Weisslingen

Der Text beginnt, wo Irritation zu finden ist

Die Baslerin Gianna Molinari hat einen Roman vorgelegt, der Presse und Publikum begeisterte: Die wahre Geschichte um einen dunkelhäutigen Toten, der im Waldtobel von Weisslingen gefunden wurde. Nun ist Molinari für den Schweizer Buchpreis nominiert.

Die Nominierung für den Schweizer Buchpreis 2018 macht ihr vor allem Mut, weiterzuschreiben: Gianna Molinari, deren Debüt im Waldtobel von Weisslingen angesiedelt ist.

Die Nominierung für den Schweizer Buchpreis 2018 macht ihr vor allem Mut, weiterzuschreiben: Gianna Molinari, deren Debüt im Waldtobel von Weisslingen angesiedelt ist. Bild: Christoph Oeschger

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Spätestens seit der Nominierung ihres Debütromans «Hier ist noch alles möglich» für den Schweizer Buchpreis 2018 steht Gianna Molinaris literarisches Schaffen im Fokus der medialen Aufmerksamkeit. Vom Rummel um ihren weit gelobten Roman bemerkt man jedoch kaum etwas, wenn man die bodenständige Dreissigjährige zum Kaffee trifft.

Sie lässt ihren Blick durch das Fenster aufs erwachende Leben des mit Kopfsteinpflaster versehenen Marktplatzes in Altstetten schweifen und sagt: «Schreiben hat immer mit einem Blick auf die Welt zu tun und dem Realen, in dem man sich bewegt.»Das Fenster begrenzt ihren Blick nach draussen auf einen ­bestimmten Ausschnitt.

In ihrem literarischen Schaffen spielt die Frage des Ausschnitts und der Begrenzung des Blickes auf die Welt eine zentrale Rolle: «Von wo aus wird geschaut, was ist für wen sichtbar und was unsichtbar, was wirklich und was unwirklich?

Ungeduld und Zweifel

Es sind reale Geschehnisse, aus welchen Gianna Molinari Inspirationen für ihr literarisches Schaffen schöpft. Dies gilt auch für ihren Debütroman. Ausgangspunkt bildet hier ein Radiobeitrag über den mysteriösen Todes­fall eines Mannes, der vom Himmel fiel, aus dem Jahr 2010.

«Im Schreiben gab es immer einen Wechsel zwischen grosser Nähe und Distanz zum Text.»Gianna Molinari, 
Autorin
«Hier ist noch alles möglich»

Es ist die wahre Geschichte eines dunkelhäutigen Toten, der ohne Papiere im Waldtobel von Weisslingen gefunden wurde. Erst die abgeknickten Äste der umstehenden Bäume gaben den ausschlaggebenden Hinweis auf die Todesursache: Der Mann war höchstwahrscheinlich ein Geflüchteter, der sich im Fahrwerk eines Flugzeugs versteckt hatte und der abstürzte, als sich die Fahrwerksklappen während des Fluges öffneten.

Als der Vorfall passierte, studierte Gianna Molinari im zweiten Jahr am Literaturinstitut Biel. Konstant sollte dieser Vorfall den über sechs­jährigen Entstehungsprozess ihres Debütromans begleiten. «Im Schreiben gab es immer einen Wechsel zwischen grosser Nähe und Distanz zum Text», sagt die gebürtige Baslerin. «Die Phasen, in denen ich den Text über einen längeren Zeitraum ruhen liess, waren sehr hilfreich, weil ich danach mit einem anderen Blick wieder ans Schreiben gehen konnte, Dinge anders sichtbar wurden oder Schwierigkeiten sich auflösten.»

Auch spricht sie von den oftmals ambivalenten Gefühlen zwischen der Ungeduld, das Geschriebene endlich der Öffentlichkeit zu präsentieren, und dem Zweifel, dass der Text eben doch noch nicht ganz fertig ist, dass es noch Zeit braucht.

Worte in die Welt hinaus

Wenn Gianna Molinari beschreibt, wie sie an ihren Texten arbeitet, spricht sie vom «Rhythmusgefühl», dem Erweitern, Kürzen und Verschieben von Passagen und dem Entwickeln eines Eigenlebens ihrer Texte. Schreiben bedeutet für Gianna Molinari, einen Dialog zwischen sich selbst und ihrem Text zu führen.

Wichtig für ihren Schreibprozess ist der Austausch mit anderen Schriftstellern wie beispielsweise Julia Weber, die mit ihr am Literatur­institut in Biel studierte und mit der sie 2015 die Gruppe Literatur für das, was passiert, lancierte. Nicht die Hoffnung auf Ruhm oder die Profilierung in der Schweizer Literaturszene ist es, welche Gianna Molinari antreibt. Es sind der Wunsch, dass die eigenen Worte in Buchform physisch in die Welt hinausreichen, und die Hoffnung, dass Literatur ­etwas sichtbar machen kann, das vorher unsichtbar war.

Dementsprechend übersteigt ihr Schreiben die dokumentarische Wiedergabe des Geschehenen. Vielmehr ist es eine literarische ­Verarbeitung, welche Grenzen erprobt und den Ausschnitt der Wirklichkeit in einer neuen Rahmung präsentiert. So eröffnen ­ihre Texte Möglichkeitsräume zwischen Realität und Fiktion und lassen deren Grenzen durchlässig erscheinen.

Diese Schnittstelle entfaltet eine Wirkungsmacht und wirft zentrale Fragen auf, welche ihr literarisches Schaffen beeinflussen. Es sind Fragen nach den Akteuren, den Handlungsmächtigen – schlicht den Menschen, welche den Ausschnitt festlegen, mit dem wir auf die Welt blicken –, welche Gianna Molinari beschäftigen.

Der Wunsch, dass alles möglich ist, steht im starken Kontrast zur Realität, in welcher eben nicht für alle alles möglich ist. Wie beispielsweise für den Mann, der vom Himmel gefallen ist und der seine Hoffnung auf Möglichkeiten mit seinem Leben bezahlte.

Über den Einfluss der Nominierung ihres Debütromans für den Schweizer Buchpreis 2018 auf ihr weiteres literarisches Schaffen äussert sich die bescheidene Autorin eher vorsichtig.

Keine Angst vorm leeren Blatt

Positive mediale Resonanz sei in der Literaturszene zwar von Inter­esse, da sie die Sichtbarkeit der eigenen Texte steigere, in erster Linie bedeute die Nominierung aber vor allem Anerkennung für das Geschriebene und generiere den Mut, weiterzuschreiben. Angst vor dem leeren Blatt kennt Gianna Molinari nicht, denn es ist so viel da draussen in der Welt, worüber es sich zu schreiben lohnt, und noch wichtiger: Worüber sie schreiben will.

Dort wo eine Irritation stattfindet und sie berührt wird, wo ein Wort fällt oder ein Satz, den sie schön findet, dort fängt der Text an – oder dort könnte er anfangen. Bei ihr ist alles möglich.

(Der Landbote)

Erstellt: 12.10.2018, 10:10 Uhr

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