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Die Propagandaschlacht am Nil

Kairo. Die ägyptischen Medien sind wie die Bevölkerung des Landes strikt in zwei Lager aufgeteilt. Unabhängige Berichterstattungen über die politischen Unruhen sind rar.

Es ist eine abstossende Geschichte, die in der ägyptischen Tageszeitung «Al-Masry al-youm» über den in der vergangenen Woche umgekommenen Demonstranten Mohammed Senussi zu lesen ist. Der junge Mann, so die Zeitung, sei vergangenen Mittwoch während der blutigen Zusammenstösse zwischen Regierungsgegnern und Islamisten vor dem Präsidentenpalast von einer Kugel tödlich getroffen worden. Kurz nachdem die Familie vom Tod ihres Sohnes erfahren habe, sei sie von einer Gruppe Muslimbrüder kontaktiert worden. «Sie boten uns Geld an, um Mohammed während einer grossen Zeremonie in der Al-Azhar-Moschee beerdigen zu dürfen», erzählt der Bruder des Getöteten. Die Familie, obwohl bettelarm, habe das Angebot ausgeschlagen. Mohammed, sagt sein Bruder, sei ein entschiedener Gegner der Islamisten in Ägypten gewesen. Für dessen Tod macht er die Muslimbruderschaft verantwortlich.

Fehlende Mitte

Der ägyptische Blätterwald ist dieser Tage voll von derartigen Geschichten. Zeitungen wie «Al-Masry al-youm», die den säkularen Kräften nahestehen, veröffentlichen haufenweise Artikel, in denen die Doppelmoral der Muslimbrüder sowie deren vermeintlich lockerer Umgang mit der Wahrheit angeprangert wird. Medien, in denen die Religiösen den Ton angeben, bezichtigen hingegen die linke und liberale Opposition der Verleumdung und der einseitigen Parteinahme. Die journalistische Pflicht, für eine Story stets beide Seiten zu befragen, bleibt dabei zumeist auf der Strecke: Vier Tage vor der Abstimmung über den umstrittenen Verfassungsentwurf tobt am Nil eine Propagandaschlacht, deren erstes Opfer die unabhängige Berichterstattung ist.

In einem Land, in dem 50 Prozent der Bevölkerung Analphabeten sind, haben besonders TV-Sender einen immensen Einfluss auf die öffentliche Meinung. Islamisten wie auch Liberale können sich dabei auf jeweils Dutzende Kanäle verlassen, welche die politische Lage in Ägypten in ihrem Sinn mit möglichst wenig Grautönen wiedergeben: Beim Durchzappen durch die TV-Landschaft stösst man auf zornige Scheichs, die von einem heiligen Krieg schwadronieren und Oppositionelle als Juden beschimpfen. Oder man kann selbst ernannten Polit-Experten zuhören, wie sie die Muslimbruderschaft mit Al-Qaida gleichsetzen und das Militär zum Eingreifen auffordern.

Was man nicht – oder zumindest nur sehr selten – kann, ist, eine Diskussion zwischen Vertretern beider Seiten zu verfolgen: Die Medien sind wie die politischen Parteien in zwei verfeindete Lager aufgespalten, die viel über-, aber wenig miteinander reden.

Al-Dschasira in der Kritik

Selbst die grossen panarabischen TV-Nachrichtensender sehen sich vermehrt dem Vorwurf der Parteilichkeit ausgesetzt. Al-Dschasira, der in der arabischen Welt mit Abstand einflussreichste Nachrichtenkanal, ist oft als Haussender der Muslimbrüder bezeichnet worden. Der Sender erhielt für seine ausgewogene Berichterstattung während des ägyptischen Volksaufstandes vor knapp zwei Jahren viel Lob. Mit den jetzigen Unruhen tut er sich deutlich schwerer. Eine einseitige Parteinahme zugunsten der Islamisten kann Al-Dschasira zwar nicht vorgehalten werden. Allerdings hält der Nachrichtenkanal die Berichte über die Proteste der Opposition möglichst kurz und räumt Vertretern der Muslimbrüder auffallend viel Sendezeit ein.

Der in Dubai beheimatete, aber von einem saudi-arabischen Unternehmen gegründete Sender Al-Arabija wiederum hat sich zuletzt mit scharfer Kritik am ägyptischen Präsidenten Mohammed Mursi hervorgetan. Demonstranten in Kairo vermuten politische Motive für die einseitige Berichterstattung: Das saudische Königshaus sieht in den Muslimbrüdern einen gefährlichen regionalen Gegenspieler und fühlt sich insbesondere von deren Bekenntnis zur Demokratie bedroht.

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