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«Die Filiale hatte keine Chance, die gewünschte Rendite zu erzielen»

Die Schliessung der Orell-Füssli-Filiale in der Marktgasse war für viele Kunden ein Ärgernis. Nun spricht CEO Michele Bomio über die Gründe, die Unsicherheit bei den Mitarbeitern und den Ausbau in der Grüze.

Herr Bomio, wie wichtig ist der Standort Winterthur für die Orell Füssli Thalia AG? Michele Bomio: Die Stadt ist einer unserer wichtigsten Standorte und zentral in unserem Portfolio. So war es bisher und so bleibt es auch weiterhin. Wann waren Sie das letzte Mal in Winterthur? Das war vergangene Woche, ich schaute mir die Arbeiten in der Filiale an der Marktgasse 41 an. Sind Ihnen auch die vielen Kleiderläden links und rechts aufgefallen? Ja, aber diese Entwicklung sieht man auch in anderen Städten. Vom Unter- bis zum Obertor zählt man derzeit 52 Schuh- und Kleiderläden. Können Sie verstehen, dass gerade deshalb viele Leute die Schliessung der grossen Orell-Füssli-Filiale bedauern? Natürlich, die Schliessung eines Ladens ist ja auch immer eine Trennung und deshalb auch ein emotionaler Akt. Der Schliessungsentscheid war auch für uns schmerzhaft. Es ist klar, dass bei vielen Besuchern dieser schönen Filiale auch Unverständnis für den Entscheid da war. Was ist das eigentlich für ein Gefühl für Orell Füssli Thalia: Als man 1997 die grosse Orell-Füssli-Filiale eröffnete, regte sich die halbe Stadt auf. Nun schliesst man sie und wieder regt sich die halbe Stadt auf. Zu dieser Vergangenheit kann ich nichts sagen, da ich die Verantwortung für die Firma seit eineinhalb Jahren trage und seit 2009 im Buchhandel tätig bin. Dennoch könnte man Ihrer Firma eine Strategie vorwerfen: Als Platzhirsch Druck auf die kleinen Buchhandlungen aufsetzen und wenn diese weg sind, wie die Buchhandlungen Hoster oder Schwert, konsolidiert man das Geschäft und lässt alles Überflüssige weg. Ich kann und möchte mich nicht zu Dingen äussern, die nicht von Orell Füssli Thalia stammen. Unsere Firma existiert seit Oktober 2013 und man kann uns schon deswegen in diesem Zusammenhang keine Strategie unterstellen. Die Schliessung war ein wirtschaftlicher Entscheid, wie schlecht lief die Filiale denn tatsächlich? Die Filiale hatte keine Chance, die von uns gewünschte Rendite zu erzielen. Sie war dazu schlicht zu gross und die Miete war viel zu hoch. Die Filiale war ja deutlich grösser als das, was die Kunden zu sehen bekamen. Im Mietpreis waren zusätzlich ein Dachstock und zwei Untergeschosse enthalten. Hat man sich also bereits vor 18 Jahren verschätzt? Das formulierte Umsatzziel beim Start lag damals bei 15 Millionen Franken. Diese Zahl war mir bisher nicht bekannt. Klar ist aber, dass sich in der Zwischenzeit im Buchhandel vieles geändert hat. Was waren die dramatischsten Umwälzungen? Bis 2008 erlebte der Buchhandel in der Schweiz eine Expansionsphase. Dann führten drei Faktoren zu Preiserosion und Margenzerfall: die Aufhebung der Buchpreisbindung, die weltweite Finanzkrise sowie die Digitalisierung. Und aktuell klagt die Branche über die Aufhebung des Euromindestkurses. Genau, wie anderen Branchen fehlt uns derzeit die Planungssicherheit. Wir haben aber rasch beschlossen, die Währungsdifferenzen an unsere Kunden weiterzugeben, und sind zuversichtlich, dass der Buchhandel sich weiterhin positiv entwickeln kann. Denn Buchhandlungen sind etwas Attraktives und Schönes. In der Winterthurer Altstadt betreiben Sie fortan nur noch eine Buchhandlung. Wieso fiel der Entscheid auf die viel kleinere, ehemalige Thalia-Filiale? Ausschlaggebend ist eben vor allem die Grösse und dass wir dort, an der Marktgasse 41, ein besseres Mietverhältnis haben. Von der Grösse her perfekt wäre aber eine Mischung zwischen den beiden Filialen gewesen. Neben vielen Kunden hatten auch die 28 Angestellten der grossen Filiale keine Freude an der Schliessung. Bis zuletzt waren diese im Ungewissen, wann der Laden tatsächlich zugeht, weshalb wurde dies nicht früher kommuniziert? Wir haben von Anfang an fair kommuniziert. Die Schliessungsabsicht wurde deshalb im Januar 2014 auch schon früh bekannt gegeben, auch wenn es danach für die Mitarbeitenden zu einer eher unsicheren Phase kam. Wie viele der Angestellten suchen derzeit noch einen neuen Job? Das sind nur wenige. Für 18 Mitarbeitende haben wir Anschlusslösungen innerhalb unseres Betriebs gefunden und einige haben selbst eine neue Stelle gefunden. Hat die Rochade in der Altstadt auch Auswirkungen auf die kleine Filiale am Rosenberg? Nein. Der Rosenberg ist ein wichtiger zweiter Standort in Winterthur, er hat Po­ten­zial. Und wie sieht es mit dem Buch.ch-Zentrum an der Industriestrasse in der Grüze aus? Das Kundenservicecenter, als schweizweit zentrale Abteilung für Kundenanliegen von Orell Füssli Thalia, wurde stark ausgebaut. 2014 konnten wir 20 neue Stellen schaffen. Insgesamt arbeiten in der Grüze jetzt 55 Personen. Gestärkt wurde auch die dort befindliche Logistik im Bereich Buchversand. Wollen Sie in Winterthur in Zukunft noch weitere Stellen schaffen? Der Onlinehandel wächst stark. In der Grüze haben wir tatsächlich die Möglichkeit, bei Bedarf weitere Stellen zu schaffen. Interview: Mirko Plüss Der Tessiner Michele Bomio ist seit Oktober 2013 CEO der Orell Füssli Thalia AG. Der 53-Jährige promovierte in Biotechnologie an der ETH Zürich und war unter anderem für Navyboot und ab 2009 als Geschäftsführer für die Thalia Bücher AG tätig.

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