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Der Traum eines würdigen Lebens

Marcia und Carolina geniessen den lang- sam wahr werdenden Traum: ein menschenwürdiges Zuhause! Bis jetzt stehen nur die Wände, doch das offene Fenster bietet jetzt schon eine eindrückliche Aussicht auf die Favela Cantinho do Céu, wo über dreitausend Familien auf engstem Raum ums Überleben kämpfen. Can- tinho do Céu, das heisst «kleine Himmelskante».Geradezu zärtlich haben die Bewohner so ihre Favela in der Südzone von São Paulo getauft. Sie zeigen damit, wie das brasilianische Volk sich trotz sozialer Ungleichheit, Ausgrenzung und Armut mit hartnäckigem Optimismus in die Zukunft kämpft.

Noch vor drei Jahren lebten Marcia und Carolina mit ihren Eltern in einer einräumigen Hütte aus Holz mit Eternitdach. Stube, Küche und Schlafzimmer: alles in einem Raum. Damals war der Fernseher noch das einzige offene Fenster zur Welt. Ihr Vater arbeitet als Nachtwächter, die Mutter verkauft Gewürze auf dem Markt. Marcia und Carolina helfen ihr dabei und versuchen, Abnehmer für die saftig grünen Zitronen zu finden.

Der Vater verdient nicht mehr als einen staatlich fixierten Mindestlohn, der heute 290 Franken entspricht. Das ist nicht viel. Dennoch zeichnet der Mindestlohn in den letzten zwölf Jahren eine stetig steigende Kurve mit einer Realerhöhung von über 70 Prozent. Das ist sicher das wirksamste Sozialprogramm des letzten Jahrzehnts und ermöglichte der Familie, die improvisierte Bretterbude langsam aus Stein zu bauen. Heute ist auch das Betondach fertig und die Wände des Schlafzimmers sind auch schon gebaut. Im zwanzig Millionen Menschen zählenden Stadtteppich von São Paulo verbergen sich dennoch bis heute über zweitausend Favelas und Elendsviertel. Ein Drittel der Bevölkerung überlebt in unmenschlichen Wohn- und Lebensbedingungen. Deshalb ist es nur logisch, dass die Forderung nach Verbesserung der Wohnsi­tua­tion das sichtbarste Anliegen der Kundgebungen im Umfeld der Fussball-WM ist. Ein wirksames Beispiel im Vorfeld der WM war die Besetzung eines Grundstückes in der Nähe des Eröffnungsstadions der WM in São Paulo. Über tausend Familien haben das seit Jahrzehnten unbenutzte Land vor zehn Tagen besetzt und kommen in den Verhandlungen mit der Regierung überraschend schnell und positiv voran. Was die internationale Presse oft als masslose Unruhen und als wachsendes Sicherheitsrisiko darstellt, ist nichts anderes als der Einsatz von Menschen für ein Leben in Würde. Durch vereinigte Kraft werden Veränderungen langsam Tatsache. Hoffentlich geniessen bald Hunderte von Marcias und Carolinas die Verwirklichung des lang gehegten Traums, ein würdiges Dach über dem Kopf haben zu können.

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