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Der Turmzwerg am Wegrand

Sie wirken altertümlich, sie sind unscheinbar, trotz abenteuerlicher Formen: die Trafotürme. Dennoch stehen sie noch heute im Dienst.

Ein Türmchen steht am Wege, könnte man in Abwandlung eines altbekannten Kinderlieds schreiben. Es ist winzig, kaum jemand beachtet es. Es macht den Eindruck, dass der Zwergturm am Dorfeingang oder an der Landstrasse längst ausgemustert ist. Doch das ist falsch. Urs Wenger, der Leiter des Netzbüros bei den Elektrizitätswerken des Kantons Zürich (EKZ), öffnet eine Metalltür. Wir sind in Volken, wo am Dorfrand, im Schatten alter Bäume, ein Trafoturm steht, der tatsächlich aussieht wie eine ins Riesenhafte aufgeschossene Morchel. Das kleine Bauwerk ist im für die 1910er-Jahre typischen Verschnitt zwischen Jugend- und Heimatstil gebaut. Ein Doppelgänger davon steht in Waltalingen bei Stammheim.

Im Innern sind elektrische Apparate angeordnet. Urs Wenger weist jedoch in die Tiefe. Einen guten Meter unter dem Erdboden laufen Leitungen zusammen. «Hier kommt die Mittelspannungsleitung – 16 000 Volt – in den Trafoturm. Wie die meisten Leitungen verläuft sie heute unterirdisch.» Damit erklärt sich die seltsame Form des Turms, sein aus dem Dach spriessender Kamin. Oben am Türmchen waren die Isolatoren aus Porzellan befestigt. Sie hielten die Kabel, die einst oberirdisch über Land liefen, weit, über die Umgebung hinaus, in alle Welt. Wie zur Anschauung verläuft unweit des Trafotürmchens noch eine Freileitung durch den Weinberg von Volken. «Sehen Sie, das sind alles Holzmasten. Ein Angestellter der EKZ muss regelmässig die Leitung entlang gehen und den Zustand der Masten kontrollieren. Dazu kommt die Gefahr, dass Schneemassen oder Stürme die Leitungen herunterreissen», erklärt Urs Wenger. Kein Wunder, ersetzten die EKZ nach dem Sturm Lothar 1999 besonders viele Freileitungen.

In einem Trafoturm wird allgemein eine höhere Spannung durch einen Transformator in eine niedrigere umgewandelt. Vom Transformator aus wird der Strom über Niederspannungsleitungen im Quartier oder im Dorf verteilt. Urs Wenger öffnet eine andere Tür des Türmchens. Hier liegt der Zugang zu Schaltungen und Sicherungen – und zu sorgfältig aufbewahrten Plänen. In verschiedenen Farben sind Leitungsäste mit ihren Verzweigungen eingezeichnet. Dazu Urs Wenger: «So wissen wir von den EKZ genau, wo der Strom unterbrochen werden muss. Bei Bauarbeiten zum Beispiel. Es kommt auch vor, dass bei einem Brand ein Mitarbeiter von uns notfallmässig ausrücken muss, um die Leitung auszuschalten.»

Es gibt noch ein zweites Stromnetz. Es versorgt die Strassenbeleuchtung. Diese wird von Dämmerungssensoren in der EKZ-Zentrale gesteuert. Volken und viele andere Ortschaften lassen die Strassenleuchten nach Mitternacht ausschalten. In Winterthur wird die Beleuchtung spätnachts reduziert. Urs Wenger: «Jede Gemeinde entscheidet selbst, ob und wie sie in der Nacht beleuchtet wird.»

Moderne Trafostationen sehen heute aus wie graue Container. In Städten sind sie oft in Gebäude integriert. Die Zeiten, als sich Architekten in den Knirpstürmchen austoben konnten, als sie am Laufband bezinnte Burgen, gotische Kathedralen und Moscheen in Miniatur entwarfen, sind vorbei. Dafür gibt es inzwischen Bücher und Internetseiten, die diese alten Trafotürmchen dokumentieren. Die Zwerge am Dorfrand haben ihre Fans!

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