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«Die Leute sind halt sentimental»

Zürich. Bevor Krokus-Sänger Marc Storace mit seiner Band auf Tournee geht, tritt er am Sonntag mit anderen Rock­legenden im Hallenstadion auf. Ein Gespräch über die Vereinbarkeit von Rock und Klassik und das unlösbare Problem der endlichen Setlist.

Sie treten nicht zum ersten Mal bei der «Rock Meets Classic»-Tour auf, diesmal zusammen mit Uriah Heep, Joe Lynn Tyner, Kim Wilde und Midge Ure. Welche Songs werden Sie singen? Marc Storace: Jeder der Mitwirkenden spielt einige Songs aus dem eigenen Repertoire. Bei mir sind es dieselben wie letztes Mal. Dar­un­ter «Tonight Long Stick Goes Boom», der mächtigste Krokus-Song aller Zeiten. Seine Tonalität wird von Orchester und Backchor vertieft, das ergibt eine richtige Wall of Sound. Für mich wird der Höhepunkt aber unsere bekannteste Ballade sein, «Screaming in the Night» von 1983. Die singe ich immer noch gern, manchmal auch in der Badewanne. Zum Schluss gibt es «Bedside Radio», den bekanntesten Song von Krokus. Ich verstehe mich hier als Botschafter meiner Band, mit der ich im Mai auf Tournee gehe. Natürlich tönen Krokus viel härter und rockiger. Krokus orientieren sich ja auch stark an AC/DC. Wie passt das denn zusammen mit einem klassischen Orchester? «Rock Meets Classic» ist im Grunde ein völliger Widerspruch. Nein, es ist erstaunlich, wie schön es zusammenpasst. Die Songs, die ich genannt habe, sind zwar hart, weisen aber doch eine gewisse Emotionalität auf, ich singe ziemlich soulig. Sobald etwas melodisch ist, wird es für ein Orchester zum Leckerbissen. Deep Purple sind ja auch mal zusammen mit dem London Symphony Orchestra in der Royal Albert Hall aufgetreten. Nun gibt es ja diesen Ausspruch Ihres Bandkollegen Chris von Rohr, «Meh Dräck». Rockmusik ist immer ein wenig «schmutzig», wenn man so will. Im Gegenteil zur klassischen Musik, die klinisch sauber daherkommt. Ja, aber das Bohemian Symphony Orchestra spielt anders. Das sind lauter junge Musiker, die haben Power und lieben Rockmusik, ich habe mit vielen von denen gesprochen. Sie geben etwas mehr Gas als ein normales Orchester, das einen Abend lang Schubert oder Mozart spielt. Es geht ja auch nicht anders, wenn vorne auch noch eine Rockband steht. Aber einen AC/DC-Song könnte man nicht im Ernst von einem Sinfonie- orchester begleiten lassen. Selbstverständlich geht das, «The Longstick Goes Boom» ist der Song, von dem alle sagen, dass AC/DC ihn nie geschrieben haben. Sie werden hören, wie gut das ankommt. Es ist ein bombastischer Song, das Orchester gibt hier alles, die reissen an ihren Saiten. Was bedeutet eigentlich der Name dieses Songs? Er geht auf einen Ausspruch von Sitting Bull zurück, auf eine historische Schlacht, die die Soldaten der Union verloren, weil die Indianer besser bewaffnet waren. Die Indianer hatten den besseren Longstick, sie konnten zehn Schüsse hintereinander abgeben, die Soldaten nur vier. Von da stammt der Titel des Songs, aber im Rock ’n’ Roll ist natürlich vieles zweideutig gemeint. Da kannst du nicht alles direkt aussprechen, sonst wirkt es schnell sexistisch. Im Englischen nennt man das «tongue in cheek», Zunge in der Backe. Wenn es dann «Boom» macht, ist es wie bei der Champagnerflasche ein Symbol der Freude. Haben Sie die Krokus-Songs selbst für Orchester transkribiert? Worauf muss man da besonders achten? Wir trafen uns 2011 in Genf zum ersten Mal. Bei einer langen Probe mit Band, Orchester und Chor erstellten wir am Nachmittag vor dem ersten Auftritt ganz spontan hier und dort minimale Arrangements, nahmen Verkürzungen und Änderungen im Timing vor. Sonst änderten wir nichts. Den Rest hatte der Maestro schon erledigt. Das Orchester hatte alles bereits intus. Sie könnten auch die Songs vom neuen Krokus-Album spielen. Weshalb möchten die Leute immer wieder die alten Songs hören? Die Leute sind halt sentimental, sie wollen immer die Klassiker hören. Das ist auch bei einer Krokus-Tournee nicht anders. Da zerbrechen wir uns immer den Kopf, welche Songs wir reinnehmen und welche wir rausschmeissen sollen. Trifft es die neuen Songs, tut es uns weh, trifft es die alten, tut es den Leuten weh. Wir können ja nicht sechs Stunden am Stück spielen oder zwei Tage in derselben Halle Album um Album bringen. Es gab Bands, die das gemacht haben. Pink Floyd haben ein ganzes Album gespielt. Aber dann vermissen die Leute wieder Songs von anderen Alben. Die Erstellung der Setlist ist eine gnadenlose, undankbare Scheissaufgabe. Du verletzt die andern und dich selbst. Zugleich bereitest du auch Freude, denn du hast Songs gebracht, die die Leute hören wollten. Die alten Hits muss man ewig bringen. Auch wenn du sie selbst nicht mehr hören kannst. Das ist aber bei Ihnen noch nicht der Fall. Sobald du auf der Bühne stehst, das Adrenalin durch deine Venen läuft und das Publikum mitmacht: Wenn du dann den Song bringst, von dem du zuerst dachtest, nein, nicht schon wieder, und dann die Reaktion des Publikums siehst, dann vergisst du alles und gehst auf im Fun, im Fasnachtsfieber. Dann bist du am Rocken. Rock Meets Classic Sonntag, 23. März, 19 Uhr, Hallenstadion Zürich

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