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Detox oder Das exquisite Fasten

Entgiften und Entschlacken sind in aller Munde. Doch helfen diese Quälereien wirklich oder ­handelt es sich dabei lediglich um einen Luxustrend?

Man kriegt sie frisch ins Haus geliefert und sie sehen richtig chic aus in ihren kleinen Flacons, die bunten Säfte von Detox Delight. Wenn schon entsagen, dann wenigstens mit Stil – und das hat ­natürlich seinen Preis: happige 600 Franken kostet eine einwöchige Kur, nach der man sich dann aber hoffentlich auch ener­gie­geladener und ausgeglichener fühlen soll.

Ja, seit Entschlacken nicht mehr im Ruch des asketischen Fastens steht, sondern sich als fast schon hedonistischer Lifestyletrend unter dem auch viel besser klingenden Namen «Detox» positionieren konnte, ist Saftschlürfen zu einer ziemlich prickelnden Angelegenheit geworden. Und das, obwohl Ernährungswissenschaftler und Ärzte den Nutzen von Entschlackungskuren bezweifeln.

Doch es hilft nichts, die Vorstellung vom menschlichen Körper als einer Art Brennstoffanlage, bei der wie in einem Cheminée die Schlacken immer wieder ausgekehrt werden müssen, scheint in ihrer schlichten Drastik so plausibel, dass sie nicht wegzuargumentieren ist.

Die böse Verschlackung

Schadstoffe aus Junkfood, Alkohol, Kaffee und Nikotin sowie kleine Mengen an Umweltgiften – so die Annahme von Detox-Befürwortern – sollen sich im Organismus in den Zellen ablagern und für diverse Beschwerden von Antriebslosigkeit bis zu fahlem Teint verantwortlich sein. Zwar könne sich der Körper dank Leber, Niere, Lunge und Verdauungssystem selbst reinigen, wegen falscher Ernährung, Stress und Bewegungsmangel sei das an sich prima eingerichtete Entgiftungssystem aber leider oft überlastet und könne seine Funktion nicht mehr richtig erfüllen.

Der Körper also eine Art Sondermülllager? Alles Unsinn, halten wissenschaftliche Studien dagegen, denn der menschliche Organismus könne schädliche Sub­stanzen sehr effizient eliminieren, und bei einer echten Vergiftung nütze auch eine Detox-Kur nichts mehr. Der gesunde Darm, den sich Entgiftungswillige gerne erst mal durchspülen lassen, ist mit seinen Verdauungssäften, seinen Muskeln und seiner Schleimhaut sozusagen ein selbstreinigendes System, in dem sich keine irgendwie gearteten Schlacken festsetzen.

Tatsächlich kann auch nicht bewiesen werden, dass durch den konsequenten Genuss von Obst und Gemüse oder grünen Smoothies sich irgendwelche Gifte aus dem Körper ausscheiden lassen – wenn sich viele Menschen nach einer Kur trotzdem besser fühlen, liegt dies wohl schlicht daran, dass sie weniger und bewusster gegessen, nicht geraucht und keinen Alkohol getrunken haben.

Nur Bauernfängerei?

Heilfasten, wie Detox früher weit weniger glamourös hiess, ist eine uralte Methode, die neben der körperlichen in vielen Kulturen auch eine spirituelle Reinigung bedeutete. So gesehen wäre das Entschlacken auch in stressge­peinigten, schnelllebigen Zeiten eigentlich eine sinnvolle Einrichtung – nur machen die Anpreisungen moderner Detox-Kuren ja gerade glauben, man könne schnell mal nebenher im modernen Berufsalltag mit ein paar Pülverchen oder Säftchen bequem Ballast abwerfen.

Und damit lässt sich erst noch das Gewissen wunderbar beruhigen – hat man mal wieder über die Stränge geschlagen, schaltet man danach halt ein paar Detox-Tage ein, oder, noch einfacher, klebt sich ein Pflaster auf die Fusssohlen, das über Nacht alle Giftstoffe aus dem Körper ziehen soll.

Doch, auch das gibt es, aber so geht es natürlich nicht – will man seinem Körper etwas nachhaltig Gutes tun, sollte man, das ist nichts Neues und hört sich leider ziemlich unspektakulär an, stets auf frische, unbehandelte Nahrungsmittel achten und für Bewegung und ausreichend Schlaf sorgen. Eine kleine Kur mit vitamin- und nährstoffreichen Säften kann dazu aber immerhin den Anstoss geben – denn die durch das moderate Fasten freigesetzten Endorphine vermitteln ein Hochgefühl, das man sich gerne noch ein bisschen erhalten möchte.

Detox für Anfänger

Wer das «Detoxen» einmal ausprobieren möchte, muss sich aber nicht gleich in Unkosten stürzen und edle Lifestylegetränke im Abo bestellen – es genügt, ein paar Tage auf Alkohol, Zigaretten, Koffein und übersäuernde Lebensmittel wie Fleisch, Käse, Weissmehlprodukte und Zucker zu verzichten, dafür viel Salat, Gemüse und etwas Obst oder besser Beeren zu essen oder entsprechende Säfte zu sich zu nehmen sowie zwei Liter Wasser und zwei oder drei Tassen Kräutertee zu trinken.

Dazu sollte man sich möglichst viel an der frischen Luft bewegen, sich eine die Muskeln lockernde Massage gönnen, Gymnastik oder Yoga machen und, vielleicht nach einem entspannenden Bad, früh zu Bett gehen.

Automatisch wird man sich ­dabei sowohl mehr als sonst mit seinem Körper beschäftigen wie auch dem Lebensmitteleinkauf – war­um nicht wieder einmal gediegen über einen Wochenmarkt schlendern? – und der Essenszubereitung grössere Aufmerksamkeit schenken. Und wird dabei womöglich das eigentliche Wohlfühlgeheimnis von Detox entdecken, das weniger im ominösen Entschlacken als in der liebevollen, ausgiebigen Beschäftigung mit seinen eigenen vitalen Bedürfnissen besteht.

Gabrielle Boller

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