Filmreihe

Der unwiderstehliche Reiz der Albträume

Die Filme von Nicolas Roeg muten wie Vorboten eines enthemmten zeitgenössischen Kinos an.

Julie Christie und Donald Sutherland als Ehepaar Baxter in «Don’t Look Now» von Nicolas Roeg.

Julie Christie und Donald Sutherland als Ehepaar Baxter in «Don’t Look Now» von Nicolas Roeg. Bild: pd

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In seinen letzten Jahren war es ruhig geworden um den britischen Regisseur und Kameramann Nicolas Roeg; als er im November 2018 starb, hätten die meisten wohl kaum den Titel seines letzten Filmes zu nennen gewusst – das Fantasy-Horror-Drama «Puffball» kam 2007 ins Kino. De facto aber hat der 1928 Geborene eine ganze Reihe von Filmen gedreht, die bei ihrem Erscheinen nicht unumstritten waren, sich aber nachträglich markant in die Filmgeschichte einschrieben.

Da ist einmal «Walkabout» von 1971, um ein Initiationsritual aufgebaut, in dem zwei Siedlerkinder und ein Aborigine-Junge meilenweit durch Australiens Outback wandern; die 1987 entstandene verbiesterte Robinsonade «Castaway», die ganz unverhofft auf spätere TV-Formate wie «Dschungelcamp» verweist. Vor allem aber die in der relativ kurzen Schaffensphase zwischen 1973 und 1980 entstandenen «Don’t Look Now», «The Man Who Fell to Earth» und «Bad Timing, A Sexual Obsession». Vielleicht sind sie besser bekannt unter ihren (um einiges plumperen) deutschen Verleihtiteln «Wenn die Gondeln Trauer tragen», «Der Mann, der vom Himmel fiel» und «Black out – Anatomie einer Leidenschaft».

Verstörung

Müsste man benennen, was die drei Letztgenannten, die zusammen mit dem 1970 entstandenen Regiedebüt «Performance» den Korpus der Cameo-Reihe bilden, kennzeichnet, käme man wohl auf den Begriff «Verstörung». Es geht um die Verstörung, die sie beim Zuschauer auslösen. Denn wer immer diese Filme sieht, wird ihre Bilder – und zum Teil auch ihre Klänge – so schnell nicht wieder los: Das Rot des Anoraks des im Teich ertrinkenden Mädchens, das sich als narrative Spur durch «Don’t Look Now» zieht, das ebenda anzutreffende, irre Gelächter einer blinden Seherin; der psychedelische Sound und die Splitter einer für die damalige Zeit sehr freizügig gefilmten Sexszene, die sich im Intro von «Performance» über die aus der Luft gefilmte Fahrt eines Rolls-Royce legen.

Roeg hat ein Flair für das Gruselige und Übersinnliche.

Auch da zu finden: stark vernebelte Drogenszenen und abdriftende Gespräche, wie man sie – noch etwas heftiger, aber durchaus vergleichbar – Jahre später bei Tarantino findet. David Bowies Himmelssturz und sein zwischendurch unverhofft ins Attraktiv-Gruselige kippendes Aussehen in «The Man Who Fell to Earth». Unvergesslich auch die Szene, in der Roegs spätere Ehefrau Theresa Russell in «Bad Timing» ihrem zwanzig Jahre älteren Geliebten – dem von Alex Garfunkel gespielten Psychiater Alex Linden – in dunkelster Nacht vom Balkon aus minutenlang völlig enthemmt Geschirr nachschmeisst.

«Für kranke Menschen»

Schönheit und Entstellung, Geist und Wahnsinn, Attraktion und Aversion, innige Liebe und tödlicher Hass, filmische Eleganz und die unverblümte Darstellung unsagbaren Schreckens: In Roegs Filmen steht solches virtuos inszeniert und parallel montiert furchtlos nebeneinander.

Während er in «Don’t Look Now» in einer legendär-berühmten Bettszene die Hauptfiguren sich zugleich innig lieben und bereits wieder anziehen lässt, führt er die dunkle «amour fou» in «Bad Timing» in ein derart schockierendes Ende, dass die koproduzierende Firma Rank Productions sich vom Film distanzierte, ihr Logo aus dem Vorspann entfernte und den Film in den eigenen Kinos aus dem Programm kippte.

Als «ein kranker Film von kranken Menschen für kranke Menschen» soll «Bad Timing» damals apostrophiert worden sein, der Film verschwand in den Archiven. 25 Jahre später dann hat das New Yorker Video-Label The Criterion Collection den Film «Bad Timing» in exzellent aufbereiteter DVD-Edition wieder auf den Markt und ins Gespräch gebracht: als Film, der bei seinem Erscheinen seiner Zeit weit voraus war.

Vorahnungen und Träume

Nicolas Roeg fand über diverse Assistentenjobs und die Arbeit an der Kamera – so bei Truffauts «Fahrenheit 451» – zur Filmregie. Wenn es etwas gibt, das sein gesamtes filmisches Schaffen kennzeichnet, ist es seine unermüdliche Experimentier- und Entdeckerfreude.

Roeg arbeitet mit Farben und starken Stimmungen. Er hat ein Flair für Science-Fiction-, Mystik- und Horrorgeschichten, für das Gruselige sowie das Übersinnlich-Spirituelle und für nackte Körper. Er erzählt ohne Berücksichtigung des klassischen Handlungsbogens aus Anfang, Mitte und Ende assoziativ-unchronologisch und in oft unverhofften Zeitsprüngen, wobei Vorahnungen und Träume nicht selten als Motor der Imagination dienen. Roegs Filme in der Zeit ihrer Entstehung im Kino zu sehen, war jedes Mal ein unvergessliches Erlebnis. Sie heute – nicht auf dem kleinen Bildschirm zu Hause, sondern auf der Kinoleinwand – wiederzusehen, dürfte dies nicht minder sein. Denn wenn dem Filmemacher etwas bewusst war, dann dies: dass der Zuschauer im Kino mit seinen Assoziationen und Ängsten alleine ist. Damit spielen seine Filme, und dieses Spiel funktioniert auch heute noch prächtig. (Landbote)

Erstellt: 22.04.2019, 00:20 Uhr

Der Filmregisseur Nicolas Roeg 2008 am Filmfestival von Karlsbad. (Bild: Petr Novák, Wikipedia)

Filmreihe im Kino Cameo

Einführung zur Nicolas-Roeg-Reihe mit dem Filmwissenschaftler Johannes Binotto: Dienstag, 30. April, 19 Uhr. Anschliessend um 20.15 Uhr: «Don’t Look Now». Kino Cameo, Lagerplatz.

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