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«Die Abzüge sind recht hoch»

Das Urteil des Obergerichts sei nicht selbstverständlich, sagt Kriminalistiker Peter Cosandey. Überrascht hat ihn die deutliche Strafmilderung.

Das Obergericht hat die Strafe der Vorinstanz bestätigt, aber leicht verringert. Das ist kein spektakulärer Entscheid. Peter Cosandey: Das würde ich nicht sagen. Das Obergericht hätte das erste Urteil auch auf den Kopf stellen und Rolf Erb ganz freisprechen können. Die Richter haben ihn aber im Gegenteil in fast allen Punkten verurteilt. Das ist ein Erfolg für die Staatsanwälte und eine Bestätigung für das Bezirksgericht. In einem Punkt wurde Erb aber frei­gesprochen. Beim Kauf seines Schlosses lief scheinbar nicht alles falsch. Das stimmt. Für das Strafmass war das aber offenbar unbedeutend. Der Teilfreispruch hat nun allenfalls Auswirkungen auf den Zivilprozess. Für die Gläubiger wäre es einfacher gewesen, Geld herauszuholen, wenn Erb auch in diesem Punkt verurteilt worden wäre. Der Richter sagte, eine Strafe von elf Jahren wäre möglich gewesen. Wegen mildernder Umstände beträgt die Strafe aber nur sieben Jahre. Sind so hohe Abzüge üblich? Der Rabatt ist in der Tat auffällig hoch. Zwar ist es nicht aussergewöhnlich, dass die Strafe verringert wird, wenn ein Verfahren lange dauert. Allerdings hängt das auch davon ab, ob das lange Verfahren vom Angeklagten selbst verschuldet worden ist oder nicht. Und in diesem Fall hielten die Richter ja fest, dass Rolf Erb wesentlich dazu beitrug, den Prozess in die Länge zu ziehen. Rolf Erb ist angeblich erhöht straf­empfindlich, auch das gibt einen Abzug. Ist er das wirklich? Das ist von aussen schwer zu sagen. Offenbar ist belegt, dass er unter Herz­insuffizienz leidet. Bei der Strafempfindlichkeit sind die Richter in der Praxis oft zurückhaltend. Wenn zum Beispiel ein Taxifahrer, der betrunken am Steuer sass, angibt, er verliere bei einer Verurteilung die Stelle, wird man sagen: Das hat er in Kauf genommen, als er betrunken fuhr. Bei einer Herzschwäche, die man selbst nicht beeinflussen kann, ist die Sache eine andere. Trotzdem würde ich insgesamt sagen: Die Strafreduktion ist eher hoch. Die Staatsanwältin wollte, dass Erb sogleich verhaftet wird – Fluchtgefahr! Dieser Antrag überrascht nicht. Bei hoher Strafe fordert man routinemässig eine Sicherheitshaft. Denn zumindest theoretisch liegt eine Fluchtgefahr auf der Hand: Wenn einer lang ins Gefängnis muss, ist zu erwarten, dass er vieles unternimmt, um dem zu entgehen. Wie geht es jetzt weiter? Jetzt ist das Bundesgericht an der Reihe. Dieses prüft aber nicht mehr den ganzen Sachverhalt, sondern Rechtsfragen im engeren Sinn: Gibt es Verfahrensfehler? Ist der Entscheid willkürlich oder unverhältnismässig? Wie lange dauert das? Ich würde sagen: Wenn das Urteil im Frühling 2015 vorliegt, ist es schnell gegangen. Selbst dann ist aber noch nicht sicher, dass Rolf Erb sofort in Haft muss. Vielleicht wird er dann geltend machen, er sei aus gesundheitlichen Gründen nicht hafterstehungsfähig.

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