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Die Bank soll zur Fabrik werden

zürich. Was in der Industrie in den 70er-Jahren stattfand, steht jetzt auch den Banken bevor. Wegen sinkender Margen müssen sie ihre Abläufe radikal straffen. Ein weiterer Stellenabbau ist absehbar.

In diesem Frühling hatte die Grossbank UBS eine wichtige Mitteilung für ihre Angestellten. Ihr Unternehmen stehe vor einem «fundamentalen Wandel», schrieb das Unternehmen in einem Mail an die Mitarbeiter. Die Rede war von «neuen wirtschaftlichen Realitäten», von «Industrialisierung der Prozesse» und einem «neuen operativen Geschäftsmodell». Was das alles konkret bedeuten könnte, wurde jedoch erst einen Monat später klar. Ende Mai kündigte die UBS an, dass auf den 1. Juli die rückwärtigen Bereiche («Backoffice») zusammengelegt und zentralisiert werden. Unter anderem soll ab diesem Datum der Zahlungsverkehr und der Wertschriftenhandel nur noch von einer Abteilung erledigt werden. Weitere Projekte treibe ein sogenanntes «Industrializiation Steering committee» voran. Damit war definitiv klar: Die UBS wird in den nächsten Jahren im grossen Stil umgebaut. Eine gründliche Renovation des Geschäftsmodells steht jedoch auch bei anderen Banken an.

Ineffiziente Schweizer Banken

So gab bereits im Dezember auch die Credit Suisse die Zusammenlegung der Backoffices bekannt. In anderen Banken sind ebenfalls Programme zur Kostensenkung im Gang. Experten vergleichen die sich jetzt abzeichnenden Veränderungen mit dem historischen Strukturwandel in der Maschinenindustrie in den 70er-Jahren. «Es ist ein Paradigmenwechsel im Gang», sagt Enzo Giannini vom US-Unternehmen SunGard, das für die Finanzindustrie IT-Lösungen ausarbeitet. Früher seien in der Schweizer Finanzbranche die Kosten kein grosses Thema gewesen. Seit der Finanzkrise seien jetzt jedoch auch Banken gezwungen, effizienter zu werden. Und effizienter werden heisst diesmal nicht mehr nur sparen. Laut Giannini wusste bis vor Kurzem kaum eine Bank, wie sie wirklich funktioniert und wie hoch die Kosten ihrer einzelnen Tätigkeiten sind. «Im Gegensatz zu einem Industriebetrieb sind Banken auch heute noch kaum prozessorientiert.» Das gilt laut einer Studie des Instituts für Banking und Finance (IBF) der Universität Zürich insbesondere für Schweizer Banken. Sie seien nämlich, so das Studienergebnis, im Vergleich mit der direkten Konkurrenz besonders ineffizient. Die Schweizer Finanzbranche wird also in den nächsten Jahren gezwungen sein, ihre Kosten deutlich zu senken. Laut Bankingexperte Raphael Jung ist das nur durch «Industrialisierung» möglich, was konkret Standardisierung der Produkte und Abläufe, Automatisierung und Zentralisierung bedeute. Dabei sollen die Kunden von diesem Umbau so wenig wie möglich mitbekommen. Abgesehen von neuen Angeboten und neuen Möglichkeiten, soll nämlich die Fassade der Banken gleich bleiben.

Welche Prozesse und welche Produkte sich schliesslich für dieser Industrialisierung eignen, ist heute laut Jung noch nicht abschliessend klar. Am meisten Erfahrungen habe man mit dem Zahlungsverkehr. Hier wickle zum Beispiel schon heute die Postfinance die Transaktionen unter anderen für die UBS ab. Laut Giannini zeigt das Beispiel auch, wohin die Reise geht. In Zukunft werde es wie zum Beispiel in der Autoindustrie auch in der Finanzindustrie verstärkt Dienstleistungs-Netzwerke aus Spezialisten geben. Potenzial sieht Giannini zum Beispiel auch bei den Kapitalmassnahmen («Corporate Actions»). So würden noch heute unter anderem viele Kapitalerhöhungen und Fusionen noch von Hand abgewickelt. «Das ist jedoch teuer und ineffizient», sagt Giannini. Weitere Bereiche, die sich für die Zentralisierung eignen, sind die Kreditabwicklung und der bereits weitgehend standardisierte Wertschriftenbereich. Gemäss dem Beratungsunternehmen Ernst & Young machen allein diese Bereiche bei Privatbanken rund ein Drittel bis zur Hälfte der Kosten aus.

In- oder Outsourcing?

Wie das Beispiel Postfinance zeigt, stehen die Banken heute aber nicht nur vor der Frage, welche Prozesse sie auslagern sollen. Sondern sie müssen auch entscheiden, ob es allenfalls Dienstleistungen gibt, auf die sie sich spezialisieren können. Das Ziel sei immer noch, durch Masse die Kosten zu reduzieren, sagt Giannini. Ein Prozess, der jedoch Grenzen habe. So sei es zum Beispiel nicht möglich, den Zahlungsverkehr von Indien aus abzuwickeln, weil ein grenzübergreifender Zugriff auf Daten untersagt ist. Für Schweizer Bankangestellte, die jetzt um ihre Stelle fürchten, mag das eine gewisse Beruhigung sein. Diese Industrialisierung werde jedoch zu einem Stellenabbau in der Schweizer Finanzbranche, in den bankeigenen Backoffices führen, sagt Giannini. Es würden jedoch auch neue Jobs entstehen. «Es ist absehbar, dass die Nachfrage nach Spezialisten bei den Dienstleistern von Banken ansteigen wird.» Ob diese neuen Stellen aber auch in der Schweiz geschaffen werden, bezweifelt Denise Chervet vom Schweizerischen Bankpersonalverband. Insbesondere die durch die Industrialisierung verstärkt notwendigen IT-Abteilungen liessen sich günstiger im Ausland schaffen. Schon heute würden die zwei Schweizer Grossbanken UBS und CS im Rahmen der schon jetzt laufenden Sparprogramme viele Arbeitsplätze ins günstigere Ausland verlagern. Mit dem jetzt angepackten Umbau der Finanzindustrie werde es jedoch noch eine weitere Abbauwelle bei den Grossbanken geben, ist Chervet überzeugt. Sie fordert darum, dass UBS und CS diese Strukturanpassung nicht schlagartig, sondern schrittweise vollziehen.

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