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Der verflixte sechste Stock

Rosa Chutor. Das Schweizer Skicross-Frauenteam gilt als bestes der Welt, im Olympia- rennen geht es dennoch leer aus.

Sanna Lüdi schlägt sich selber. Auf die Brille tropfte der Regen, dar­un­ter kullerten die Tränen. Sanna Lüdis Stimme stockte, sie klang verzweifelt. Auch Fanny Smith war zum Heulen zumute, sie stand etwa 100 Meter entfernt, suchte Trost bei Familie und Freunden. Katrin Müller weinte nicht, machte aus ihrer Frustration aber keinen Hehl und sagte, sie brauche jetzt dringend eine warme Dusche. Nationaltrainer Ralph Pfäffli brachte es auf den Punkt: «Das ist eine bittere, brutale Niederlage.»

Mit grossen Ambitionen waren die Schweizer Skicrosserinnen ins Olympiarennen gestartet, sämtliche Athletinnen hatten als Medaillenanwärterinnen gegolten. Zu mehr als den Rängen 8 (Smith), 10 (Müller), 13 (Lüdi), und 25 (Jorinde Müller) reichte es indes nicht. «Wir haben uns selber geschlagen», resümierte Pfäffli. «An und für sich waren unsere Frauen die Schnellsten.»

Lüdis fataler Irrtum

Diese Einschätzung mag leicht übertrieben sein. Sanna Lüdi und Fanny Smith jedoch schienen die Konkurrenz tatsächlich im Griff zu haben – zumindest bis zu ihren Stürzen. Smith kam im Halbfinal in Führung liegend zu Fall. Die Weltmeisterin, welche den Olympiasieg als Ziel formuliert hatte, war vor Jahresfrist im Weltcuprennen von So­tschi exakt in der gleichen Kurve ausgeschieden. Lüdi ihrerseits war auf bestem Weg, den dritten Viertelfinallauf für sich zu entscheiden. Gemäss Pfäffli unterlief ihr «ein unerklärlicher taktischer Fehler». Die 28-Jährige spürt nach wie vor die Folgen ihrer im Januar erlittenen Wadenbeinverletzung; sie wollte daher Kraft sparen, bremste aber zu früh ab. «Ich hörte meine Gegnerinnen nicht und dachte, sie würden weiter zurückliegen», erklärte Lüdi deprimiert. In der Luft wurde sie von der späteren Siegerin Marielle Thompson leicht touchiert, nach der Landung lag sie im Schnee. Es wäre ihr Tag gewesen, meinte die Bernerin. «Was geschehen ist, nervt gewaltig.»

Pfäfflis unklare Zukunft

Mit etwas Galgenhumor meinte Lüdi, bereits wenige Sekunden nach dem verhängnisvollen Malheur an Südkorea gedacht zu haben – in Pyeongchang finden 2018 die nächsten Winterspiele statt. Ralph Pfäffli seinerseits mochte keinen Gedanken an die mittel- und langfristige Zukunft verschwenden. Er plant nur bis März; er stört sich an den Rahmenbedingungen respektive am Stellenwert, welcher die Sparte Skicross innerhalb des Schweizer Skiverbandes geniesst. Pfäffli sagt, er würde gerne Coach bleiben, jedoch nicht unter den gegebenen Umständen. Der 46-Jährige, welchem Angebote anderer Landesverbände vorliegen, hat die Sportart hierzulande massiv weiterentwickelt. Als er den neu geschaffenen Posten des Cheftrainers vor zehn Jahren übernommen hatte, waren ihm 25 000 Franken und ein VW-Bus zur Verfügung gestanden.

Die Niederlage ging Pfäffli nahe, den Schalk jedoch verlor er nicht. «Es konnte ja nicht gut kommen», liess er verlauten. «Im Athletendorf wohnen wir im sechsten Stock. Auf gleicher Ebene logierten Simon Ammann, Nordisch-Kombinierer Tim Hug und sämtliche Ski-Freestyler. Eine Medaille hat keiner gewonnen. Das ist der Stock der Verlierer.»

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