Zum Hauptinhalt springen

Die Erforschung des Lebens mit den Mitteln der Kunst

Die Künstlerin Esther Mathis erhält morgen im Theater am Gleis den mit 10 000 Franken dotierten Förderpreis der Stadt Winterthur. Ihre filigranen Werke ähneln ­wissenschaftlichen Versuchsanordnungen. Ein Porträt.

In ihrem jüngsten Werk beschäftigte sie sich mit Salz. In der Installation «Salt», mit der Esther Mathis kürzlich erneut an der Dezemberausstellung im Kunstmuseum vertreten war, hängte sie PET-Flaschen an die Decke und liess mit gewöhnlichem Kochsalz versetztes Wasser an Wollfäden herunterrinnen. Rätselhafte Inseln, die von weitem an Infusionen im Spital und an filigrane Stalaktiten denken liessen. Was dabei sichtbar wurde, war die Beharrlichkeit des Lebenselements Salz, das immer wieder zu sich selbst zurückkehrt: An den Fäden kristallisierte das Salz, Teile davon fielen auf Betonplatten am Boden, wo sich bizarre Muster bildeten, die an Sternhaufen erinnerten. «Salt» war ein Gemeinschaftswerk: Museumsmitarbeiter füllten die Flaschen nach und wurden als Mitautoren aufgeführt; zudem kann die Installation nachgebaut werden – das zugehörige «Salt Manual» enthält eine Anleitung dazu –, und die neuen Installationen werden auf der Website der Künstlerin dokumentiert. Schönheit mit minimalen Mitteln Die Werke von Esther Mathis, die 1985 in Winterthur geboren wurde und heute in Zürich lebt und arbeitet, weisen Züge eines wissenschaftlichen Experiments auf. In ihren Installationen und Videos und auf den Fotografien ­begegnet man etwa einem ­«Vorhang» aus Reagenzgläsern, traumhaft schwebenden Steinen und den Wurzeln von Keimlingen, die in Abhängigkeit von der Meereshöhe in unterschiedlichen Formen wachsen. Die Werke kommen mit minimalen Mitteln aus. Das Laborhafte ist bewusst gewählt, aber es ist nur eine, die sichtbare Ebene. «Jedes Werk besteht aus mehreren Schichten», sagt Mathis im Gespräch. Der ästhetische Aspekt ist ihr wichtig. Es geht ihr jedoch immer auch darum, einen Aspekt sichtbar zu machen, der im Alltag unsichtbar bleibt. Die meisten Ideen kämen ihr, wenn sie kleine körperliche Arbeiten verrichte und der Kopf frei bleibe, erläutert Esther Ma­this ihre Vorgehensweise. «Oft koppelt sich eine Idee ziemlich schnell mit einem Konzept. Vieles entsteht aber auch erst beim Ausprobieren mit Materialien. Dieser Prozess ist mir wichtig. Erst wenn ich sehe, wie etwas funktioniert, kann ich alle Facetten begreifen und Verbindungen herstellen.» Manchmal beginne sie mit einfachen Sachen, im Fall von «Salt» zum Beispiel mit einem Kristallkit für Kinder aus dem Spielwarenladen. «Davon ausgehend habe ich dann eigene Anordnungen mit Salz oder Zucker gemacht. Den Kristallisationsprozess habe ich etliche Male durchgeführt, um herauszufinden, was eine Spur hinterlassen würde.» Am Salz fasziniere sie «seine Eigensinnigkeit», erklärt Mathis: «Salz bleibt Salz. Es kehrt immer zu seiner klaren Grundformation zurück, nimmt keine Veränderung in sich auf.» Das interessiert sie, weil es im Widerspruch zu ihrer Auffassung der Zeit steht, die immer Veränderungen mit sich bringt. Gerade seine stoische Unabhängigkeit macht das Salz aber auch geeignet, die zufälligen Einflüsse zu registrieren, denen eine Installation in ihrer Umgebung ausgesetzt ist – Feuchtigkeit, Staub, unabsichtliche Berührungen. Einflüsse von Roman Signer bis Hiroshi Sugimoto Vor zehn Jahren schloss Esther Mathis das Liceo Artistico in Zürich ab, nach einer Pause hängte sie dann in Mailand ein Studium der Fotografie an – an einer technischen Schule, worüber sie froh ist, weil sie mit dieser Ausbildung zu Jobs kommt. Heute unterrichtet sie am Liceo Artistico das Freifach Fotografie, und im Sommer schliesst sie ihre Ausbildung zum Master in Fine Arts an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) ab. Als sehr wichtig bezeichnet sie die Unterstützung durch ihre Eltern: «Sie haben immer an mich geglaubt und helfen mir beim Organisieren und Aufbauen. Wir sind ein Team.» Am meisten für ihre Kunst gelernt ­habe sie beim Mailänder Videokünstlerduo Masbedo, als dessen Assistentin sie arbeitete, sowie im ersten Masterjahr an der ZHdK. Sie würde gerne von der Kunst leben können, doch dafür gibt es kein Rezept. Und diverse Nebenjobs wie Unterrichten und Fotografieren erlebt Mathis auch als sehr befruchtend für ihre Arbeit. Welche Künstler haben sie besonders beeinflusst? Mathis nennt die Videos von Roman Signer, die Zeichnungen von Juul Kraijer, Olafur Eliasson und Hiroshi Sugimoto. Das Geschenk einer Freundin hat ihr kürzlich den amerikanischen Minimalkünstler Carl Andre nähergebracht; das eigenwillige grafische «poem» hängt als Postkarte über ihrem Arbeitstisch, wo sie es jeden Tag betrachtet. Installationen haben naturgemäss eine eng begrenzte Lebenszeit. Danach existieren sie nur noch auf Fotografien und in Dokumentationen. Es sei denn, sie werden irgendwo erneut auf­gebaut, was jedes Mal eine neue Herausforderung darstellt, wie Mathis erklärt. Von der Wirkung, die das Werk in einer neuen Umgebung hat, lässt sie sich gerne überraschen. «Damit diese Überraschung eintreten kann, habe ich zum Beispiel keine Kunst von mir zu Hause stehen. Wenn ein Werk abgeschlossen ist, möchte ich weitergehen und einen neuen Dialog damit beginnen.» Das Leichte und das Schwere Oft arbeitet Esther Mathis mit ­filigranen Materialien, die dem Raum eine Aura der Leichtigkeit verleihen. Bei der Installation «It all comes in waves. Breathe», für die sie 2013 den Preis der Künstlergruppe Winterthur erhielt, war das besonders der Fall: ein schwereloser Vorhang aus Licht und Glas, bestehend aus hängenden Reagenzröhrchen. Ein Jahr später hat sie nun bei «Salt» erstmals schwere Materialien verwendet: Je 50 Kilo wogen die elf Betonplatten, die am ­Boden die herunterfallenden Salzkristalle auffingen. «Dieses schwere Element brauchte es, damit die Installation nicht im Raum verschwand», erklärt die Künstlerin, zu deren Stärken es gehört, Neues auszuprobieren. Helmut Dworschak

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch