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Die Chancen, gedraftet zu werden

Der 17-jährige Winterthurer Mirco Müller ist vom Eishockeyleben in Nordamerika begeistert, die Beobachter sind des Lobes voll.

«Er verfügt schlicht über das gesamte Paket», sagt Andy Rufener. Und der ehemalige NLA-Stürmer, der als Agent dafür sorgte, dass Mirco Müller im vergangenen Sommer nach Nordamerika wechselte, sagt das mit unüberhörbarer Begeisterung in der Stimme. Soeben ist er von einer Nordamerika-Reise zurückgekehrt. Er besuchte seine «Klienten» Nino Niederreiter und Sven Bärtschi, die mit ihren NHL-Schlagzeilen mithalfen, dass Rufener in Nordamerika einen hervorragenden Ruf geniesst. Und «Rufi» war natürlich auch in Everett bei Mirco Müller, er sah drei Spiele der Silvertips in der Juniorenliga. Dabei wurde er in der Meinung bestätigt, dass der Verteidiger, «wenn er so weitermacht, ganz, ganz viel erreichen kann». Erst 2010 wechselte Mirco Müller vom EHC Winterthur zu den Kloten Flyers. In der letzten Saison gab er als noch nicht 17-Jähriger sein NLA-Debüt, im Februar erzielte er (gegen Rapperswil) sein erstes NLA-Tor. Nun spielt der Verteidiger in der WHL für die Silvertips. Das ist – in bemerkenswert kurzer Zeit – ein steiler Aufstieg. Und der soll, wenn alles sehr gut läuft, im Juni 2013 mit der Ziehung Müllers im Draft für die NHL einen ersten Höhepunkt erreichen. Müller hat «das Spielen im Ausland, speziell in Nordamerika, schon immer interessiert, ich wollte den Schritt dorthin unbedingt wagen». Die Chancen, gedraftet zu werden, sind um einiges besser als in der Schweiz. In bisher 20 Partien mit Everett kam er auf 8 Skorerpunkte (2 Tore), mit +3 ist er einer von nur vier Spielern mit einer positiven Bilanz. Müller bildet oft mit Ryan Miller, der im letzten Jahr von Columbus in der 1. Runde gedraftet worden ist, ein Verteidigungspaar. «Von ihm kann ich viel lernen.» Aber er kann auch schon einiges. Er beeindruckte mit Peter Sullivan einen Scout, der das Schweizer Eishockey kennt: Der Kanadier trat ab 1981 für einige Jahre als gefürchteter Torschütze für Langnau und den SC Bern auf. Sullivan und B. J. Macdonald, Topscouts der WHL, loben in einer ersten Einschätzung den 1,92 m langen Müller: «Central Scouting hat ihn als B-Spieler eingestuft, für uns gehört er zur A-Klasse. Er ist sehr, sehr intelligent. Er macht stets das Richtige mit dem Puck. Er tut all die kleinen Dinge richtig, er ahnt die Spielentwicklung voraus. Er hat vor keinem Zweikampf Angst.» Laut diesen Experten gehört Müller zu den zehn Toptalenten der WHL. Seine Trainer in Everett sind sehr zufrieden, und Rufener ist sich sicher, dass Müller bis zum Draft noch «weit nach vorne kommt. Er wird sicher in der 2. Runde gezogen.» 200 Dollar Taschengeld Der «Lange» lässt sich ob all dem nicht verrückt machen. Das Eishockeyleben in Nordamerika gefällt ihm, vorläufig geniesst er es in vollen Zügen. «Ich lasse den Draft auf mich zukommen, es kann ja noch so viel passieren», sagt Mirco Müller. Er schätzt die WHL als «eine der besten Juniorenligen der Welt» ein, «die Teams spielen auf einem sehr hohen Niveau». Everett im amerikanischen Staat Washington liegt an der Westküste, nur gut 160 km südlich der kanadischen Olympiastadt Vancouver. Mirco Müller wohnt etwas ausserhalb der Stadt, in welcher der Flugzeughersteller Boeing der grösste Arbeitgeber ist. Er lebt mit einem weiteren Mitspieler bei einer Familie, die selber drei Kinder hat. Die Mutter ist als Eislauftrainerin ebenfalls mit dem Verein verbunden. Mirco Müller erhält zwar keinen Lohn, aber seine Eltern müssen auch nichts bezahlen. Kost und Logis, die Ausrüstung und der Flug werden von den Silvertips beglichen, jeder Spieler erhält pro Monat 200 Dollar Taschengeld. Damit kann man nicht gross über die Stränge schlagen. Aber man hat sich auch streng an die Vorschriften zu halten. Schon zweimal klingelte um 23 Uhr, der Zeit, zu der die Spieler spätestens zu Hause sein sollen, das (Kontroll-)Telefon. «Die Leute kümmern sich sehr gut um mich. Wenn ich Fragen hatte, konnten mir Mitspieler oder die Gastfamilie helfen.» Und wenn ab und zu einige Sprüche fallen wegen seines Englisch, das noch nicht ganz stilrein ist, bucht er das unter «normal» und «witzig» ab. Zwei Wochen unterwegs Freizeit neben dem Eishockey gibts kaum, denn die Qualifikationsrunde umfasst 72 Partien. Wegen des dichten Terminkalenders und der vielen Reisen finden selten «richtige Trainings» statt, berichtet Mirco Müller. Vergangene Woche absolvierten die «Tips» in vier verschiedenen Städten vier Partien in fünf Tagen – und verloren alle. Sie sind in ihrer US-Division auf dem letzten Rang klassiert. «Doch das ist für die persönliche Entwicklung eines Spielers kein Nachteil», sagt Rufener. Der bisher längste «Roadtrip» dauerte zwei Wochen, das Team war aber nicht im Flugzeug unterwegs. Für die 1700 Kilometer nach Brandon (wo der Schweizer Alessio Bertaggia spielt) sassen die Silvertips 24 Stunden im Bus. «Mehr oder weniger auf dem Rückweg», wie Müller beschreibt, habe man die anderen fünf Partien absolviert. Ihre Heimspiele finden in der Comcast Arena statt, die 8400 Zuschauer fasst – und die einmal praktisch ausverkauft war: Gegen die Seattle Thunderbirds sammelte Everett Geld für den Kampf gegen Brustkrebs und trat dazu vor 8300 Besuchern in pinkfarbenen Leibchen auf. Simpsons Lob Wegen einer Fussblessur verpasste Mirco Müller zwischen Weihnachten und Neujahr die U20-WM, wegen einer Nierenverletzung musste er im April auch die U18-WM auslassen. In diesem Winter könnte er nochmals bei beiden Turnieren antreten. Das Interesse der Trainer auf jeden Fall ist vorhanden. Müller beeindruckte Sean Simpson, der für diese Saison auch die U20 führt, im Sommer beim Turniersieg in Füssen. «Mirco hat in Füssen sensationell gespielt», lobt Simpson. Für ihn ist er «klarer Kandidat» für die U20-WM zwischen Weihnacht und Neujahr in Russland. Ob er im April 2013 auch bei der U18-WM auftritt, hängt vom sportlichen Abschneiden mit den Silvertips ab.

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