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Die Agglo geht bis zum Kunstkasten

Die Künstlerin Anca Sinpalean hat neun Gipsfiguren in den Kunst­kasten gestellt und nennt ihr Werk «Agglomeration».

Eingepfercht stehen beziehungsweise liegen sie im Kunstkasten, neun lebensgrosse Figuren, dar­un­ter eine Schwangere. Obwohl sie alle das gleiche Schicksal teilen, gedrängt in dem zwölf Kubikmeter kleinen, gläsernen Kasten zu verharren, kommunizieren sie doch nicht miteinander.

Jede scheint mit ihrem eigenen Schicksal zu hadern, statt zu den anderen Kontakt aufzunehmen. In nächster Nähe herrscht die grösste Distanz. «Agglomeration» nennt die Künstlerin Anca Sinpalean ihr Werk, bestehend aus neun Gipsfiguren, das sie für die nächsten zwei Monate im Kunstkasten präsentiert.

Sinpalean spielt mit dem Gegensatz von Nähe und Distanz. Da stehen die Figuren dicht gedrängt, eingeschlossen auf engstem Raum, während sich um den Kunstkasten die grosszügige Weite und Asphaltwüste des Katharina-Sulzer-Platzes erstreckt. Entstanden ist das Werk zwar nicht direkt in der Agglo, aber an der Peripherie Zürichs, in einem der Künstlercontainer in der Nähe der Hardbrücke, in denen Sinpalean ihr Atelier hat. Nun bringt sie die Figuren von der Peripherie Zürichs ins (neue) Zen­trum Winterthurs. Allerdings fragt man sich angesichts der gähnenden Leere, die den Kunstkasten umgibt, ob man sich hier wirklich im Zen­trum befindet.

Reaktion auf Abstimmung

Die ursprüngliche Idee zu «Agglomeration» – Verdichtung – ist als Antwort auf Sinpaleans Bestürzung über das Abstimmungsergebnis zur Masseneinwande- rungsin­itia­ti­ve vom 9. Februar entstanden. Die in Rumänien geborene Künstlerin hatte anlässlich des Abschlusses ihres Kunststudiums in Bukarest bereits zuvor einzelne Gipsfiguren geschaffen, die jedoch isoliert und eingezwängt in individuellen Glaskästen gezeigt wurden. Nun setzt sie die eigens für die Ausstellung im Kunstkasten geschaffenen Figuren gesammelt auf engstem Raum zusammen. Die Einsamkeit des Einzelnen in der Gruppe wird dadurch noch frappanter.

Seit acht Jahren lebt Sinpalean in Zürich, wo sie als Künstlerin und Kuratorin arbeitet. Bis jetzt habe sie das oft konstatierte Gefühl von Dichte und Enge in der Schweiz noch nicht nachempfinden können, sagt sie. Eher empfinde sie es als geradezu absurd, in einem Land wie der Schweiz von «Verdichtung» zu sprechen.

Angesichts der desolaten Si­tua­tion der Kunstkastenfiguren wird man unweigerlich an Auguste Rodins Bürger von Calais erinnert, die eine ähnlich verstörende und verzweifelte Stimmung evozieren. Doch während Rodins Figuren, in Bronze gegossen, bis in alle Ewigkeit zu ihrem Schicksal verdammt sind, sind die Figuren von Anca Sinpalean vergängliche Skulpturen aus Gips und Gaze; zum Teil sind sie unvollendet, ihre Zwangsgemeinschaft währt nur zwei Monate.

Sinpalean sieht ihr Werk nicht als ein verzweifeltes, deprimierendes Mahnmal des heutigen politischen und gesellschaftlichen Klimas in der Schweiz. Bewusst hat sie die Figuren farbig gestaltet, einerseits um einen Kontrast zu den vorherrschend grauen und braunen Tönen der Umgebungsarchitektur zu schaffen, andererseits aber auch, um die Angst und Beklemmung zu mildern, die diese Figuren vermitteln können. Denn bunte Farben machen froh, sie sind einladend, wie Sinpalean betont. Mit ihren Werken will sie Brücken in die Luft werfen, in der Hoffnung, dass sich jemand danach ausstreckt, um das andere Ende aufzufangen. Katja Baumhoff

Anca Sinpalean: «Agglomeration». Kunstkasten, Katharina-Sulzer-Platz, bis 2. August.

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