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Die Burgenstadt wiederentdecken

Heimatschutz?Winterthur war einst als Stadt der Burgen und Schlösser bekannt. Anlässlich des Stadtjubiläums lädt der Heimatschutz zur Wiederentdeckung eines vernachlässigten Kulturgutes – und Standortfaktors – ein.

«In meiner Jugendzeit war Winterthur ebenso als Burgenstadt bekannt wie als Grün- oder Kulturstadt», sagt Historiker Peter Niederhäuser einleitend, «doch die Burgen sind mittlerweile etwas in Vergessenheit geraten.» Deshalb führt der Co-Präsident des Winterthurer Heimatschutzes am Sonntag anlässlich des 750-Jahr-Jubiläums durch die Herrschaftssitze der Region und die Geschichte der Schlosskultur.

Im Zen­trum stehen dabei die Kyburger, die im 12. Jahrhundert durch eine geschickte Heiratspolitik zum mächtigsten Adelsgeschlecht der Deutschschweiz wurden. Die beiden letzten Grafen teilten sich die Verwaltung der Herrschaft auf: Der eine wohnte weiterhin auf der Kyburg, der andere liess die Mörsburg zu einem Burgenkomplex ausbauen, von dem heute nur noch der Wohnturm mit der eindrücklichen Megalithummantelung aus dieser Zeit steht. Bereits 1263/64 starben beide kinderlos. «Das Jubiläumsjahr markiert also auch den Untergang der Grafen von Kyburg», gibt der Mittelalterhistoriker Niederhäuser zu bedenken.

Sprungbrett für das Bürgermeisteramt

Die Habsburger, welche den Grossteil der Grafschaft erbten, setzten auf Städte wie Winterthur, denen sie Freiheiten schenkten und dafür Steuern kassierten. «Und was machten sie mit den Burgen?», fragt Niederhäuser rhetorisch, «nichts! Denn solche Festungen konnte man in dieser Zeit nicht mehr gebrauchen.»

Im 15. Jahrhundert übernahm die Stadt Zürich die Kyburg und machte sie zum Sitz der wichtigsten Landvogtei und damit zum Karrieresprungbrett: «Viele Zürcher Bürgermeister haben sich hier die Sporen abverdient», so Niederhäuser. Die Landvögte hatten zwar in der Regel ein Wohnhaus in der Stadt, mussten aber für die siebenjährige Amtsdauer mit ihrer Familie auf der Kyburg wohnen.

Während die Kyburg unter den Zürchern noch im alten Burgenstil erweitert wurde, bauten die Herren von Hohenlandenberg auf Schloss Hegi ein riesiges Fachwerkhaus neben den alten Steinturm. «Damit markierten sie den Übergang von den mittelalterlichen Burgen zu den neuzeitlichen Wohnschlössern», erläutert Niederhäuser. «Der wehrtechnische Nutzen der Herrschaftssitze in der Zeit war gleich null, es ging nur noch um architektonisches Imponiergehabe.»

Das Nonplusultra des damaligen Wohnkomforts

Türme, dicke Mauern oder Schiessscharten sucht man beim Schloss Wülflingen vergeblich. «Eigentlich sieht es eher wie ein grosses Bauernhaus aus», so Niederhäuser, «nur durch den Treppengiebel ist es als Herrschaftsbau zu erkennen.» Das Schloss löste 1645 die Burg Alt-Wülflingen als Wohnsitz des Gerichtsherren ab und stand für ein neues Lebensgefühl: «Die Zimmer sind mit repräsentativem Täfer und Turmöfen ausgestattet und stellen im Gegensatz zur Kyburg oder zur Mörsburg das Nonplusultra des Wohnkomforts der damaligen Zeit dar.»

Mit der Helvetischen Revolution 1798 wurden die alten Herrschaftsverhältnisse in der Schweiz aufgehoben und viele Burgen zerstört. Dank privater In­itia­ti­ve konnten in der Region Winterthur die meisten von ihnen gerettet werden und sie erlebten eine Renaissance als Museen. Die Kyburg übernahm 1864 der Winterthurer Stadtrat Matthäus Pfau, um seine Gemäldesammlung auszustellen, und in der Mörsburg richtete der Historische Verein Winterthur 1901 das erste historische Museum ein. Das Schloss Hegi wurde vom Historiker Friedrich Hegi (kein direkter Nachfahre der Herren von Hegi) gekauft und nach seinen Idealvorstellungen einer mittelalterlichen Burg umgebaut und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Das Schloss Wülflingen sollte «ausgeweidet und ver­tschuttet» werden, wurde aber mithilfe einer Stiftung bewahrt und als Gastrobetrieb weitergeführt.

Seither wurde auf den Burgen und Schlössern nicht mehr viel gemacht, in den letzten Jahrzehnten fristeten sie ein Schattendasein. Seit ein paar Jahren weht allerdings wieder ein frischer Wind: Um die Schlösser in Wülflingen und Hegi gibt es Skultpurenaus-stellungen, die Schlosshalde, die zur Mörsburg gehört, veranstaltet Konzerte, mit der Schlossschenke und den Pro-Specie-Rara-Gemüsebeeten wird der Schlossgarten in Hegi neu belebt, und der Förderverein der Kyburg arbeitet an einem neuen Museumskonzept. Es scheint fast so, als würden die Winterthurer ihre Burgenstadt wiederentdecken.

Miguel Garcia

Kyburg, Schloss Wülflingen, Schloss Hegi, und die Mörsburg: Die Herrschaftssitze konnten dank privater In­itia­ti­ve vor der Zerstörung gerettet und in Museen umgewandelt werden. pag, ngu, mad, hdr

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