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Die gesellschaftliche Solistin

Georgette Klein (1893–1963) war eine ausser­gewöhnliche Frau: Intellektuell und künstlerisch begabt, passte sie in kein Schema. Nun beleuchtet erstmals ein Buch ­um­fassend ihre Persönlichkeit und ihr vielseitiges Schaffen.

Es ist eines ihrer Hauptwerke, das am Sonntag im Kunstmuseum Winterthur bei der Vernissage des Buches «Georgette Tentori-Klein – ein Leben als Solistin» besichtigt werden kann: Die sogenannte Tovaglia – eine bestickte Tischdecke, welche die Künstlerin Georgette Klein 1920 im Auftrag des Kunstvereins Winterthur für den runden Tisch im Anton- Graff-Saal schuf. Die abstrakte, radialsymmetrische Komposition mit züngelnden Flammen erinnert zum einen an die ungegenständlichen Farbräume Augusto Giacomettis (1877–1947) – aktuell im Kunstmuseum Bern ausgestellt –, zum anderen an farben- und formenprächtige Dekorationsmalereien des Barocks. Neuanfang im Tessin Die Künstlerin stammte aus gutbürgerlichen Verhältnissen; ihr Vater Rodolfo Klein war Direktor bei der Sulzer AG. Sie war Violinistin im Musikkollegium Winterthur, hatte 1919 als Germanistin promoviert und machte keine Anstalten, die traditionelle Frauenrolle zu erfüllen. Lieber wandte sie sich der Holzschnitzerei zu. 1929 erfolgte mit dem Umzug ins Tessin der grosse Bruch. Ihre Tagbücher aus den Jahren 1916 bis 1929 fasste sie in einer neuen, gekürzten Version zusammen. 1931 heiratete sie den Weinbauer und Elektriker Luigi Tentori und verabschiedete sich damit endgültig von der gehobenen Gesellschaftsschicht. Fortan schrieb, zeichnete, schnitzte, musizierte und gärtnerte Geo, wie sie genannt wurde, in der Abgeschiedenheit von Barbengo. Spiegel der Gedankenwelt 2013 gingen ihre 104 Tagebücher und ihr zeichnerischer Nachlass an das Tessiner Frauenarchiv (Archivi Riuniti delle Donne Ticino, Aardt), welches unter der Leitung von Chiara Macconi (Journalistin) und Renata Raggi-Scala (Leiterin Aardt) die Monografie herausgegeben hat. Das zweisprachige Buch umfasst Beiträge von insgesamt sieben Autorinnen und Autoren. Die Publikation beleuchtet das Phänomen Geo von verschiedenen Seiten. Besonders aufschlussreich ist die Analyse der Tagebücher als Spiegel der Gedanken- und Gefühlswelt, die von Selbstzweifeln durchzogen war. 1953, im Alter von 60 Jahren, resümierte die Künstlerin: «Viel zu lange war ich immer Georgette Klein-Mut.» Ebenso packend liest sich die Biografie aus der Sicht von aussen: Die Journalistin Macconi sammelte Erinnerungen der Dorfbewohner von Barbengo und wertete die Briefe von Luigi Tentori und Frederick Bodmer an Geo aus. Zwar fehlen die Gegenstücke der Korrespondenz, jedoch sind diese in den Tagebüchern reflektiert. Zu Geos künstlerischer Hinterlassenschaft gehören das eigenhändig entworfene Atelierhaus (1932) im Stil der Moderne, die wenigen erhaltenen Textilien sowie geschnitzte Krippenfiguren, Handpuppen und zahlreiche späte Holzskulpturen. Im Gegensatz zu Sophie Taeuber-Arp schuf Geo kein malerisches Werk und wurde lange nicht als Künstlerin anerkannt. Als Frau beschritt sie den Weg, der ihr offenstand. Ihre textilen und bildhauerischen Arbeiten bot sie kunsthandwerklichen Boutiquen in Lugano und Ascona an, und im Lyceum-Club Lugano führte sie ihre Puppentheater auf, wie man aus dem Beitrag von Annelise Zwez entnehmen kann. Die bebilderte Publikation bietet spannende Lektüre: Sie schildert das Schicksal einer vielseitig begabten Frau der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die – weitgehend auf sich selbst gestellt – sich radikal dem schöpferischen Dasein verschrieb. Buchvernissage, Sonntag, 19. Oktober, 15 Uhr, Kunstmuseum.

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