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«Die betroffene Region wird die Gründe verstehen»

Bei den Endlagern für Atommüll hat Skandinavien die Nase vorn. In der Schweiz will die Nagra dem Bund Anfang 2015 erneut geeignete Standorte vorschlagen. Geschäftsleitungsmitglied Markus Fritschi baut auf das Verständnis der betroffenen Region.

Was kann die Schweiz von Finnland und Schweden lernen? Markus Fritschi: Beide Länder sind sehr weit bei der Realisierung der Tiefenlagerung von radioaktiven Abfällen. Beide haben bereits Lager für schwach- und mittelaktive Abfälle in Betrieb, und beide haben Standorte für hoch aktive Abfälle gewählt sowie entsprechende Baubewilligungsgesuche eingereicht. Finnland hat mit dem Felslabor Onkalo einen Teil des Lagers bereits gebaut. Eindrücklich ist auch, zu sehen, dass die Zustimmung der lokalen Bevölkerung in beiden Ländern sehr hoch ist. Warum haben wir noch kein Endlager für schwach- und mittelaktive Abfälle? Bislang scheiterte dies am Widerstand der Bevölkerung. 1995 haben wir ein Rahmenbewillungsgesuch für den Standort Wellenberg eingereicht. Wir hatten damals ein positives Gutachten der Sicherheitsbehörden. Das Lager scheiterte knapp an der kantonalen Abstimmung. 2002 nahmen wir einen zweiten Anlauf, damals ging es um einen Sondierstollen, den die Nidwaldner Bevölkerung ebenfalls ablehnte. Deshalb mussten wir uns für die schwachen und mittelstarken Abfälle mit einer neuen Standortauswahl beschäftigen. Fürchten Sie, dass es nach all den Jahren wieder heisst: zurück auf Anfang? Wir haben ein sehr transparentes und systematisches Verfahren, in dem die Sicherheit oberste Priorität hat. Deshalb wird die Region, die das Lager übernehmen muss, die Gründe dafür verstehen. Bei einer Abstimmung wird auch die ganze Schweizer Bevölkerung nachvollziehen können, dass solche Tiefenlager nötig sind. Die Sicherheit eines Tiefenlagers ist langfristig wesentlich grösser als im heutigen oberirdischen Zwischenlager. Angenommen, es gäbe keine politischen Hürden: Könnten die Abfälle sofort endgelagert werden? Nein. Erst müssen wir an den infrage kommenden Standorten Felslabors realisieren, um weitere Messungen zu machen. Erst wenn sich die Resultate bestätigen, könnte der Bau des Lagers beginnen. Ohne Bewilligungsverfahren liesse sich die Zeit bis zur Inbetriebnahme theoretisch auf zwanzig Jahre verkürzen. Haben wir gleiche Bedingungen für ein Tiefenlager wie Schweden und Finnland? Für hoch aktive Abfälle eignet sich bei uns der Opalinuston als Wirtgestein. Er ist wasserundurchlässig und damit neben dem technischen Schutz durch die Verpackung der Abfälle ein zusätzlicher, natürlicher Schutz. Im internationalen Vergleich ist dies eine sehr gute Option. Wie viel Geld steht für Standortsuche und Endlager zur Verfügung? Unser jährliches Budget bewegt sich zwischen 40 und 80 Millionen Franken – es hängt von der Anzahl der jährlichen Untersuchungen ab. Für den Bau eines Tiefenlagers für hoch aktive Abfälle rechnen wir mit zwei Milliarden Franken. Die Nagra wird von ihren Genossenschaftern finanziert, zu denen neben dem Bund die Kraftwerkbetreiber gehören. Die laufenden und künftigen Entsorgungskosten sind zudem im Strompreis enthalten: Für jede Kilowattstunde Kernenergie bezahlt der Konsument rund einen Rappen für Stilllegung und Rückbau der Kernkraftwerke, Transporte, Zwischenlagerung und die geologische Tiefenlagerung inklusive dafür nötige Untersuchungen. Das Kernkraftwerk Mühleberg soll 2019 vom Netz. Wo werden diese Abfälle entsorgt? Unsere Abklärungen zeigen, dass wir in den Zwischenlagern dafür genügend Kapazität haben. Wir können uns also die nötige Zeit nehmen, um die Aufgabe der Tiefenlagerung seriös zu erledigen. Um wie viel Abfall geht es? Für Betrieb und Stilllegung unserer fünf Kernkraftwerke sowie aus Medizin, Forschung und Industrie fallen insgesamt 100000 Kubikmeter an. Davon sind 10 Prozent hoch aktive Abfälle, 90 Prozent schwach- und mittelaktiv. Diese Abfälle kommen zu je einem Drittel aus Medizin, Forschung, Industrie, aus dem Betrieb der Kraftwerke und aus deren Stilllegung. Was haben die Standortgemeinden von einem Endlager? Arbeitsplätze, die über etwa 100 Jahre gesichert sind. Das schafft nicht jede Industrie. Zudem sind Abgeltungen vorgesehen. Darüber wird aber erst in der letzten Etappe diskutiert. Denn einzig die Sicherheit soll entscheidend sein für die Standortwahl . Sie erleben das Endlager in Ihrem Berufsleben nicht mehr. Leider nicht. Die Sinnhaftigkeit und das Gebot der Verantwortung sind mir aber ein grosser Ansporn, mich für diese Aufgabe einzusetzen.

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