalten, also eine dritte grössere, auch über Politik schreibende Redaktion neben «Tages-Anzeiger» und «NZZ». Sonst gab es viele Andeutungen: Supino dachte über einen gemeinsamen Recherche-Pool der Zürcher Regionalzeitungen nach. Er erwähnte, dass es wenig Sinn mache, wenn Anlässe in den gegenwärtig noch von zwei Zeitungen beackerten Gebieten von Tamedia-Journalisten doppelt besucht werden. Er lobte die «Berner Zeitung», mit der der «Landbote» bald zusammenarbeiten soll, für ihre hervorragenden Infografiken. Er lobte aber auch die «Landbote»-Redaktion, wobei er postwendend sagte, die Winterthurer könnten im Zeitungsverbund in Zukunft nicht mehr die «Häuptlinge» sein, man müsse vermehrt als «Netz» zusammenarbeiten.

Vieles noch offen

Man darf darüber rätseln, was jeder einzelne Satz genau zu bedeuten hat. Ein Schluss liegt nahe: Die Tamedia weiss selbst noch nicht so genau, wie die Zusammenarbeit der Zürcher Regionalzeitungen in Zukunft aussehen soll. Und so lange der «Landbote»-Kauf von der Wettbewerbskommission noch nicht abgesegnet ist, wird wohl auch nichts Genaueres in Erfahrung zu bringen sein, schlicht weil es noch nichts Genaues zu erfahren gibt.

Trotz allen Unschärfen und Unklarheiten schaffte es Supino im einstündigen von Moderator René Donzé unterhaltsam geführten Talk doch, viele im Publikum von seinen hehren Absichten zu überzeugen. Er will Pressevielfalt. Er will grösstmögliche Autonomie für die Redaktion in Winterthur. Er will eine bessere Zukunft für den «Landboten» dank der Kooperation mit einem grossen Verlagshaus. Warum man Supino das gestern geglaubt hat? Vielleicht, weil er sagte, dass ihm sein Verlagshaus, das sein Ururgrossvater gründete, am Herzen liegt. Vielleicht, weil er erzählte, dass er als Sechsjähriger zum ersten Mal Vollenweider-Schokolade geschenkt bekam und seither immer zu Ostern einen Mandelhasen aus Winterthur isst. Vielleicht, weil er geschickt und mit Charme verschiedenen Bekannten im Saal Lob verteilte – am Schluss sogar allen ausser einem. Vielleicht, weil er mit Engagement Red und Antwort stand. Vielleicht auch, weil man es einfach gerne glauben will.

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