Journalismustag

«Die letzte Gelegenheit, wo man mir zuhört»

Sie war zwölf Jahre lang die Strahlefrau der Schweizer Politik. Wenige Tage noch, dann tritt Bundesrätin Doris Leuthard (CVP) von der Bühne ab. Am Journalismustag in Winterthur gab sie einen Vorgeschmack auf ihren Abschied.

Biografien über sie seien in Vorbereitung, habe sie gehört – Doris Leuthard in der Aula der ZHAW.

Biografien über sie seien in Vorbereitung, habe sie gehört – Doris Leuthard in der Aula der ZHAW. Bild: Nathalie Guinand

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Da war er dann plötzlich, der Leuthard-Charme, um den sie ihre Bundesratskolleginnen und -kollegen nur beneiden können. «Das sage ich dann auch in meiner Abschlussrede», sagte Doris Leuthard. Eine Rede, die es natürlich geben werde. «Weil, das ist dann die letzte Gelegenheit, wo man mir noch zuhört.» Das Lachen wird breit in ihrem Gesicht, und es wird laut im Saal an der ZHAW. Das schweizerische Hochdeutsch, die spitzbübische Bescheidenheitsgeste – spätestens jetzt hat Leuthard die Journalistinnen und Studenten im Saal in die Tasche gesteckt.

Es ist die Schlussrunde an einem langen Tag, an dem über die Qualität der Medien und die Medienkrise geredet wurde. Doris Leuthard ist als Kommunikationsministerin geladen. Es ist nicht ihre Paraderolle. Vieles hat sie in zwölf Bundesratsjahren bewegt, fast immer stand sie, mit nur zwei verlorenen Abstimmungen und den höchsten Beliebtheitsraten, als Gewinnerin da. Den Strukturwandel der Medien, sofern er nicht Radio und Fernsehen betrifft, hat sie eher stiefmütterlich behandelt. Ihre Verantwortung?

Die Verleger, sagt sie, hätten eine direkte Medienförderung lange abgelehnt, einige tun es immer noch. Und einige hätten auch einfach die Digitalisierung verschlafen. So finster wie Brancheninterne sieht die Medien­ministerin die Branche nicht. Immer noch gebe es viel Medienvielfalt und Qualität in der Schweiz.

Die berechtigte Nachfrage kommt nicht von SRF-Nachrichtenmann und Moderator Franz Fischlin, sondern aus dem Publikum: «Was würden Sie tun, wenn Sie selbst Verlegerin wären?» Leuthards Antwort: in die Qualität der Publizistik investieren, ein digitales Businessmodell entwickeln, die Gratiszeitungen abschaffen. «Als Verleger kann man das sagen, ab morgen kostet das zwei Stutz.» Szenenapplaus.

Das kleine Adieu

Der Auftritt Leuthards in Winterthur ist einer ihrer letzten, das kleine Adieu vor dem grossen. Das Nachfolgekarussell dreht. Biografien über sie, so hat sie gehört, sind in Vorbereitung. Ende Jahr ist Schluss. Duschen mit Doris – Vergangenheit.

«Was würden Sie machen, wenn Sie einen Zauberstab in die Hand bekämen?» lautet eine andere Publikumsfrage. Leuthard: beim Rahmenabkommen auf Ebene Bundesrat zu einem Ergebnis kommen – sonst sei viel verloren. Die Digitalisierung beim Bund vorantreiben. Und die Debattenkultur verändern, im Nationalrat würden zu viele Vorlagen versenkt. Die Schweiz manövriere sich in den Stillstand. In der Fragerunde ist Leuthard in ihrem Element. Davor bleibt das Gespräch lange steril. Das von allen Seiten kritisierte Gesetz über die elektronischen Medien, die Frage, wer über Konzessionsbeiträge entscheiden soll – es ist eine zähe Materie, auch für die politische Hauptbeteiligte. Aber Leuthard ist Pragmatikerin. Oft gebe es Kritik von allen Seiten, und am Ende führe alles zur ursprünglichen Vorlage zurück.

Auch das zeigt dieser Abend: Der Glaube an den Markt und die Digitalisierung ist intakt. Die Schweiz, ist Leuthard überzeugt, muss nur Antworten finden. Auch der Bund. Ihr Beispiel: Eine Nachhaltigkeits-Influencerin erreiche 60 000 Menschen; die Verwaltung müsse Wege finden, die neuen Medien zu nutzen.

Doris, der Goldschatz

Aber spürt Leuthard den beklagten Qualitätsverlust in den klassischen Medien? Die Fachspezialisten seien rarer, sagt sie. Auch beim Ethos gebe es Probleme. Die Wahrheitspflicht wird geritzt, von den Medien und der Politik. «Dabei sind sie das den Menschen in einer Demokratie schuldig.»

Ihre negativsten Erfahrungen? Das sage sie nicht. Journalisten hätten eine dünnere Haut als Politiker. Dass sie als Frau immer noch anders behandelt werde als ihre männlichen Kollegen, gibt Leuthard zu denken. Reine Einbildung? In der Schlussrunde ergreift eine Frau im Publikum das Wort. «Sie sind ein Goldschatz», sagt sie begeistert. «Sie haben die Staatsmänner bezirzt.»

Erstellt: 22.11.2018, 23:10 Uhr

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