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Der Tunnel der Hoffnung

LUGANO. Gestern hat Lugano den neuen Strassentunnel Vedeggio–Cassarate eingeweiht. Die bange Frage bleibt: Kann diese Röhre den Verkehrskollaps in der grössten Stadt des Tessins abwenden?

700 Personen waren gestern zur offiziellen Eröffnung des Strassentunnels Vedeggio–Cassarate in Lugano geladen. Unter den Gästen war auch Bundesrätin Doris Leuthard. Was den Strassenbau betreffe, sei 2012 ein «Tessiner Jahr», sagte die Verkehrsministerin in Anspielung auf den Beschluss des Bunderates, eine zweite Röhre durch den Gotthard zu bauen. Nach der Einsegnung des 2,8 Kilometer langen Bauwerks durch Bischof Don Giacomo Grampa rollten dann die ersten Autos durch den Tunnel, auf den die Luganesi seit Jahrzehnten gewartet hatten. Dieser bringt eine direkte Verbindung von der Autobahnausfahrt Lugano Nord (Vedeggiotal) zum Gebiet nördlich des Fussballstadions Cornaredo (Cassaratetal). «Er ist der Leuchtturm im Verkehrsplan des Luganese», sagt der Tessiner Bau- und Umweltdirektor Marco Borradori (Lega). Und entsprechend teuer. Gesamtkosten: 355 Millionen Franken, davon 205 Millionen zulasten der Eidgenossenschaft.

Endlose Blechschlangen

Die Hoffnungen sind gross: Der Tunnel soll eine Verkehrsentlastung der Innenstadt sowie von Wohnquartieren bringen, aber auch generell zu einer Verflüssigung des Verkehrs beitragen. Die grösste Tessiner Stadt leidet seit Jahren unter einem stetig wachsenden Verkehrsaufkommen. Endlos sind die Blechschlangen nicht nur zu Stosszeiten. Der Pendlerverkehr ist enorm. Die wirtschaftliche Polstadt mit knapp 60 000 Einwohnern zählt mehr als 38 000 Arbeitsplätze. Die Idee für den Tunnel reicht bis in die 1960er-Jahre zurück. Aber erst am 6. März 2006 begannen die Bohrungen für einen Sondierstollen, im Januar 2007 diejenigen für die Hauptröhre. Am 15. Mai 2009 erfolgte der Hauptdurchschlag.

Für die Verkehrsführung in Lugano bedeutet dieser Tunnel eine Revolution. Denn er wird zu einer neuen Haupteinfahrt im Norden der Stadt. Die Experten rechnen mit 25 000 Fahrzeugen pro Tag. «Hoffen wir, dass es nicht wie beim Gotthard-Strassentunnel dann wesentlich mehr werden», zeigt sich Borradori besorgt. Damit der Tunnel als neue Einfallsachse funktioniert, wurde am vergangenen Sonntag die gesamte Strassenführung auf den Kopf gestellt. Denn es muss sichergestellt werden, dass es bei der Einfahrt nach Lugano nicht zu einem Chaos und damit zu einem Rückstau im Tunnel kommt. Etliche Strassen wechselten die Fahrtrichtungen, und ein neues, intelligentes Ampelsystem steuert nun den Fluss der Autos.

Die entscheidende Frage bleibt aber, ob das Quartier bei Cornaredo in der Lage ist, den Zustrom an Fahrzeugen zu verkraften. Viele Kritiker bezweifeln, dass das gewählte Konzept funktioniert. Kein Tag vergeht, ohne dass Lega-Chef Giuliano Bignasca gegen die neue Verkehrsführung wettert und die zuständigen Beamten als «inkompetent» abstempelt. Für eine effiziente Umsetzung des Verkehrsplans ist es nötig, dass die flankierenden Massnahmen greifen, insbesondere das «Park & Ride»-Konzept mit dem empfohlenen Umstieg auf den öffentlichen Stadtbus. Am Tunnelausgang Cornaredo steht ein neues Parkhaus mit 400 Stellplätzen zur Verfügung, das auf Privatin­itia­ti­ve der Gebrüder Mantegazza erbaut wurde und vorläufig nur für fünf Jahre genutzt werden kann. Achthundert weitere Plätze finden Pendler in der benachbarten Zone am Stadion von Lugano.

Zu wenig Parkplätze entfernt?

Mit diesem P&R-Konzept wurde eine wichtige Auflage des Bundes für den Erhalt der Subventionen erfüllt. SP-Grossrat Nenad Stojanovic aus Lugano kritisiert aber, dass die Vorgaben der Eidgenossenschaft bei der Parkplatzbewirtschaftung nicht streng genug umgesetzt wurden. Ein versprochener P&R-Parkplatz bei der Tunneleinfahrt in ­Vezia fehle bis heute, und im Stadtzen­trum seien zu wenig Parkplätze entfernt worden. Das widerspreche dem Geist des Verkehrsplans genauso wie die Tatsache, dass Parkhäuser in der Innenstadt die erste halbe Stunde immer noch gratis anböten.

Der langjährige Stadtpräsident Giorgio Giudici (FDP) hat indes wiederholt klargemacht, dass er den ÖV zwar fördern, aber keinen fundamentalistischen Kampf gegen das Automobil führen wolle: «Das Auto ist Teil unserer Gesellschaft.» Dabei kann er sich auf die Ticinesi verlassen: Im Gegensatz zur Deutschschweiz steht bei den Tessinern der ÖV nicht sehr hoch im Kurs.

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