Zum Hauptinhalt springen

«Die Nagra ist nicht mehr glaubwürdig»

Walter Wildi ist ein Kritiker der Nagra. Der Geologe hat aus Protest den Beirat Entsorgung verlassen. Er sagt, der Weinländer Opalinuston sei nicht so sicher, wie es immer heisst, und schlägt vor, die Nagra durch eine unabhängige Organisation zu ersetzen.

Das Dokument, das die «Sonntags­Zeitung» veröffentlicht hat, haben Sie zuvor bereits an einer Sitzung der Arbeitsgruppe des Bundes für die nukleare Entsorgung (Agneb) zur Sprache gebracht. Walter Wildi: Das ist so. Die Nagra hat am Sonntag noch erklärt, das interne Papier beschreibe nur ein mögliches Szenario und nicht die Planung. Wie schätzen Sie es ein? Es werden darin Standorte und Aktionen aufgezählt. Es werden auch die verantwortlichen Personen bezeichnet. Ich würde das also eher als Aktionsplan einschätzen. Welche Rolle spielt die Nagra Ihrer Meinung nach? Die Nagra arbeitet im Auftrag der Betreiberinnen der Schweizer Atomkraftwerke. Sie soll Standorte für Tiefenlager für schwach- und mittelradioaktive und für hochradioaktive Abfälle finden und diese Lager bauen und betreiben. Dieser Prozess findet im Rahmen des «Sachplans nukleare Entsorgung» statt. Das ist die objektive Beschreibung. Aber anscheinend verfolgt die Nagra eine eigene Agenda neben den offiziell kommunizierten Schritten. Ja, im Rahmen des Entsorgungsnachweises hatte die Nagra den Standort Benken im Zürcher Weinland untersucht. Als dieser Standort gefunden und als geeignet eingestuft worden war, hat die Nagra beim Bund zwei Anträge gestellt. Erstens sollte der Entsorgungsnachweis akzeptiert werden, was auch geschah. Zweitens beantragte sie, sich bei der weiteren Suche auf das Weinland und die Opalinustonschicht beschränken zu können. Das wurde abgelehnt. Daraufhin hat die Nagra fünf weitere Standortregionen vorgeschlagen. Diese wurden vom Bundesrat akzeptiert und sie finden auch in der Fachwelt breite Akzeptanz. In den nächsten Schritten sollten nun die Vorschläge auf vier und dann auf zwei eingegrenzt werden. In dem nun publizierten Papier ist dies mit der Bezeichnung der Standorte Benken und Bözberg bereits geschehen und das Resultat des laufenden Sachplans Entsorgung ist vorweggenommen. Gleichzeitig glauben die Regionalkonferenzen, sie könnten im Rahmen des Mitwirkungsverfahrens Einfluss auf die Standortsuche nehmen. Ist es ein Feigenblatt? Danach sieht es jetzt aus. Es ist die berechtigte Frage eines Staatsbürgers. Die Entscheidung ist offenbar an den Regionalkonferenzen vorbei gefallen. Benken und das Weinland sind vor allem wegen der Opalinustonschicht in den Fokus der Nagra geraten. Gilt der Opalinuston unter Geologen wirklich als beste Erdschicht, um ein Endlager aufzunehmen? Der Opalinuston ist tatsächlich eine gute Formation – sobald die Anlage geschlossen ist. Solange sie offen ist, nicht. Was bedeutet das? Die Schicht gilt zwar als wasserundurchlässig. Aber es darf kein Wasser hineingeraten. Dann weicht der Ton auf und die Stollen können einstürzen. Das Zürcher Weinland an sich aber ist in Ihren Augen ein geeigneter Ort für ein Tiefenlager? In mancher Hinsicht schon. Es gibt allerdings ein Pro­blem. In der letzten Eiszeit haben die Gletscher das Gebiet tief ausgegraben. Es ist nicht sicher, dass die geologische Si­tua­tion noch eine oder zwei weitere Eiszeiten erträgt, ohne dass die Opalinustonschicht verletzt wird. Ein Standort in alpiner Umgebung wie der Wellenberg im Kanton Nidwalden kommt aber nicht mehr in Betracht, obwohl er mit Blick auf Eiszeiten seine Vorteile hätte. Gegen den Wellenberg spricht vor allem die Erdbebengefahr. Das Gebiet ist geologisch unruhig. Nach den Reaktionen auf das interne Papier zu schliessen, kann sich die Nagra nicht mehr dar­auf verlassen, dass man ihr Vertrauen entgegenbringt. Ja, sie hat ein Glaubwürdigkeitsproblem. Was kann man Ihrer Ansicht nach tun, um die Nagra zu retten? Die Frage ist, ob man sie überhaupt retten möchte. Welche Art von Nachfolgeorganisation könnten Sie sich vorstellen? Das Paul-Scherrer-In­sti­tut (PSI) könnte die Aufgaben übernehmen. Wahrscheinlich aber wäre das PSI nicht erfreut darüber. Es müsste auf jeden Fall eine unabhängige Stelle sein, die keine Privatinteressen vertritt. Das ist nach dem Atomgesetz möglich.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch