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Der Typ mit den viel zu teuren Schuhen

Mat liebt ihn oder man hasst ihn - Shaun White polarisiert wie kein anderer Wintersportler. Der 27-Jährige will heute zum dritten Mal Olympiasieger werden.

Für die US-Fernsehsender ist es der olympische Wettkampf schlechthin. Wenn heute Abend (18.30 Uhr mitteleuropäischer Zeit) die Snowboarder in der Halfpipe um die Medaillen fahren, atemberaubende Höhen erreichen und Mehrfachsalti mit Schrauben zeigen, dann schauen die Amerikaner genau hin. Es ist die Bühne von Shaun White. Er ist der Favorit in diesem Spektakelwettkampf, ungeachtet seiner diversen Stürze, die er in den vergangenen Wochen erlitt. Doch wer ist dieser Superstar, der sich selbst so bezeichnet? Er gilt als polarisierendes Jahrhunderttalent, ist längst mehr als «nur» Sportler. Das Wunderkind Es klingt wie typisch amerikanischer Kitsch. Nicht etwa in den Bergen, nein am Strand fängt alles an. Shaun White kommt 1986 in San Diego, Kalifornien, zur Welt. Er hat einen Herzfehler, muss vor dem ersten Geburtstag zweimal operiert werden. Die Mutter verbietet ihm deswegen das Skifahren, die Knirpse in der Gegend bezeichnen ihn als sportliche Niete. Als 6-Jähriger schnappt sich White ein Snowboard, sein Talent ist selbst für Laien nicht zu übersehen. Die Eltern ordnen dem Erfolg alles unter, fahren mit ihm so oft wie möglich in die Berge, übernachten dabei im kalten ­Minivan. Mit 7 wird White vom Snowboardhersteller Burton unter Vertrag genommen, mit 8 ist er Vorfahrer am US Open. Mit 13 verlässt er die Schule, mit 16 verkörpert er Weltspitze, schenkt Mutter und Vater eine Villa. Der Überflieger 2006 in Turin und 2010 in Vancouver wird White überlegen Halfpipe-Olympiasieger, 13-mal hat er an den X-Games triumphiert. Den in der Szene prestigeträchtigen Extremsportevent gewinnt er als Erster sowohl im Winter als auch im Sommer – auf dem Snow- und dem Skateboard. Auf sein Erfolgsrezept angesprochen, sagt der Überflieger: «Ich lebe am Strand. Ich surfe und skate viel, das macht mich immer total heiss auf den Winter.» White geht seine eigenen Wege, trainiert oft alleine in der Abgeschiedenheit. Ein Sponsor stellte ihm eigens eine Pipe in den Rocky Mountains zur Verfügung. Dem Zufall überlässt er nichts, wie folgende Anekdote verdeutlicht: Weil ihm während einer Trainingswoche in Österreich das Luftkissen, das zum Trainieren neuer Sprünge gebraucht wird, zu hart ist, zahlt er den Organisatoren 15 000 Franken, damit diese ein neues beschaffen. Der Unternehmer Er ist extravagant, erfolgreich, hat eine spezielle Geschichte – Shaun White gilt als Traum eines jeden Werbers. Sein Portfolio ist beeindruckend, gemäss der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» bringt ihm alleine der Vertrag mit einer Supermarktkette jährlich 10 Millionen Dollar ein. White hat einen Imagewandel hinter sich, vom Brand der «fliegenden Tomate» will der Rotschopf nichts mehr wissen. Obschon einzelne Fans gar mit Selbstmord drohten, rasierte er sich die langen Haare. White ist längst mehr als nur Sport- und Medienstar, er ist Geschäftsmann geworden. 2010 gründete er die Shaun White Enterprises, die Sponsorenkontakte pflegt und die Vermarktung diverser Projekte koordiniert. Von ihm gibt es Videospiele, er hat eine eigene Kleiderlinie und unlängst das Snowboardevent Air & Style übernommen. White ist zum Krawattenträger mutiert – «ich nehme die Dinge ernster», lässt er in Sotschi verlauten. Der Entertainer Sportstar und Geschäftsmann – offenbar genügt dies White nicht. Er spielte in Hollywood-Filmen, freilich nicht als Schauspieler, sondern sich selbst. Nun gibt er noch den Rockstar. Bei einem Contest habe er eine Gitarre gewonnen, diese aber ein Jahr unter dem Bett liegen lassen, erzählt der Amerikaner. Er wurde angestachelt, als er sah, wie gut ein kleiner Nachbarsjunge das In- s­trument im Griff hatte. Tag für Tag übte er – «ich wollte besser sein als der Knirps». White ist Leadgitarrist der Rockband Bad Things; natürlich ist es seine Band, natürlich ist sie professionell aufgestellt mit einem Vertrag beim Branchenriesen Warner Brothers. Im vergangenen Sommer tourte die Gruppe durch die USA, «wir schliefen im Van, so wie ich das früher in den Bergen mit den Eltern getan habe». Die musikalischen Darbietungen jedoch werden von Experten nicht sonderlich gewürdigt. Die «New York Times» schrieb überdies, White sehe bei Konzerten aus wie ein Typ, der viel zu teure Schuhe trage und von seinem Leben davonlaufen möchte. Der Unbeliebte White hat weltweit Tausende von Fans, in der Szene indes ist er nicht sonderlich beliebt. Trotz längst bestehender Professionalisierung definiert sich die Snow­boardwelt nach wie vor über den Gemeinschaftsgedanken. White hält davon wenig, «ich glaube nicht, dass man mit jemandem eng befreundet sein kann, gegen den man Contests fährt». Er mag nicht mit seinen Rivalen rumhängen, mit ihnen über neue Tricks sprechen. Nachdem Kevin Pearce, sein einstiger Konkurrent, schwer gestürzt war und ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten hatte, meinte White: «Jeder sollte im Rahmen seiner Fähigkeiten fahren.» Zuweilen wird er als angeberisch, geldgeil, egoistisch bezeichnet – der Neid dürfte eine Rolle spielen. In Sotschi präsentiert sich der 27-Jährige mitunter schnippisch. An der Pressekonferenz sagte er letzte Woche, er freue sich aufs Slopestyle-Rennen. Um eine Stunde später per Twitter-Meldung abzusagen.

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