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Der Turm namens Hoffnung

Neftenbach Als neuester Teil einer 692 Jahre alten Mühle steht in Neftenbach ein Silo- und Maschinenturm. Seit dem Ende des Mühlenbetriebs ist er leer.

I n einem kühlen Grunde, da geht ein Mühlenrad»: So beginnt der Schriftsteller Joseph von Eichendorff ein Liebesgedicht. Das Geräusch des Mühlrads macht den Erzähler im Gedicht todtraurig, weil es ihn an eine verlorene Geliebte erinnert. In der Warth-­Mühle in Neftenbach könnte das empfindsame Dichtergemüt leicht Linderung finden. Das Mühlenrad gibt es nicht mehr. Die Mühle steht seit über 25 Jahren still.

Die Mühle selbst, ein Fachwerkbau aus dem Jahr 1697, liegt so romantisch wie in einem Gedicht von Eichendorffs im kühlen Grunde des Näfbachs. Neben den Bauwerken der alten Müllerei erhebt sich ein Siloturm. Er besteht aus einem Betonquader sowie aus einem Gebäudeteil in leichterer Bauweise seitlich und über dem Quader. Es ist ein rein funktionaler Bau, abgesehen von einem Walmdach. Mit dem Dachaufsatz versuchten die Erbauer offenbar, das Gebäude ins ländlich geprägte Ortsbild von Neftenbach einzufügen. Der Turm wurde 1976 gebaut. Er sollte damals den Abstieg der Mühle aufhalten. Dies berichten der Historiker Eugen Ott und auch Hans Angst, Sohn des letzten Müllers in der Warth-Mühle.

Hans Angst führt weiter aus, dass seine Familie die Mühle ganze hundert Jahre lang betrieb. Das Unternehmen funktionierte als Kundenmühle. Das heisst, die Bauern brachten ihr eigenes Getreide zum Mahlen. Im Zweiten Weltkrieg bekamen Landwirte nur beschränkt Lebensmittelrationen zugeteilt. Sie wurden verpflichtet, sich selbst mit allem Nötigen zu versorgen, auch mit Getreidemehl. Diese Selbstversorgung mit Getreide wurde nach dem Kriegsende weiterhin vom Bund subventioniert. Erst 1985 hob eine Volksabstimmung das entsprechende Gesetz auf. Das bedeutete das Ende vieler kleinerer Mühlen im ganzen Land. Hans Angst bedauert es, dass die staatlich geförderte Selbstversorgung gestrichen wurde: «Sie hat doch auch dazu beigetragen, dass man mit dem Kulturland sorgfältiger umging. Ich würde sie wieder einführen.»

Vater Angst, der ehemalige Müller, erwies sich als weitblickender Unternehmer. In den 1970er-Jahren baute er ein zweites Standbein für seinen Betrieb auf. Er begann Futtermittel zu mahlen. Um das Viehfutter zu lagern, liess er den Turm bei der Mühle errichten. Der Betonteil diente als Speicher. In den anderen, mit braunem Eternit verkleideten Gebäudeteilen arbeiteten Maschinen. Doch aller Weitblick half nichts. Als Vater Angst starb, gab es keinen geeigneten Nachfolger. Ausserdem war die Konkurrenz von Grossmühlen übermächtig. 1988 wurde die Warth-Mühle stillgelegt. Das Mühlenrad drehte sich noch ein paar Jahre, bis in den 1990er-Jahren ein Holzstück die Mechanik blockierte und das Räderwerk zerbrach. Seit der Ersterwähnung der Mühle am Näfbach im Jahr 1322 hat 660 Jahre lang die Kraft des Wassers die Mühlsteine angetrieben.

Aus der ehemaligen Mühle ist ein Wohnhaus geworden. Die neuen Besitzer haben die alte Bausubstanz erhalten. Hans Angst: «Dar­auf haben wir beim Verkauf geachtet.» Rund um das Gebäude liegen noch mehrere Mühlsteine. Die einen sind verwittert, auf anderen sind noch die Rillen zu sehen, in denen die Körner zunächst zerkleinert wurden. Auch der Kanal, der einst Wasser zur Mühle leitete, fliesst wie in alten Zeiten durch Neftenbach. Im Dorfzentrum macht er aus einem Ortsteil ein winziges Venedig, schiesst dann neben der Mühle eine steile Rampe hinunter. Hier trieb er das Wasserrad an. Dies alles sind Zeugen eines alten und stolzen Handwerks, das heute fast ausgestorben ist. Überragt werden sie vom Mühleturm, auf den man einst die Hoffnungen setzte.

Christian Felix

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