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Die Fast-Priesterin

Zita Haselbach ist eine zurückhaltende, bescheidene Frau. Sich ins Zen­trum zu rücken, behagt ihr nicht. Und doch tut sie es immer wieder. Bei ihren Predigten stellt sich die Leiterin der katholischen Pfarrei am Rosenberg vor die versammelte Gemeinde. In ihrer Pfarrei verhält sich die 63-Jährige fast wie eine Priesterin – was sie als Frau nicht sein darf. Zwar kann sie Gottesdienst halten und Kranke begleiten, doch nicht taufen, verheiraten oder das Abendmahl feiern. Die Spendung der Sakramente ist an die Priester­weihe gebunden und diese ist Männern vorbehalten. Ihr Vorgesetzter drückt jedoch beide Augen zu. «Wir gehen an die Grenze und etwas weiter», sagt Zita Haselbach. «Die Tauf­bücher muss aber der Pfarradminis­trator unterschreiben, das darf ich nicht machen.» Ist sie also eine Priesterin? Sie wünsche sich schon, Frauen im Priester­amt den Weg zu ebnen, sagt sie. «Das muss kommen. Ich hoffe fest, dass es nicht mehr lange geht.» Nicht immer hatte die Gemeinde­leiterin ihre Kollegen im Rücken. Als sie am Rosenberg anfing, erfuhr sie auch Ablehnung. Der Aushilfspriester, den sie an ihrem ersten Arbeitstag antraf, verhehlte seine Antipathie nicht. Er bete für einen neuen Pfarrer, sagte er in der Öffentlichkeit. Das ist jetzt 17 Jahre her. In den schweren Zeiten half es Zita Haselbach, dass sie ihre Last «auf den Altar legen» konnte, wie sie sagt. «Wenn man seine Last in Gottes Hand gibt, hilft er einem, sie zu tragen.» Zu diesem Mittel greift die Seelsorgerin noch heute, etwa wenn Gläubige ihr ein schlimmes Erlebnis anvertrauen. War­um hat sie nicht einfach eine andere Aufgabe angenommen? Oder die Konfession gewechselt? Die Fragen seien verständlich, sagt die mutige Frau, und doch habe sie nie an solches gedacht. Sie sei sehr gerne Seel­sorgerin und eine Abkehr vom katholischen Glauben sei für sie unvorstellbar. «Das wäre, wie wenn ich meine Familie verlassen würde. Aus der Familie läuft man nicht so einfach weg, auch wenn es Dinge gibt, die man nur schwer erträgt.» Zita Haselbach fand zu ihrer «Familie», als sie 30 Jahre alt war. Es geschah in Afrika. Die junge Frau, damals Sekundar­lehrerin in St. Gallen, beteiligte sich an einem Entwicklungshilfeprojekt in Tansania. «Ich war in Afrika sofort zu Hause – auch dank der Kirche», sagt sie. Obwohl sie am Anfang die Sprache nicht verstand, habe sie den Gottesdienst sofort mitfeiern können. «Da habe ich gemerkt, was es heisst, zu einer Welt­kirche zu gehören.» Gleichzeitig sah sie jeden Tag Dinge, die sie beelendeten. «Erst da begann ich, in der Bibel zu lesen.» In Afrika habe sie mehr über den Glauben gelernt als während der theologischen Ausbildung, bilanziert die Seelsorgerin. Nach ihrer Rückkehr vom Schwarzen Kontinent absolvierte sie ein Theologiestudium in Freiburg. Als sie zum zweiten Mal nach Afrika ging, führte sie das Leben einer Ordens­schwester. Sie lebte aber nicht hinter Klostermauern, sondern mit den Einheimischen zusammen. Sie verrichtete Feldarbeit, melkte Kühe, baute sogar eine Kirche aus Stein und Wellblech. «Ich fand es wichtig, unter den Menschen zu leben. Es kann demütigend sein, wenn man als reiche Weisse auftritt, die es zwar gut meint, aber doch nicht mit den Schwarzen zusammen­leben will.» Bei den Leuten war die engagierte Christin beliebt. Einige Afrikanerinnen tauften ihre Töchter auf den Namen Zita, wie sie später erfuhr. Doch zur Nonne, wie es vorgesehen war, wurde sie nicht – die Regeln im Orden wurden zu unnachgiebig durchgesetzt, fand sie. Auch in der Schweiz war sie als Seel­sorgerin gefragt. Sie solle hier bleiben, sagte ihr ein Pfarrer, in der Schweiz sei die Arbeit schwieriger als in Tansania, «in Afrika glauben die Leute schon». Zwei Jahre ar­bei­te­te Zita Haselbach im Team der Seelsorger der Pfarrei St. Peter und Paul, bevor sie die Leitung der Pfarrei am Rosen­berg übernahm. Als Frau an der Spitze ihrer Gemeinde muss Zita Haselbach nicht zölibatär leben. Sie tut es trotzdem. In der Schulzeit habe sie Freunde gehabt, die Frage nach dem Heiraten habe sich aber nie gestellt. Und später habe sie immer mit anderen und für andere gelebt und darin Erfüllung gefunden. «Es gibt Pfarrer, die wegen des Zölibats völlig einsam sind. Ich bin es nicht.» Über 30 Jahre lang hat sich Zita Haselbach für Frauen in der Kirche ein­gesetzt – ein aufreibender Kampf. Hat das Alter sie milder gemacht? «Das kann schon sein. Ich habe gelernt, Grenzen zu ertragen, auch wenn es diese Grenzen eigentlich nicht geben sollte.» Eine Überzeugungstäterin ist die Seelsorgerin aber geblieben. In der Urkirche habe es keine eigentlichen Priester gegeben, sagt sie. Vielmehr sei die Kirche von den Ältesten geführt worden. Dies waren Menschen mit Charisma, die die Gemeinde zusammenhielten und die Fähigkeiten der Mitglieder erkannten. «Es dünkt mich, dass ich nach dem Evangelium handle.»

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