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Die Managerin Nadja Lang lebt und denkt in Kontrasten

Sie wechselte von privaten Weltkonzernen wie Coca-Cola zu einer Nonprofitorganisation: Seit bald zehn Jahren ist Nadja Lang bei der Max-Havelaar-Stiftung, seit gut zwei Jahren als Geschäftsleiterin. Nun wurde die Marketingspezialistin auch in den Verwaltungsrat der Post berufen.

Eine enge, knarrende Treppe führt in den zweiten Stock des ältlichen Gebäudes. Hier, an der Konradstrasse 6 in unmittelbarer Nähe zum Zürcher Hauptbahnhof, hat die Max-Havelaar-Stiftung ihre Zentrale. Die Büros sind in verwinkelten Räumen über den ersten und zweiten Stock verteilt. Optisch fällt auf: Alle Bürotüren stehen offen. Akustisch: das Klappern modischer Damenschuhe auf dem Parkett. Nadja Lang, die Geschäftsleiterin, erweckt nicht den Eindruck einer grasgrünen, allenfalls leicht vergrämten Entwicklungshelferin.

Wachsendes Angebot

Im Gegenteil: Ihr Outfit erinnert eher an eine aufstrebende Bankerin drüben am Paradeplatz. Und wenn sie in ihrem kleinen, karg möblierten Büro schnell, intensiv und packend über den globalen Handel mit Fairtrade-Produkten redet, den die Max-Havelaar-Stiftung hier in der Schweiz vertritt, spricht eine engagierte Frau mit dem Vokabular einer Unternehmerin. Der moderne Businessstil und der Job als Chefin einer wohltätigen Nichtregierungsorganisation sind nur scheinbar unvereinbar. Nadja Lang leitet die in den frühen 1990er-Jahre von den Hilfswerken Brot für alle, Caritas, Fastenopfer, Heks, Helvetas und Swissaid gegründete Stiftung nach normalen marktwirtschaftlichen Grundsätzen. So hat sie sich von Beginn an dafür eingesetzt, dass Fairtrade mit einem attraktiven und breiten Angebot massentauglich wird. Lang: «Genuss und Nachhaltigkeit dürfen sich nicht ausschliessen.» Rund 2300 Produkte tragen inzwischen in der Schweiz das Fairtrade-Label: von Bananen über Blumen zu Kaffee, Kakao, Fruchtsäften, Fussbällen bis zur feinen Herrenunterwäsche aus Fairtrade-Baumwolle.

Stark im Bananen-Verkauf

Verkauft werden die Waren hauptsächlich von den Grossen des Detailhandels: Coop und Migros. Und dies mit wachsendem Erfolg: Der Umsatz mit Fairtrade-Produkten stieg im vergangenen Jahr um beinahe 16 Prozent auf 434,5 Millionen Franken. Schon im Vorjahr hatte das Umsatzwachstum über 14 Prozent betragen. Mehr als die Hälfte der in der Schweiz verkauften Bananen tragen das Fairtrade-Label, bei den Ananas sind es 19 Prozent, beim Kaffee 10 Prozent. Tendenz steigend. Nun kommt in wenigen Wochen ein weiteres Produktsegment dazu: Fairtrade-Gold. Im Oktober lancieren Lang und ihr Team den Verkauf von fair gefördertem und gehandelten Gold und Edelmetallen, um Minenarbeitern in Peru bessere Lebensbedingungen zu ermöglichen. «Das Potenzial für fair gehandelte Produkte ist noch riesig», sagt Nadja Lang. Ihr Ziel ist es denn auch, die jährlich 53 Franken, die heute im Durchschnitt für Fairtrade-Waren ausgegeben werden, auf 100 Franken zu erhöhen. Am Ehrgeiz und an der Kompetenz der 41-jährigen Marketingspezialistin sollte es nicht liegen. Nadja Lang lebt und denkt in Kontrasten. In Spannungsfeldern zwischen den drei Polen Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Den Stimmungswechsel hat sie selber erlebt, als sie nach ihrer Banklehre und dem anschliessenden Studium zuerst bei Coca-Cola und beim US-Nahrungsmittelriesen General Mills arbeitete, um dann die Seite zu wechseln und bei der NGO Max Havelaar einzusteigen. «Dieser Wechsel des Blickwinkels hat mir extrem geholfen», sagt Nadja Lang. Das Aufeinandertreffen von Welten und Meinungen hat sie in zahlreichen Reisen quer durch ferne Länder verinnerlicht und pflegt es nach wie vor bewusst. So lässt sie sich auf ihren Besuchen in den exotischen Anbaugebieten am liebsten von Agronomen und Bauern begleiten, «von Leuten, die eine andere Sicht haben als ich». Von Wilson Sanchez etwa, einem Kleinbauern der Bananen-Kooperative El Guabo nahe der Küstenstadt Machala in Ecuador. Die Produzentenorganisation wurde schon 1997 zertifiziert und umfasst heute 400 Mitglieder. Die Fairtrade-Prämien ermöglichten der Kooperative Investitionen, sodass sie heute ihre Bananen selber waschen, verpacken und exportieren kann. Darüber hinaus kann sie sich für die Allgemeinheit engagieren, eine Schule für behinderte Kinder und ein medizinisches Zentrum unterstützen. Und wenn die Schweizerin den Kakaobauern in Ghana anhand von Schokolade zeigt, was für ein hochwertiges Endprodukt sie ermöglichen, und dann deren Stolz sieht, «sind das ganz emotionale Momente».

