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Die neuen «Bleus» wollen gut aussehen

Nach drei missratenen Turnieren wollen die Franzosen zu alter Stärke zurückfinden. Der erste Schritt glückte, aber Honduras war noch keine hohe Hürde. Morgen wartet die Schweiz.

Acht Jahre sind es her, seit Frankreichs Fussballer nochmals dem Ruf ihrer guten Tage gerecht wurden. Als Zinédine Zidane sie ein letztes Mal führte, erreichten sie in Deutschland den WM-Final. Was aber seither um «Les Bleus» geschah, war mehrheitlich enttäuschend, manchmal gar skandalös – wie an der WM 2010 in Südafrika. Nicht umsonst hat Verbandspräsident Noël Le Graët den Auftritt in Brasilien unters Motto «Neustart» gestellt. Es sei weniger wichtig, dass die Mannschaft im Turnier möglichst weit kommt, als dass sie positiv auffällt. Was in Südafrika passierte, weitete sich ja zur veritablen Staatsaffäre aus. Wie Stürmer Nicolas Anelka in der Pause des Startspiels gegen Mexiko mit Beleidigungen unter der Gürtellinie auf die technische Kritik des Trainers Raymond Domenech reagierte, war der Auslöser. Anelka musste nach Hause. Die Mannschaft aber suchte eher nach dem «Maulwurf», der das Ganze publik gemacht hatte, als sich (selbst-)kritisch zu zeigen. Sie blieb mal im Mannschaftsbus sitzen, statt zu trainieren. Sie schied nach der Vorrunde schmählich aus, noch schmählicher war, was sie an Kritiken hören musste. Bis heute ist der massive Imageverlust nicht wirklich wettgemacht. Zuerst Blanc, nun Deschamps Unter Domenechs Nachfolger Laurent Blanc blieben die Franzosen zwar 23-mal in Folge ungeschlagen, aber an der EM 2012 verloren sie dann doch zweimal, zuerst folgenlos gegen Schweden, dann im Viertelfinal gegen Spanien. Blanc gab danach auf. Es war ihm offenbar noch immer zu wenig guter Geist, zu wenig Perspektive auch in dieser Mannschaft. Als Nächster versuchte sich Didier Deschamps, wie Blanc und natürlich Zidane einer der Leader des Weltmeisterteams von 1998. Sein Weg nach Brasilien war ziemlich umständlich. In der ersten Saison verlor er öfter, als er siegte, 39 Spieler setzte er ein. Die Qualifikation schien schon fast unerreichbar, als Frankreich im vergangenen November nach schwacher Leistung das Playoff-Hinspiel gegen die Ukraine in Kiew 0:2 verlor. Aber ein paar Tage später im Stade de France revanchierte sich die Manschaft mit einem 3:0, mit einer kämpferischen und kollektiven Leistung, die Fussball-Frankreich endlich mal wieder entzückte. Es war ein bedeutender Moment für Deschamps und sein Team. Und sollten sie in Brasilien gut abschneiden, dann wüssten sie genau, wann und wo die Neuzeit der «Bleus» begonnen hat: am 19. November 2013 in St-Denis. In Brasilien sind nun nur noch vier dabei, die einst im südafrikanischen Küstenstädtchen Knysna streikten: Torhüter Hugo Lloris, Linksverteidiger Patrice Evra, der rechte Flügelmann Mathieu Valbuena und Ersatzverteidiger Bacary Sagna. Der fünfte wäre Franck Ribéry gewesen. Aber der fiel mit seinen Rückenproblemen kurzfristig aus. Das war der gravierendste Rückschlag für Deschamps. Der bemühte sich vor allem, ein Kader aufzubieten, das auch den lange vermissten Teamgeist erkennen lässt – auch über die Wochen eines Turniers in der Ferne, die lang werden können. Womöglich hat er deshalb Manchester Citys Meisterspieler Samir Nasri nicht berücksichtigt. Dessen Freundin, allerdings nicht er selbst, reagierte darauf mit einer Einlassung über Twitter, die vom Niveau Anelkas 2010 war ... Qualität in der Offensive Einen heiklen Entscheid fällte Deschamps dann, als er fürs erste Spiel Arsenals Stürmer Olivier Giroud nicht neben Real Madrids Karim Benzema aufstellte, sondern Real Sociedad San Sebastians Flügelmann Antoine Griezmann, gleichsam als Stellvertreter Ribérys. Giroud tat sich schwer, diese Zurückstufung hinzunehmen, nachdem er zuletzt gegen Norwegen gleich zwei Tore geschossen und gegen Jamaika gut mit Benzema harmoniert hatte. Aber die Leistung gegen Honduras gab Deschamps insofern recht, als «Les Bleus» den Gegner beherrschten und souverän 3:0 siegten. Einen gewichtigen Leistungsausweis kann man das allerdings noch nicht nennen, immerhin einen ersten Schritt in ein gutes Turnier. Champions-League-Sieger Benzema ist natürlich in Abwesenheit Ribérys der grosse Name in diesem Team, mit seinen 66 Länderspielen auch klar der Erfahrenste. Es gibt schon welche, die sagen, Ribérys Absenz sei für Benzema ein Vorteil. Nun könne er sich eher zum Leader entwickeln. Vor allem aber scheint er sich mit Griezmann, «Spanier» wie er, gut zu verstehen – auf dem Platz und ausserhalb. Der mit seinen 23 Jahren sehr jugendlich wirkende Griezmann will, natürlich, nichts davon wissen, ein «neuer Ribéry» zu sein. Aber ohne dessen Forfait hätte er nicht gespielt. Griezmann ist ja ein Spezialfall in dieser Mannschaft. Denn er hat fast seine ganze fussballerische Ausbildung in San Sebastián genossen. Aus dem burgundischen Städtchen Mâcon wanderte er schon mit 13 Jahren gleichsam aus, nachdem ihn weder die AS St-Etienne noch Olympique Lyon in ihr Internat hatten aufnehmen wollen. Bei Real Sociedad ist er Teamkollege Haris Seferovics und längst Stammspieler. «Vor einem halben Jahr hätte ich mir noch nicht vorstellen können, nach Brasilien zu reisen», sagte Griezmann nach dem geglückten Start. Aber er war vom französischen Verband ja auch bis Ende 2013 suspendiert, weil er als U21-Nationalspieler im Herbst 2012 vor einem wichtigen Match einen Nachtklub frequentiert hatte. Noch jünger und noch wichtiger für Deschamps, Team ist allerdings der 21-jährige Paul Pogba, Kollege Stephan Lichtsteiners bei Juventus. Vor zwei Jahren kam Pogba von Manchester United nach Turin, und er, sagt Lichtsteiner, «habe als Erster gesagt, dass das ein Weltklassespieler wird». Im Sommer 2013 war Pogba bester Spieler der U20-WM, die er mit seinem französischen Nachwuchs gewann. In der Serie A wurde er schon zweimal Meister und hat eine ganz starke Saison hinter sich. Aber der Junge aus einem Pariser Vorort gilt auch als bescheiden, anständig, fleissig – eben anders als berühmte Vorgänger der «Bleus». Pogba, Benzema, Griezmann, Valbuena, dazu Giroud als Joker – auch ohne Ribéry sind die Franzosen offensiv stark. Stärker wohl als in der Defensive. Hansjörg Schifferli

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