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Die Milch wird wieder im Kesseli geholt

Mit einem Milchautomaten im Viadukt will Flurin Conradin ein Stückchen ländliches Lebensgefühl in die Stadt bringen. Ab September können die Zürcher wie früher ihre frische Milch mit dem Milchkesseli holen.

Im ländlichen Freiamt aufgewachsen, wollte Flurin Conradin (30), heute Stadtzürcher, die Milch aus dem Tetrapak so gar nicht schmecken. Er war an Rohmilch direkt vom Bauernhof gewöhnt, wo der Rahm noch obenauf schwimmt, wenn man sie etwas stehen lässt.

Also suchte sich der studierte Volkswirtschaftler einen Bauernhof im Raum Zürich, wo er seine Milch frisch beziehen konnte. Die einstündige Velofahrt nahm er dafür gerne in Kauf. Doch dann machte er eine Entdeckung, die sein Weltbild veränderte: «Da stand ein Milchautomat», erinnert er sich, «aber am falschen Ort, nämlich auf dem Bauernhof anstatt in der Stadt.» Und schon war die Idee für das Projekt Stadtmilch geboren.

«Derzeit setzen sich viele Menschen mit gesunder Ernährung auseinander», sagt Conradin. «Ich bin gegen all diese Standardisierungen, ich mag die Zutaten für mein Essen am liebsten so frisch und naturbelassen wie möglich.» Er ist sich sicher, dass es auch vielen anderen Zürchern so geht.

Deshalb will er ihnen ab September die Möglichkeit geben, ihre frische Milch täglich direkt vom Bauernhof zu erhalten, ohne dafür aber eine lange Wegstrecke in Kauf nehmen zu müssen.

Milchhäuschen im Viadukt

«Mein Ziel ist es, dass man die Frischmilch gleich dort kaufen kann, wo man sowieso einkauft», sagt Conradin. So fand er in Sämi Spörri, der den Käseladen «Tritt Käse» in der Markthalle im Viadukt betreibt, einen perfekten Standortpartner.

Im Viadukt soll nun bald ein Milchhäuschen erstellt werden. Die Milch stammt von der Betriebsgemeinschaft Längimoos in Rüschlikon. Geliefert wird sie von Urs Reichen, der täglich Milch aus dem Längimoos in verschiedene Altersheime liefert. «So kann ich die Syner­gie­n nutzen und muss keinen zusätzlichen Transporter stellen», erklärt Conradin.

Vollständig unbehandelt wird die Milch aus dem Automaten aber doch nicht sein. «Ich habe dies mit dem kantonalen Hygieneinspektor geprüft, aber weil die Milch nicht pasteurisiert ist, müsste sie als ‹nicht zum Verzehr bestimmt› gekennzeichnet sein. Mein Glück ist aber, dass auf dem Längimoos eine eigene Pasteurisiermaschine in Betrieb ist.» Die Milch wird somit lediglich pasteurisiert, also kurz erhitzt, sodass vorhandene Keime unschädlich gemacht werden. «Sie wird aber weder homogenisiert noch standardisiert. Der Rahm wird immer noch obenauf schwimmen, wenn man sie stehen lässt. Um diesen Rahm haben sich mein Bruder und ich als Kinder immer gestritten», erinnert er sich.

«Milch ist viel zu billig»

Der Milchliebhaber berichtet weiter, dass er mit Mitarbeitern der Berner Fachhochschule im Kontakt steht, um vielleicht eine wissenschaftliche Arbeit dar­über zu schreiben, wie ökologisch die Idee des Projekts Stadtmilch sei. Florin Conradin sieht einen grossen Mehrwert für viele in seinem Projekt: «Die Milch wird wohl etwas teurer sein als die im Karton, weil Milch meiner Meinung nach in der Schweiz viel zu billig ist. So haben die Bauern mehr davon. Und die gute Tierhaltung wird ebenfalls unterstützt.» Denn im Längimoos dürfen die Kühe regelmässig auf die Weide und haben sogar Hörner.

«Das Bewusstsein und die Wertschätzung für Nahrung und Natur sollen wieder gesteigert werden.» Ausserdem unterstützt das Bundesamt für Landwirtschaft ihn in seinen weiteren Abklärungen, denn er möchte auch andere Bauern in sein Projekt einbinden.

Weitere Standorte geplant

Nun ist Flurin Conradin auf der Suche nach anderen Milchfreunden, die sein Projekt unterstützen wollen. «Mein Ziel ist es, später einmal mehrere Milchhäuschen an verschiedenen Standorten haben zu können. Und wenn genügend Leute daran interessiert sind, würde ich mir auch überlegen, Rohmilch anzubieten.» Andrea Weibel

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