Mehr als eine Nische

Fairtrade handle lösungsorientiert und wolle nicht nur Missstände anprangern, erklärt Nadja Lang die Strategie der in 74 Ländern agierenden Organisation. Für die Schweiz, die schon heute als Modellfall gilt, hat sie sich vorgenommen, die Produktpalette weiter auszubauen und so letztlich das Bewusstsein zu fördern, dass sich jedes im Detailhandel erhältliche Produkt aus Entwicklungs- und Schwellenländern auf Fairtrade umstellen liesse. Damit würde das Label «nicht einfach als Nische nebendran» wahrgenommen, sondern als umfassendes Angebot. Der Weg dazu führt neben dem Detailhandel einerseits über die Gastronomie und insbesondere über die Kantinen von grossen Firmen, Spitälern, Universitäten. Und vor allem über zusätzliche Modelle, die den Fairtrade-Fokus auf die einzelnen Rohstoffe und nicht auf das ganze Produkt legen. Seit Mai sitzt Nadja Lang im Verwaltungsrat der Schweizerischen Post, des drittgrössten Arbeitgebers im Land. Das Internet bedrängt vor allem den Postversand arg, neue Strategien sind gefordert. «Die Branche ist extrem im Umbruch – und dieser Umbruch interessiert mich», erklärt sie ihre Motivation zum Mitmachen im neunköpfigen Verwaltungsrat. Und verweist wiederum auf das Spannungsfeld im Dreieck von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. «Mit welchem Angebot sind wir noch in zehn Jahren auf dem Markt?» Das ist nur eine der Fragen, die sie sich dabei stellt. Die Aussicht in die Zukunft mag sie – den Rückblick in die Vergangenheit weniger. Nach prägenden Anekdoten aus ihrer Kindheit und Jugend gefragt, weiss Nadja Lang geschickt auszuweichen. In Erfahrung zu bringen ist immerhin, dass sie in einem «sehr liberalen und offenen Haushalt» aufgewachsen sei. Ihre Eltern führten ein Bauunternehmen, was in der Regel die Themen des Mittagstisches prägen sollte. Nadja durchlief problemlos die Schulen, spielte Volleyball und wirkte als Pfadileiterin.

«Fäden in der Hand»

«Wenn immer ich irgendwo unter Leuten war, habe ich gerne die Fäden in die Hand genommen», erinnert sie sich, «so sind aus jedem Lebensabschnitt Freundschaften geblieben.» Auch heute pflege sie gerne ein aktives Umfeld. Denn aus dem Dialog mit Andersdenkenden, aus dem Gespräch mit dem Bauern auf dem Baumwollfeld oder mit den Kunden des Fairtrade-Marktes lerne sie nach wie vor sehr viel. Wobei sie, die Schnellrednerin, sehr wohl auch den Eindruck einer guten Zuhörerin erweckt.

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