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Die Gagausen blicken stramm nach Osten

Der Krieg in der Ukraine hat auch im kleinen Nachbarland Moldau eine beunruhigende Dynamik in Gang gesetzt.

«In Transnistrien hat man im Frühling die Annexion der Krim durch Russland enthusiastisch begrüsst», sagt Hanna Vasilevich, Forscherin am Europäischen Zentrum für Minderheitenfragen in Flensburg. Vom Anschluss an Russland träumt man im schmalen Landstrich, der sich im Sezessionskrieg von 1992 von Moldau de facto losgelöst hat, schon lange. Seither ist Transnistrien eine Miniaturausgabe der Sowjetunion. Bis heute sind dort rund 1500 russische Soldaten stationiert. Vasilevich referiert und diskutiert an der Minderheiten-Konferenz in Bern im Workshop zum Thema «Selbstbestimmung und Autonomie im postsowjetischen Raum».

Angst vor Dominoeffekt

Warum akzeptiert Moldau nicht einfach die Abspaltung Transnistriens? Die Forscherin mit weissrussischen Wurzeln erklärt es mit der moldauischen Urangst vor einem Dominoeffekt. Und Simon Schlegel, Doktorand am Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung in Halle, ergänzt, dass selbst Russland eigentlich kein Interesse an einer wirklichen Unabhängigkeit habe: «Moskau braucht den unklaren Status Transnistriens vor allem, um Einfluss in der Region zu behalten.» Russland stehe zu diesem Zweck inzwischen schon ein ganzes «Archipel nicht anerkannter Gebiete» zur Verfügung. Ebenfalls eine enge Anbindung an Moskau strebt in Moldau nämlich insbesondere die Minderheit der Gagausen an. Über dieses im Westen kaum bekannte christlich-orthodoxe Turkvolk referiert der in der Schweiz aufgewachsene Schlegel an der Konferenz. Rund 150000 Gagausen leben im Süden des Landes. Das entspricht rund 4,5 Prozent der Gesamtbevölkerung von Moldau. «Die dominierende Unterrichts- und Verkehrssprache der Gagausen ist Russisch», erklärt Schlegel deren Affinität nach Osten. Zudem arbeiten viele Gagausen in Russland. Seit 1994 verfügt die Region – nach langen Verhandlungen mit Chisinau – über einen Autonomiestatus. Der entsprechende Vertrag enthält eine Klausel, welche es den Gagausen erlaubt, eigene Wege zu gehen, sollte sich Moldau, dessen Bevölkerungsmehrheit rumänischsprachig ist, irgendwann mit Rumänien vereinigen.

Gagausen an Putins Seite

Im Juni hat Moldau das Assoziierungsabkommen mit der EU unterzeichnet. Schon im Februar aber distanzierte sich die autonome Region Gagausien ostentativ von diesem Westkurs. In einer Konsultativabstimmung sprachen sich 98 Prozent der Gagausen gegen die EU und für den Anschluss an die vom russischen Präsidenten Wladimir Putin ins Leben gerufene Eurasische Zollunion aus.

Wahlen im November

Wie es in der früheren Sowjetrepublik Moldau weitergeht, hängt von der Entwicklung in der Ukraine ab. Und von den Parlamentswahlen von Ende November. Dann steht das sprachlich, politisch und territorial zerrissene kleine Land zwischen Rumänien und der Ukraine einmal mehr vor der Frage: West oder Ost? Für die Gagausen ist die Antwort klar.

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