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«Die Kirche könnte zusammenpacken»

Fribourg. Gabriella Loser Friedli ist Mitbegründerin des Vereins vom Zölibat betroffener Frauen (ZöFra). Sie selber hat einen Ordensmann geheiratet. Der neue Papst lässt sie ein bisschen hoffen.

Die Bilder der Papstwahl sind noch allen präsent. Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie die Kardinäle in die Sixtinische Kapelle schreiten sahen?

Gabriella Loser Friedli: Was für ein Altersheim! Alles Männer, die durchschnittlich 72 Jahre alt sind. Da geht es um die ganze Kirche und keine Frau hat etwas zu sagen. Dabei sind die Hälfte aller Christinnen Frauen.

Sie hatten also eher negative Gefühle.

Ja. Als aber der neu gewählte Papst auf den Balkon trat und «Buonasera» sagte, dachte ich, das ist ein sympathischer Typ, der Menschenfreundlichkeit ausstrahlt. Joseph Ratzinger war für mich ein Papst, der nur aus einem riesigen Kopf bestand. Jorge Mario Bergoglio erscheint von Kopf bis Fuss als ganzheitlicher Mensch, der wohl auch ein gutes Bauchgefühl hat. Das kann entscheidend sein für die Zukunft der Kirche. Bergoglio gilt als konservativ, was an sich nichts Schlechtes ist. In der Praxis ist er nah bei den Menschen und das ist wichtig.

Was bedeutet die Wahl für den Verein vom Zölibat betroffener Frauen?

An unserer Generalversammlung waren wir uns einig: Von all diesen alten Männern können wir uns überhaupt nichts erhoffen. Am Abend der Papstwahl habe ich allerdings ein Mail bekommen von einem ehemaligen Vorstandsmitglied. Sie habe den Blick nicht vom Fernseher abwenden können, da sie voller Emotionen war und dachte, vielleicht gebe es doch Hoffnung, dass sich die Kirche öffne.

Glauben Sie persönlich daran?

Ja, denn wir möchten einfach ernst genommen werden und Gehör finden. Das ist aber schwierig, denn wir bieten unseren Mitgliedern absolute Diskretion. Anders würde es nicht gehen. Die Bischofskonferenz verlangt von uns, dass wir die Namen offenlegen. Doch stellen Sie sich vor, was mit all diesen Leuten passieren würde! Das ist schlicht unmöglich. Deshalb kann man uns immer wieder vorwerfen, wir würden lügen oder etwas aufbauschen. Die Kirche ist in einer starken Position. Aber wir begleiten die betroffenen Frauen und wissen extrem viel. Wenn wir Böses im Sinn hätten, könnten wir viel kaputt machen.

Können Sie die Auswirkungen auf die Betroffenen abschätzen, wenn die Namen öffentlich würden?

Ja, sie wären schlimm. Die Konsequenz für die Paare wäre ein absoluter Existenzverlust. Priester über 50 haben wenig Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Eine neue Ausbildung können sie sich nicht leisten. Auch die Frauen, die meist in kirchennahen Berufen tätig sind, würden wahrscheinlich ihren Job verlieren. Früher rieten wir den Frauen, sich zu outen, damit die Heimlichkeit ein Ende hat. Heute können wir das nicht mehr mit gutem Gewissen tun. 2003 gab es 91 Priester im Amt, die in einer Beziehung lebten. Heute sind es 140. Die Zunahme hat mit der Si­tua­tion auf dem Arbeitsmarkt zu tun.

Wie unterstützt die Kirche Priester, die aussteigen?

Wir haben bei der Bischofskonferenz das Anliegen deponiert, einen Fonds zu äufnen für Priester, die aussteigen. Wir warten diesbezüglich seit vielen Jahren auf eine Antwort von der Bischofskonferenz.

Was wäre die Konsequenz für die Kirche, wenn Sie Namen nennen würden?

Wenn wir über Beziehungen von hochrangigen Kirchenleuten reden würden oder eine Liste mit allen Namen, Geburtsdaten und Kindern veröffentlichen würden, würde die ganze Kirche in der Schweiz kopfstehen. Entfernte man alle Betroffenen aus dem Kirchendienst, müsste die Kirche zusammenpacken. Und wenn dann noch die 500 Leute wegfallen, welche die «Pfarrei- initiative» unterschrieben haben, besteht die Kirche Schweiz nur noch aus dem Bistum Chur.

Wie stehen Sie heute persönlich zur katholischen Kirche?

Die Kirche als In­sti­tu­tion scheint mir extrem reformbedürftig und weit weg von den Menschen. Ich kenne zum Glück viele Kirchenleute, die hervorragende Arbeit leisten. Die Botschaft von Jesus ist mein Lebensmotor. Aber ich habe oft eine Riesenwut auf die Ignoranz und Arroganz der Kirchenoberhäupter und deren mangelnden Respekt ge­gen­über anders denkenden und anders fühlenden Menschen.

Gehören Sie der Kirche noch an?

J a. Seit eineinhalb Jahren besuchen mein Mann und ich allerdings sonntags eine protestantische Kirche in Lausanne.

