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Die Frauen unter der Haube und ein Kosakentanz

unter dem strich

Ein schriller Auftritt in Sotschi – und die prompte Reaktion der Ordnungshüter. Bild: key

Neue Bilder, neues Video, neue Nachricht von Pussy Riot. Die russischen Punkfrauen sind nach der Amnestie wieder auf freiem Fuss und testen aus, was in Russland «auf freiem Fuss» schon wieder heisst. Eine kurzzeitige Festnahme in Sotschi sorgte für Wirbel, und die Fortsetzung folgte. Kurz, die bunten Smarties sind wieder international in den Medien. Wie sie das nur schaffen?

Dieselben Maschen, die üblichen Provokationen, und doch: Ein perfekteres Bild hätte Pussy Riot aus Sotschi nicht in die Welt schicken können als mit ihrem jüngsten Video. Die Frauen in ihren schrillen Kleidern und Mützen, die schwarz uniformierten Kosaken, die mit der Peitsche auf sie losgehen, die Abwehrgesten – ein Tanz wie auf der Bühne ist das. Und auf die Bühne hat es der Pussy-Riot-Stil ja auch schon längst gebracht, sogar in die Oper, zum Beispiel in Johan Simons «Boris Godunov»-Inszenierung in Madrid.

Die Pussy-Riot-Sotschi-Bilder sind in ihrer Lesbarkeit so eindeutig, die Verteilung von Macht und Ohnmacht, von schwarzer Gewalt und farbig-ungezähmter Freiheitsliebe so aussagekräftig, dass man nicht anders kann, als an Inszenierung zu denken. Vielleicht haben die Frauen aber auch nur das zweifelhafte Künstlerglück gehabt, dass die Kosaken (ihnen) so schön mitgespielt haben.

Als Künstlerkollektiv versteht sich Pussy Riot ja tatsächlich, und wenn Wirksamkeit in der gesellschaftlichen Wirklichkeit ein Kriterium künstlerischer Qualität und Relevanz ist, so verdient die Gruppe alle Anerkennung. Zwingend ist es aber nicht, hier mit dem Nobeletikett Kunst zu kommen. Denn umgekehrt wäre es ja auch widersinnig, jede wirksame Aktion in der Öffentlichkeit unter dem Begriff Kunst zu verhandeln. Aspekte der Inszenierung und gezielt eingesetzter Ästhetik prägt das «Polittheater» im Kleinen wie im Grossen.

Sotschi! Das sollte, unübersehbar, auch das Bild eines grossartigen, wahrhaft olympischen Russlands in alle Winkel des Landes und in die Welt hinaustragen – die Eröffnungsshow liess es an patriotischem Bilderüberschwang nicht fehlen: Mütterchen Russland blühte auf. Umso schlimmer, wenn sich nun Sotschi-Bilder einer anderen Regie in die Inszenierung mischen.

Anders als bei der Protestaktion von Pussy Riot in der Erlöserkirche, die damals passiver Schauplatz und Opfer eines ungebührlichen Auftritts war, erscheint diesmal eine russische «Ikone» selber als Täter. Mit der Peitsche in der Hand ist der Kosake, der über die Punkfrauen herzieht, Symbol eines Russlands der gegeisselten Menschenrechte und auch eines Kults des Virilen, wie ihn Putin selber so gern pflegt. Im Kosakentanz mit Pussy Riot entlarvte sich – gerade passend zum Riot-Text «Putin lehrt dich die Heimat lieben» – dieses folkloristisch kostümierte Russland, und die Aggression der Ordnungshüter gegen die Frauen, die zwar unter der Haube sind, aber eben anders, als es seine Ordnung haben würde, ist vielleicht umso gröber, als der Pussy-Look auch Männerfantasien reizt. Auch in die Pornoszene hat es dieser Stil gebracht.

Nachgetragen sei, dass sich eine der Frauen auch als Hüterin der guten russischen Seele geoutet hat. Im «Spiegel»-Interview (1/2014) erzählt Nadeschda Tolokonnikowa, eine Ikone der Muttergottes habe sie ins Gefängnis begleitet. Auf die Frage nach ihrem Glauben antwortet sie: «Ich glaube an das Schicksal. Und in der Tiefe meiner Seele bin ich eine orthodoxe Christin. Ich halte insbesondere das Neue Testament für wichtig. Was Jesus und seine Jünger gepredigt und getan haben, war etwas Grosses.»

Soll man das ernst nehmen? Dann wäre die Erinnerung an die geisselnden Männer im Neuen Testament der Nachtrag zu diesem Nachtrag.

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