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Der Winter kommt

Diese Wochen kommen mit «Winter Sleep», «In Order of Disappearance» und «Turist» drei Filme ins Kino, die im Winter spielen. Sie haben System.

Es wintert. Nicht nur draussen, in den Bergen und in Weihnachtsschaufenstern: Alle Jahre zur Vorweihnachtszeit häufen sich im Kino Filme, die in kühl-verschneiter Landschaft spielen. Es sind Winterfilme. Ihre Landschaften spiegeln die Seelen ihrer Protagonisten. Die Zeit erscheint in ihnen retardiert, sodass sie selbst in hitzigen Momenten eine eigentümliche Bedachtsamkeit ausstrahlen. Und sie bedienen wiederkehrende Topoi und Mo- tive. Menschen im Berghotel Es ist der Winterfilmklassiker. Er spielt in einem abgelegenen Hotel in den Bergen. Die Tage werden kurz, die Nächte lang, es schneit ein, die Strassen werden unpassierbar, die Gäste bleiben aus. Die Menschen im Hotel – Besitzer, Angestellte, vereinzelte Gäste – gehen ihren Gedanken überlassen trödeligen Beschäftigungen nach. Das kommt, wie in Stanley Kubricks «The Shining», manchmal furchterregend, manchmal aber auch nicht: Von Nuri Bilge Ceylan stammt der diesjährige Berghotel-Winterfilm. Er titelt «Winter Sleep», spielt in einem zum Teil in die Felsen eingelassenen Dorf in Zentralanatolien. Othello heisst das Hotel. Sein Besitzer, Aydin, von Beruf ursprünglich wohl Schauspieler, hat das Hotel zusammen mit einigen anderen Häusern vom Vater geerbt. Er ist reich, angesehen, seine Frau um Jahrzehnte jünger. Ebenfalls im Hotel wohnen Aydins geschiedene Schwester, eine Angestellte, der Chauffeur. Aydins Ehe kriselt. Erst kommt der Regen, später der Schnee. Gespräche werden geführt: über das Böse. Darüber, wie man Gutes tut. Unter Frauen redet man auch über den Umgang mit Männern. Aydin lässt sich von seinem Chauffeur im orangen Jeep durch die Gegend chauffieren. Ab und zu legt er sich mit seiner Frau an, die er vergöttert, die ihn ihrerseits vielleicht aber nicht mehr liebt und sich schämt, reich zu sein, wo andere arm sind. Aydin schreibt Kolumnen für eine Lokalzeitung, versucht sich an einem Buch: Die Geschichte des türkischen Theaters. Er will seine Frau verlassen, nach Istanbul ziehen, kommt aber nicht fort: Bilderprächtig wie alle Nuri-Bilge-Ceylan-Filme ist «Winter Sleep», zudem inspiriert von Anton Tschechows Novellen: endlos schön, der grosse Melancholiker unter den diesjährigen Winterfilmen. Eiskalt und blutig Menschen im Kino beim Morden zuzusehen, ist immer schauerlich. Es ist dies noch viel mehr, wenn wie in «Fargo» in eisiger Winterkälte Gemüter in Wallung geraten, die Sachen aus dem Ruder laufen und Blut Spuren in den Schnee zeichnet. Aus Norwegen kommt der eiskalt-blutige Winterthriller des Jahres 2014. Er wurde gefertigt von Hans Petter Moland, titelt unschön, aber treffend «Kraftidioten» und ist der Sache nach eine bildstarke, bitterbös-sarkastische Abmurks-Komödie. Er spielt auf rund 900 Metern Höhe, am Fusse des Jotunheimen-Gebirges. Prot­ago­nist ist der von Stellan Skarsgård bodenständig gespielte Nils, Schneeräumer von Beruf und für seine volksverbindenden Verdienste zum Bürger des Jahres erkoren. Doch dann wird Nils’ Sohn tot aufgefunden. Er starb an einer Überdosis und in solchen Fällen wird offiziell nicht ermittelt. Doch ein Drögeler, weiss Nils, war sein Sohn nicht und schwört Rache. Er beginnt zu ermitteln, findet aber nicht einen einzelnen Schuldigen, sondern gerät auf der Suche nach dem Ursprung des Verbrechens immer mehr ins Fadenkreuz von norwegischer und serbischer Drogen-Mafia. «Kraftidioten» lässt seinen Prot­ago­nis­ten im mächtigen gelben Schneeräumer durch tief verschneite Winterlandschaft ziehen und seine Opfer – es sind viele! – fein säuberlich in Maschendraht gewickelt den Fluss hinunterspülen. Er ist lakonisch, sarkastisch, komisch, grotesk; zugleich fein scharfsinnig in der Darstellung des Paares, dessen Beziehung ob dem Tod des Sohnes zerbricht. Ein starkes Stück, in dem Bruno Ganz in wuscheliger Pelzmütze und dickem Mantel im Tiefschnee als serbischer Pate die undurchsichtigste Rolle seiner ganzen Karriere spielt. Bleibt zum guten Dritten zu erwähnen der Wintersportferien-Film, der ein eigentlicher Gegenentwurf zum sommerlichen Strandferien-Movie darstellt. Er ist eher selten. Erzählt von Ferientagen im Schnee, in denen sich, bedingt durch zwischenmenschliche Konstellationen und Witterung, oft heftige Dramen abspielen, erwähnt seien etwa Tom Tykwers «Winterschläfer» und Thomas Imbachs «Lenz». Und dieses Jahr nun also, prächtiger geht es nicht: «Turist – Force majeure» von Ruben Östlund, in dem eine schwedische Bilderbuchfamilie Urlaub in den Bergen macht. Das Hotel ist chic, das Wetter prächtig, der Skispass garantiert. Doch dann donnert am zweiten Ferientag eine zur Sicherheit ausgelöste Lawine direkt auf die Bergrestaurant-Terrasse zu, auf der die Familie sitzt. Die Mutter, geistesgegenwärtig, wirft sich schützend über ihre Kinder. Der Vater aber packt sein i Phone und sucht das Weite. Im Schneetreiben Sensationell ist diese Lawinenpanikszene, man hat so etwas im Kino noch kaum so gesehen. Die Familie überlebt. Doch es folgt, ausgelöst durch Vaters Verhalten, der grosse Beziehungsknatsch, der darin gipfelt, dass an einem Schlechtwettertag, an dem vernünftige Menschen keinen Fuss vor die Tür setzen, sich die Familie im Nebel und Schneetreiben auf der vereisten Piste aus den Augen verliert. In glasklaren Cinemascope-Bildern tischt Östlund das alles auf und mit exquisiter Tonspur; so heftig wie hier fährt einem der Winter im Kino selten in die Knochen … Und dann gibt es jetzt im Kino noch die sogenannten Weihnachtsfilme. Doch davon später.

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