Sie selber haben einen Ordensmann geheiratet, mit dem Sie vorerst 20 Jahre lang eine heimliche Beziehung führten. Was war das Schwierigste in dieser Zeit der Heimlichkeit?

Wir erlebten eine unglaubliche Isolation. Mein Mann Richard war 30 Jahre Ordensmann und während 12 Jahren davon Prior einer Gemeinschaft. Er war beruflich sehr engagiert, an der Universität, hielt viele Vorträge, war oft im Ausland. Die Beziehung leben konnten wir immer dann, wenn alles andere erledigt war. Ich ar­bei­te­te mit ihm an der Uni als Sekretärin und kannte deshalb seine Arbeit und seine Agenda. Auch sein Kloster und seine Mitbrüder kannte ich gut. Wir diskutierten oft über seine Aufgaben und ich hatte viel Verständnis.

Lebten Sie zusammen?

Offiziell lebte er bis 1986 im Kloster. Dann nahm er sich eine Wohnung ausserhalb, wo er aber fast nie war. Sonst lebte er bei mir und meinem Sohn, dessen sozialer Vater er seit der Geburt war, nach unserer Heirat adoptierte er ihn.

Wusste Ihr Sohn, dass Richard keine Beziehung haben durfte?

Wir haben es ihm früh versucht zu erklären. Gespürt hat er es immer. Er hatte wenig Freunde. Wir waren isoliert und konnten mit fast niemandem über unsere Si­tua­tion reden. Das war auch für die Beziehung schwierig. Wenn wir zum Beispiel mit Studierenden auf Reisen waren, war er zu jeder Studentin netter als zu mir, weil er nicht wollte, dass jemand Verdacht schöpft. In der Öffentlichkeit war ich einfach seine Sekretärin.

Schöpfte denn niemand Verdacht?

Doch. Ein langjähriger Mitarbeiter hat uns verraten. Er hatte sich um eine Stelle beworben, die er nicht erhielt. Dar­auf beschwerte er sich, dass er als treuer Diener Gottes abgewiesen werde. Richard hingegen könne Direktor des Instituts für Religionswissenschaft und Professor an der Uni sein, obwohl er eine Beziehung lebe. Diesem Mann haben wir das Outing zu verdanken. Das Pikante daran: Er lebt ebenfalls eine Beziehung mit einer Frau, noch heute. Als wir ihn dar­auf ansprachen, sagte er, es handle sich um seine Putzfrau.

Waren Sie in der Zeit vor dem Outing nie wütend auf Ihren Partner?

Ich war ein Landei, hatte eine schwierige Kindheit und dementsprechend wenig Selbstvertrauen. Ich hätte mich nie gewehrt. Dass mich jemand liebte, genügte mir völlig, und ich hätte ihm nie ein Ultimatum gestellt. Meistens bestimmt die Vorgeschichte der betroffenen Frauen den Verlauf der Beziehung.

Sie beraten Frauen, die in Beziehungen mit Priestern sind. Womit haben diese heute zu kämpfen?

Die Isolation und das Nicht-darüber-reden-Dürfen ist das Schlimmste und macht krank. Viele Priester bauen zum Beispiel Häuser, irgendwo, weit weg von ihrem jetzigen Arbeitsort. Sie planen, bei der Pensionierung zu zweit dorthin zu ziehen. Viele Paare warten auf diesen Moment. Wenn der Mann zwei Monate nach der Pensionierung an einem Hirnschlag stirbt, trifft das die Frau hart. Sie hat 20 Jahre lang im Warteraum des Lebens verbracht. Es gibt nichts, das es nicht gibt. Wir sind so beschäftigt mit unserer Vereinsarbeit. 2012 haben wir im Vorstand 2000 Stunden gearbeitet. Wir versuchen die Frauen zu ermutigen und zu bestärken. Und vor allem: ihnen zuzuhören.

Was hören Sie für Geschichten?

Viele sind unglaublich traurig. Zum Beispiel, wenn eine Frau nach 20 Jahren Beziehung zu einem Priester merkt, dass er seit 10 Jahren noch eine andere Frau liebt. Oder: Es gibt nach dem Outing keinen Geschlechtsverkehr und keine Zärtlichkeit mehr. Es gibt auch Priester, die wegen der Frau den Beruf aufgeben und todunglücklich sind, weil sie nicht mehr amten dürfen. Die Aspekte, die das Zölibat betreffen, sind sehr spezifisch.

Was muss passieren, damit sich die Kirche in der Zölibatsfrage bewegt?

Die Gläubigen in den Pfarreien müssen aufstehen und sagen: «Es reicht jetzt.» Die Pastoralassistenten können dazu beitragen, indem sie zeigen, wie gut ihre Arbeit ist – auch ohne Zölibat. Mit der «Pfarreiinitiative» könnte sogar bald etwas geschehen.

Wird sich in der Amtszeit von Franziskus in der Zölibatsfrage etwas tun?

Wenn er etwa den einzelnen Kontinenten mehr Autonomie gewähren würde, dann wäre als erster Schritt eine Lösung wie die «viri probati» (verheiratete Männer, die geweiht sind und sich einer vorbildlichen Lebensweise verpflichten, Anm. d. Red.) denkbar. Hoffen darf man ja.

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