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Die Ahnung vom Ganzen

Die Theaterwelt steht kopf. Das Schauspiel Frankfurt zeigt in Winterthur Friedrich Dürrenmatts Komödie «Die Physiker». Ein verrückter Spass.

Als Friedrich Dürrenmatt Anfang der Sechzigerjahre sich die Komödie «Die Physiker» ausdachte, konnte er nicht ahnen, wie die Welt, die er als schwer verrückt erklärte, noch verrückter werden würde. Denn schon längst stellt keiner die Frage mehr, die seine drei Physiker im Stück postulieren: Wie können die Möglichkeiten der Technik wieder unmöglich gemacht werden? Und so kehrt auch Markus Bothe, der jetzt «Die Physiker» für das Schauspiel Frankfurt inszenierte, die Verhältnisse um: Der Apfel, der zu Boden fallen sollte, fliegt hier in den Bühnenhimmel hinein. Beim Gastspiel in Winterthur ist jetzt die ganze Leichtigkeit zu sehen, die in dieser Version von Dürrenmatt heute ist. Der Komödie wurde das Drama ausgetrieben.

Der verkrümmte Raum

Der Trick: ein paar Kürzungen. Die Vorstellung dauert nur so gegen eineinhalb Stunden, was ein Vergnügen ist, denn das Geschwätzige ist aus dem Text herausgestrichen worden. Ausserdem wurde der Raum, in dem die Komödie spielt, noch ein bisschen mehr verkrümmt: Die Leberknödelsuppe kann hier über Kopf serviert werden, zusammen mit Poulet à la broche mit Cordon bleu, ohne dass etwas verschüttet geht.

Die Ahnung vom Ganzen bleibt. Das ist auch das ganze Rezept für dieses Spiel zwischen Wahn und Wirklichkeit. Die dürrenmattsche Welt hat Bühnenbildner Robert Schweer einfach auf den Kopf gestellt. An der Decke des Salons steht das Klavier, unten auf dem Boden sind die Lampen. Alles ist verkehrt. Doch das Verrückte daran: Es funktioniert prima – wie das Klavier an der Decke, das Kornelius Heidebrecht spielt (er muss sich dafür einfach mit dem Rücken auf den Servierboy legen).

Die Schwerkraft ist in diesem Spiel aber nicht ganz aufgehoben. Denn Albert Einstein verliert schon ganz am Anfang immer wieder die Hose. Ganz unbeholfen steht dann dieser Mann, der Wesentliches zur Relativitätstheorie beigetragen haben soll, auf der Bühne. Und er zeigt der Welt immer wieder die Zunge. Ätsch!

Natürlich ist auch dieser Einstein ein verkehrter, der Mann nennt sich nur so. Wie Newton. Oder Möbius. Das sind die Kollegen Physiker, die mit ihm auf der Bühne stehen. Es ist ein tolles Trio. Und die Schauspieler Thomas Huber, Sascha Nathan, Andreas Uhse zeigen, was in ihnen ist: die Lust an der Verstellung, die Liebe zur Sache, auch Appetit auf Leberknödelsuppe.

Die Verrückteste unter allen ist eine Frau: Fräulein Doktor Mathilde von Zahnd, mit ihr kommt das Böse in die Welt (was aber nur eine Vorstellung ist). Traute Hoess gibt diese Irrenärztin grossartig (wie überhaupt das ganze En­sem­ble verrückt gut spielt): Sie setzt die ganze Mechanik dieser Männer, die alle ein bisschen ihr Kind sein wollen, in Gang – und kann jede Bewegung wieder stoppen. Ein Vergnügen ist es, ihren Wegen durch diese Welt, die auf dem Kopf steht, zu folgen. Denn sie kann für einen Moment die Schwerkraft aufheben. Newton staunt. Und wir mit ihm.

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