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«Die Menschen sind ratlos, wenn ich nicht spreche»

Als erste gehörlose Schülerin verbringt Monika Hämälä ein Jahr in der Schweiz. Die Finnin lernt Schweizerdeutsch – als Gebärdensprache.

«In der Schweiz dauert es länger, bis die Leute begreifen, dass ich gehörlos bin.» Wenn Monika Hämälä ein Geschäft betritt und nicht sagen kann, was sie möchte, sind die Leute oft verstört. Sie scheinen nur dar­auf vorbereitet zu sein, dass jemand kein Deutsch kann, denken aber nicht daran, dass es Leute gibt, die sich lautlich gar nicht ausdrücken können. Monika ist eine Austauschschülerin aus Finnland. Seit dem letzten August lebt die 18-Jährige bei einer Gastfamilie in Winterthur. Ihre beiden Gasteltern sind gehörlos, während ihre drei Gastschwestern hören können. Sprechen mit Gebärden Die Verständigung in der Gast­familie erfolgt über die schweizerdeutsche Gebärdensprache. Monika erlernte diese Sprache mit der Unterstützung der Gastfamilie und von Freunden. Mit Hörenden, die keine Gebärdensprache beherrschen, kommuniziert sie schriftlich oder mit Hilfe eines Dolmetschers. Als sie in die Schweiz kam, fielen ihr die Unterschiede zwischen der finnischen und der schweizerdeutschen Gebärdensprache sofort auf: Im Finnischen werden nur Gebärden verwendet, während in der Schweiz auch Mundbilder und die Mimik von Bedeutung sind. Als weitere Unterschiede zwischen Finnland und der Schweiz hat Monika festgestellt, dass die Schweizer sich eher siezen, während in Finnland das Du gebräuchlicher sei. Beispielsweise auch in der Schule zwischen Lehrern und Schülern. Interessanterweise fiel es Monika aber leichter, auf Schweizer zuzugehen als auf Finnen – «weil die Schweizer kontaktfreudiger sind». In der Schule In Finnland wohnt Monika in der Stadt Jyväskylä und besucht dort das Gymnasium. Ihre Freizeit verbringt sie mit ihren Freunden – Gehörlose und Hörende. Während ihrer gesamten Schulzeit war sie in Klassen mit Hörenden integriert. Dabei begleiteten sie zwei Dolmetscherinnen in die Lektionen. Im Kanton Zürich gibt es drei Modelle für den Unterricht von gehör­losen Kindern (siehe Kasten). Für den Aufenthalt in der Schweiz wäre es zu teuer gewesen, einen Dolmetscher zu engagieren, der sie täglich in den Unterricht begleitet. Daher musste eine Alternative gefunden werden. Um die deutsche Schriftsprache zu lernen, besuchte Monika in Zürich die auf Hörbehinderte und Gehörlose spezialisierte Sprachschule Dima. In der Sek 3 in Zürich, der Sekundarschule für Gehörlose und Hörbehinderte, absolvierte sie ein Praktikum als Lehrassistentin. Sie unterstützte die Schüler in den Fächern Geometrie und Pro G (für Gehörlose). Bei Pro G handelt es sich um ein Fach, das die Geschichte und die Kultur von Gehörlosen behandelt. Daneben war sie als Assistentin der Lehrerin für Amerikanische Gebärdensprache tätig. Ihren Aufenthalt in der Schweiz bewertet Monika als vollen Erfolg. Beispielsweise sei sie viel eigenständiger geworden, sagt sie. «In Finnland liess ich meine Eltern noch viel für mich erledigen. Hier musste ich selber herausfinden, wann die Schule beginnt und wie ich rechtzeitig dorthin komme.» Früher sei sie auch zurückhaltender gewesen. Um Freunde zu finden, war sie jedoch gezwungen, von sich aus auf unbekannte Leute zuzugehen. Als schwierig während ihres Aufenthalts empfand sie es nur, den Kontakt zu ihren Freunden in Jyväskylä aufrechtzuerhalten. Finanziell unterstützt Organisiert hat Monika ihren Aufenthalt gemeinsam mit der Organisation YFU (Youth for Understanding). Monika ist die erste Teilnehmerin des Programms mit einer Behinderung. Der Austausch wurde finanziell von zwei Stiftungen unterstützt. In wenigen Wochen wird Monikas nach Finnland zurückkehren. Ihre Wünsche konnte sie sich mit dem Aufenthalt in der Schweiz erfüllen: Sie konnte neue Freundschaften schliessen, ist eigenständiger geworden und hat ihre sprachlichen Fähigkeiten erweitern können.

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