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Die Frau mit den Seidentüchern

Eine 63-jährige Baumerin besitzt über 1000 Seidenfoulards, auch dank ihres Verkäufertalents.

Du bist krank.» Diesen Satz hat Mirjana Gubler schon oft zu hören bekommen. Dann lächelt die 63-Jährige jeweils und sagt: «Das ist schon möglich.» Über 1000 Seidenfoulards besitzt die gebürtige Serbin, die sofort präzisiert: «Nur handrollierte.» Deren Saum ist nicht etwa mit der Maschine, sondern von Hand eingerollt und festgenäht. Die Baumerin geht nie ohne Foulard aus dem Haus. Am liebsten trägt sie eines der französischen Luxusmarke Hermès. «Man ist einfach grad richtig angezogen», sagt sie. Die Liebe zu den Seidenschals nahm 1986 ihren Anfang. Als junge Frau ­ar­bei­te­te sie im Restaurant Hecht in Fehr­altorf. Ein Gast schenkte ihr damals unverhofft einen Schal. Dieser gefiel ihr so gut («Ich konnte ihn zu allem anziehen»), dass sie beschloss, weitere Exemplare zu kaufen. «Und zwar einfach für mich.» Weil sie damals auch bei der Swissair ar­bei­te­te, konnte sie für wenig Geld in der ganzen Welt ­herumreisen. Ihre Freunde besuchten Museen, sie zog es vor, auf Flohmärkte zu gehen und nach gebrauchten Seidenfoulards Ausschau zu halten. Sie liebt es, um den Preis zu feilschen. «Ich habe Käuferblut in mir.» Und obwohl sie bei Hermès-Tüchern kaum widerstehen kann, hat sie sich trotzdem eine Limite festgesetzt: «Die Schmerzgrenze liegt bei 100 Franken.» Ein neues Seidentuch kostet im Laden schnell einmal 400 Franken. Ihre ältesten Tücher stammen aus den 70er-Jahren. Neben bekannten Marken wie Yves Saint Laurent, Burberry, ­Moschino und Dior besitzt sie auch ganz viele namenlose – in allen Farben und Mustern, bestickt oder nicht, mit oder ohne Zotteln. Jene, die ihr besonders am Herzen liegen, bewahrt sie in der Nachttischschublade oder im Schlafzimmerschrank auf. «Damit sie möglichst in meiner Nähe sind.» Denn wenn die Baumerin nachts nicht schlafen kann, steht sie auf, nimmt die orangen Schachteln hervor, in denen die Hermès-Foulards fein säuberlich zusammengefaltet sind, und öffnet sie. Sie nimmt die Tücher heraus, faltet sie auseinander, streicht über den Stoff, zählt sie und ordnet sie neu. Man müsse die Schals regelmässig auseinanderfalten, damit sie keine dauerhaften Knicke erhielten, sagt Gubler. Im November 2012 eröffnete sie eine kleine Brockenstube in Bäretswil. Dort bot sie einen Teil ihrer Foulards zum Kauf an. Daneben auch Kleider, alte Gläser und Porzellanwaren. Sie selbst kleidet sich nur mit Kleidern aus Brockenhäusern und Flohmis. Denn in diesen fühlt sie sich am wohlsten, wie sie sagt. «Marken bedeuten mir nichts.» Im vergangenen März musste sie den Laden schweren Herzens wieder schliessen. «Die Kundschaft blieb aus.» Einer der Gründe ortet sie in den Parkplätzen vor der Liegenschaft, die stets durch Fahrzeuge der Nachbarn besetzt gewesen seien. Das Geld, das Kunden in die Brocki-Kaffeekasse warfen, will sie nun dem Frauenhaus spenden. Ihre Seidenschals bietet sie – wie schon seit Jahren – auf Flohmärkten an. Etwa auf dem Flughafen-Flohmarkt, dem einstigen «Swissair-Flohmarkt» am Fusse des Holbergs in Kloten. Dort, wo sich ehemalige Swissair- und Flughafenangestellte gerne auch nur für einen Schwatz treffen. Der nächste Flughafen-Flohmi findet am 24. Mai statt. An Samstagen ist Gubler zudem regelmässig auf dem Flohmarkt am Zürcher Bürkliplatz anzutreffen. Ihre «Schätze» verkauft sie aber nicht an jeden, wie sie sagt. Wenn eine gut betuchte Dame den Preis für ein Tuch allzu sehr drücken wolle, dann behalte sie es lieber. Denn: «Dafür ist mir der Schal zu wertvoll.» Flohmärkte lernte Gubler erst in der Schweiz kennen. Sie wuchs in Valjevo im Westen von Serbien auf. 1971 kam sie im Rahmen eines Studentenaustauschs nach Salzburg in Österreich. Dort ar­bei­te­te sie in einem Hotel und lernte rasch Deutsch. Danach zog sie weiter in die Schweiz, nach Bauma. In der «Tanne» fand sie eine Anstellung – und die Liebe. Ihr späterer Mann machte im Gasthaus Musik. 1973 heirateten die beiden. Wenig später kamen eine Tochter und ein Sohn zur Welt. Die beiden sind mittlerweile erwachsen und haben eigene Familien gegründet. Die 63-Jährige reist noch immer gerne. «Am liebsten alleine», sagt sie. Dann müsse sie auf niemanden Rücksicht nehmen und könne all das unternehmen, worauf sie gerade Lust habe. Denn sie sei jemand, der ständig «auf Achse» ist. Sie kann schlecht einfach nur herumsitzen. Ihr Mann, der pensioniert ist, lässt sie gewähren. Erst kürzlich war sie in der Türkei. Sie fliegt auch regelmässig in ihre Heimat zurück. Dort trifft sie sich mit ihren ehemaligen Schulkolleginnen. Ihre vier Enkel sind regelmässig in Bauma zu Besuch. Eine Plastikrutschbahn im Garten und zahlreiche Spiel­sachen in Wohnzimmer und Wintergarten zeugen davon. Ihre eigenen Kinder hätten früher nie im Wohnzimmer spielen dürfen, sagt sie. «Doch mit den Enkeln ist alles anders.» Bei ihnen drücke sie ab und zu mal ein Auge zu. Dass die Grossmutter selbst zu Hause meist ein Foulard trägt, hat eine ihrer Enkelinnen veranlasst, sie zu fragen: «Bist du krank?» Sie habe verneint und erklärt, dass ein Seidenfoulard einfach zum guten Stil gehöre.

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