Zum Hauptinhalt springen

Der Tod des anderen

Henriette Vásárhelyis Erstling «immeer» kreist um den angekündigten Tod eines jungen Mannes und das Leben, das der Tod für die anderen bedeutet.

Die Landschaft, in der Henriette Vásárhelyis Buch spielt, ist kein Gelände, das man freiwillig betritt: Es geht in «immeer», dem Debütroman der 36-jährigen, in Biel lebenden deutschen Autorin Henriette Vásárhelyi, um die Höhen und Tiefen des überaus langsamen Sterbens eines jungen Mannes. Höhen und Tiefen, die man als Leserin gleichsam spiegelbildlich zu sehen bekommt: wie sie sich nach seinem Tod im Leben seiner Freundin Eva Blach wiederholen. So wie in einem Gedicht von Mascha Kaléko, in dem es heisst, dass man den eignen Tod «nur sterben» müsse, «doch mit dem Tod der andern musst du leben». Zwar ist die Geschichte von Jans immer nachwachsendem Hirntumor quälend lang. Irgendwo scheint die düstere Drohung immer gehockt zu haben in der langen gemeinsamen Geschichte von Jan und Eva, die begann, als Jan 13 war. Zu dieser Geschichte gehört auch Heiner, gehört die Berliner WG der drei; später Heiners Alkohol- und Drogenexzesse, die Eva irgendwann nicht mehr dulden wollte. Dazu gehört auch die Geschichte, dass Eva ihn als Dealer verriet, und schliesslich, dass Jan irgendwann nur noch Heiner sehen und nicht mehr länger mit Eva zusammenwohnen wollte. «immeer» ist die Geschichte einer verschworenen jugendlichen Gemeinschaft, die Eifersucht und wechselnde Loyalitäten durchläuft, Grenzen sprengt und Autoritäten herausfordert und die immer wieder versucht, das Unvergessliche zu vergessen: dass die Unbeschwertheit der Jugend nur bis dorthin möglich war, wo sie die Zeitbombe ticken zu hören begannen. Irgendwann war es dann so weit: «Zwei Jahre vor seinem Tod datiere ich die erste Zäsur, sein langsamer Abschied vom mir allgegenwärtigen Jan-Ich.» Es ist eine Chronologie jener Selbstentfremdung, die durch die Krankheit Hirntumor geschieht; einer Verstörung, die aber Eva eher näher an Jan heranrückt statt von ihm fort. Die Ich-Erzählerin rekapituliert. Erinnerungsfetzen schieben sich hinein in den Stoff von ihrem Hier und Heute, von ihrem Joballtag in einem Hotel, von den vergeblichen Versuchen von Jans Eltern, sie zu erreichen, um die Sachen ihres Sohnes abzuholen; von Rupert Monn, den sie kennen lernt, weil sie Jans Telefonnummer angerufen hat, und sich eine neue Stimme meldete. Alb der Erinnerung In der Erzählzeit des Buches ist Jan tot – aber der Alb seines möglicherweise nahen Todes, der über dem Leben lag, ist für Eva nun der Alb der Erinnerung geworden. Kaum hat sie es geschafft, seine Sachen in Kisten zu räumen und vor die Wohnung zu stellen, räumt sie sie wieder zurück, «um meine Erinnerungsfähigkeit zu überprüfen, (weil ich) sehen will, ob in meinem Kopf eingebrannt ist, wo alles gestanden hat, ob ich noch weiss, wie alles gewesen ist in meinem längst verstrichenen Damals». Nein, ihr Weg des Abschiednehmens ist keiner, der irgendeiner Ordnung folgen würde. Oder gar der Hoffnung ihres neuen Freundes Rupert Monn, dass langsam wieder «Normalität» einkehre. Fast scheint es, als sei Eva selbst sterbenskrank; sie erbricht sich, bleibt der Arbeit fern, zieht sich immer weiter in sich selbst zurück und erzählt ihre wichtigsten Gedanken den Fliegen, die sie danach erschlägt. Lapidar, mit zornigem Witz, zeichnet die Erzählerin das Protokoll ihres Alltags: «Doch ich sitze hier. Ich sitze auf einem Kunststoffsitz einer S7, rekapituliere mein mageres Leben mit Jan Strübing, und vor mir sitzt ein Schwitzhaar, der sich nicht ganz sicher ist, ob er unauffällig genug in seine Übergrössenhose onaniert.» Grosse Fragen Wohin gehen Intimität, Liebe, Identität, wenn all das mit jemandem gewachsen ist, der nun nicht mehr da ist? Diese grosse Frage stellt Vásárhelyi unbeantwortbar in den Raum, und sie wird nicht leichter zu tragen durch ihre Erinnerungen daran, dass Jan nicht wirklich ihr Geliebter, sondern homosexuell war. Wohin geht Eva, die mit alldem nicht fertig werden kann? Henriette Vásárhelyi erzählt die fortschreitende Vereinsamung ihrer Protagonistin so, dass man die Logik dieser Vereinsamung, dieser Verweigerung von Rückkehr ins Reich der Lebenden zu begreifen meint. Ihre Sprache ist packend, klar und tief; vielleicht liegt das am Meer, das den Fluchtpunkt des Romans darstellt. «Im Meer» spielen der Anfang und das Ende des Romans; liegt der Sehnsuchtsort von Jan und Eva, die ihn auch im Tod nicht verlassen will.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch