Religion im Gemeinderat

Im Rat geben die Reformierten den Ton an

Wie stark frömmelt es im Parlament ? Wie wertkonservativ sind die Positionen der Freikichen-Mitglieder? Und bilden diese eine gemeinsame Front? In einer Umfrage haben sich die Winterthurer Gemeinderätinnen und Gemeinderäte zu den Themen Glaube, Religion und Politik geäussert.

Nur jeder zweite Gemeinderat gibt an, religiöse und politische Entscheidungen strikt voneinander zu trennen.

Nur jeder zweite Gemeinderat gibt an, religiöse und politische Entscheidungen strikt voneinander zu trennen. Bild: Ruedi Widmer

«Winterthur» – «Bible-Belt?». Der Ruf Winterthurs als kantonale Hochburg evangelikaler Freikichen hält sich hartnäckig. Im sozialen Bereich arbeitet die Stadt eng mit christlich geprägten Stiftungen und Vereinen wie der Schleife, der Arche, dem Läbesruum oder der Quellenof-Stiftung zusammen, in der Jugendarbeit, bei der Vermittlung von Notunterkünften oder bei Reintegrationsprojekten zum Beispiel.

Der Stadtrat sieht diese «politisch und konfessionell neutrale» Mitarbeit im Rahmen seiner «Diversity Strategie» für «richtig und wichtig», wie er kürzlich in einer Antwort auf eine schriftliche Anfrage aus dem Gemeinderat festhielt.

In den Medien ist die lokale Freikirchen-Szene immer wieder ein Thema, vor ein paar Jahren etwa, als bekannt wurde, dass der Anteil an Freikirchenmitgliedern in Winterthur mit drei Prozent überdurchschnittlich hoch sein soll (National: rund 2 Prozent). Aktuell wären es dann rund 3400 Personen.

Auch, dass sich die christliche Privatschule SalZH im Kasernenareal auf städtischem Boden niederlassen darf, war ein Politikum. Und zuletzt zu Reden gab, dass die Stadtverwaltung Veranstaltungen im Gate27 an der Theaterstrasse abgehalten hatte, dem Zentrum der Freien Evangelischen Gemeinde (FEG).

Wie eng verwoben sind Freikirchen, Politik und Verwaltung inzwischen? Was ist mit den Landeskirchen, und wie positioniert sich der Gemeinderat in Glaubens- und Machtfragen? «Der Landbote» hat den Parlamentarierinnen und Parlamentariern ein Online-Fragebogen mit 23 Fragen zu Thema verschickt.

Wer hat im Parlament das Sagen? Die Reformierten

«Glauben Sie an Gott?» Bereits die Kardinalsfrage spaltet den Gemeinderat. 52,2 Prozent sagen Ja, 47,8 Prozent Nein, wobei das Nein-Lager links der politischen Mitte deutlich grösser ist, die GLP miteinbezogen.

Doch fast drei Viertel sind Mitglied einer Kirche oder Glaubensgemeinschaft (Anteil Bevölkerung Stadt Winterthur: 55 Prozent, Kanton: 57, Stand 2016), wobei die Reformierten mit 47,1 Prozent klar dominieren, deutlich vor den Katholiken (13,7). Die Reformierten sind damit übervertreten, denn 2016 lag der Anteil Reformierter stadtweit noch bei 31 Prozent, derjenige der Katholiken bei 24, bei beiden Tendenz sinkend (siehe Grafik). Übrigens: Auf Bundesebene geben die Reformierten im Nationalrat den Ton an (41,5 zu 37,5 Prozent), wie die «NZZ» kürzlich aufgezeigt hat, im Ständerat hingegen die Katholiken (58,7/19,6).

Muslime politisieren im Bundeshaus keine, auch in Winterthur nicht. Ein Mitglied ist jüdischen Glaubens, der Pirat Marc Wäckerlin ist bekennender Atheist und führt die Winterthurer Freidenker-Bewegung an.


Fast jeder Siebte stammt aus freikirchlichem Milieu

Auffällig ist folgender Wert: 11,8 Prozent. So viele Parlamentarier sind Mitglied einer Freikirche, 6 von 51 Parlamentarier gaben dies an. Hochgerechnet sind es schätzungweise sogar mindestens 13,3 Prozent. Dann, wenn man David Schneider (FDP) miteinrechnet, den langjährigen Präsident der Evangelischen Allianz Winterthur (EAW), aber Mitglied der reformierten Kirchgemeinde Seen, und auch einen Gemeinderat, der nicht an der Umfrage teilnahm. Dessen freikirchlicher Hintergrund ist aber bekannt.

Als «erstaunlich hoch» bezeichnet der Religionssoziologe Jörg Stolz den 13 Prozent-Anteil ein: «Das ist sicher mehr, als der Anteil Freikirchen-Mitglieder stadtweit.» Neben den Reformierten, sind also auch die evangelikalen Freikirchen im Parlament übervertreten.

Die Landeskirchen haben an Mitgliedern verloren (im Bild die reformierte Kirche Töss), während Freikirchen wie die Chile Grüze zugelegt haben.

Doch von einem Freikirchen-Block, der sich formiert hat, lässt sich kaum sprechen. Wie die Übersicht zeigt, verteilen sich die Mitglieder entlang der Links-Rechts-Achse: Zeno Dähler (EDU, Christliche Gemeinde an der Töss CGT), Bruno Bischof (SVP, keine aus der Liste), Andreas Geering (CVP, Chile Grüze-Chrischona Gemeinde), Sämi Müller (EVP, Chile Grüze), Lilian Banholzer (EVP, Evangelisch Methodistische Kirche EMK), Barbara Huizinga (EVP, Heilsarmee) und Fredy Künzler (SP, EMK).

Die drei Kirchen sind Mitglieder der Evangelischen Allianz. Mit Sämi Müller rückte 2017 gar ein Pastor in den Gemeinderat nach.

Ist die Welt in sieben Tagen entstanden?

Künzler, der umtriebige IT-Unternehmer, sagt von sich, er sei kein aktives Mitglied der EMK mehr. Etwa monatlich treffe man sich mit Kollegen zu einer «House Church»: «Da passen auch kritische Christen mit einer Überdosis Freikirchen sehr gut rein.» Er glaube im übrigen, dass in Winterthur viele Gläubige nicht dem «Standard-Freikirchler-Klischee» entsprächen.

Tatsächlich gilt die lokale Freikirchen-Szene als recht heterogen. Das spiegelt sich auch in den teils unterschiedlichen Positionen zu gesellschaftlichen und religionspolitischen Fragen wider. Praktizierend sind Freikirchler aber ganz bestimmt: Sie beten täglich oder wöchentlich (Rat: 60 Prozent «gar nicht»). Auf einer Skala von 1 bis 10 (10 «sehr religiös» stufen sie sich aber lediglich zwischen 5 und 7 ein (Rat: 38 Prozent «gar nicht religiös»).

Vier von sieben Freikirchlern glauben an die Schöpfungsgeschschichte (Rat: 16 Prozent). Bemerkenswert ist, dass alle acht Politiker aus freikirchlichem Umfeld angeben, religiöse Überzeugungen gar nicht oder nur meistens strikt von politischen Entscheidungen zu trennen (Rat: 55 Prozent mache n strikte Trennung).

Als «sehr bibeltreu» bezeichnet sich lediglich Zeno Dähler. Er hat das wertkonservativste Weltbild. Zum Beispiel ist er gegen die Homo-Ehe (Rat: 84 Prozent dafür, darunter auch Banholzer, Huizinga oder Schneider), für ein Abtreibungsverbot (Rat: 86 Prozent dagegen) und bezeichnet sich als Kreationist.

Doch immerhin 29 Prozent oder 16 Parlamentarier glauben nicht an die Evolutionstheorie oder sind sich zumindest nicht sicher. Lilian Banholzer hat diese Frage ausgelassen. Die Evolutionstheorie beschreibe zwar die Entwicklung des Lebens. Die Fragen nach dem Beginn allen Lebens aber beantworte sie allerdings nicht. «Das heisst nicht, dass ich glaube, die Welt sei in sieben Tagen entstanden», sagt sie.

Die freikirchlichen Ratsmitglieder sind in einigen gesellschaftspolitischen Fragen im Kern also gespalten (ausser beim Thema «aktive Sterbehilfe», die sie geschlossen ablehnen. Rat: 63 Prozent dafür). «Viele Freikirchen haben ihre Positionen inzwischen etwas aufgeweicht, um sich für ein breiteres Publikum zu öffnen», sagt dazu der Religionssoziologe Jörg Stolz (siehe Interview).

Religion gilt gemeinhin als Privatsache. Auch im Rat sind Konfession und Glaube der Kolleginnen und Kollegen offenbar kein Thema, wie mehrere Politiker auf Nachfrage versichern. Ein gewisses Misstrauen gegenüber den Freikirchen schwingt aber dennoch mit. Jeder und jede Dritte glaubt, dass die Verquickung zwischen Freikirchen, Verwaltung und Politik inzwischen zu gross geworden ist. Auf Nachfrage werden entweder die Stichworte «Gate27», «Win4» oder «SalZH» genannt oder allgemein konstatiert, dass ein «sehr guter Draht ins Parlament und in den Stadtrat» bestehe. Auch die teilweise hohe Präsenz von Freikirchlern unter Lehrern und Schulpflegern wird genannt, zum Beispiel in Seen. Beim Schulhaus Oberseen sprach man einst vom «Aquarium» – wegen der grossen «Fischli-Fraktion» im Lehrerteam.

Den Islam als Staatsreligion offiziell anerkennen?

In Fragen zum Umgang mit dem Islam vertritt der Rat oft integrative und liberale Positionen. Das Minarett-Verbot würde er mit wuchtigen 78 Prozent ablehnen, ebenso das Kopftuchverbot (82 Prozent). Den Islam als Staatsreligion zu anerkennen, ginge einer Mehrheit von 54 Prozent aber zu weit, jeder Fünfte wäre noch unschlüssig. Dafür ist vor allem die Linke.

Maria Sorgo (SP) etwa findet, dass gewisse Moschee-Vereine öffentlich-rechtlich anerkannt werden sollten, um Anrecht auf staatliche Fördergelder zu haben: «Gut integrierte Gemeinden leisten einen wichtigen Beitrag zur Integration und bauen Berührungsängste ab. Sie hätten Rechte, aber auch Pflichten.»

Fazit: Ein Rat von «liberalen Distanzierten»?

Typisieren könnte man eine Mehrheit der Gemeinderäte wohl als «liberale Distanzierte». Zu den «Distanzierten» zählen Religionssoziologen eingemittete Personen, die «nicht nichts» glauben, kaum praktizierend sind, die Konfession aber dennoch bewusst nicht ablegen.

Im Parlament fällt der hohe Anteil an Kirchenmitgliedern auf und das klare Votum für die Kirchensteuerpflicht. Gleichzeitig aber betet kaum jemand mehr oder greift zur Bibel, während christliche Werte und die Sozialarbeit der Kirchen wiederum weithin respektiert werden. Und weshalb«liberal»?

Dafür spricht, dass die meisten Parlamentarier für die Homo-Ehe und die aktive Sterbehilfe einstehen oder gegen das Minarett-Verbot sind, und immerhin jeder Dritte würde den Islam als Religion gar öffentlich-rechtlich anerkennen.
In der morgigen Ausgabe diskutieren die Gemeinderäte David Schneider (FDP), Regula Keller (SP) und Reto Diener (Grüne) in einem Streitgespräch zum Thema.

Entwicklung der Konfessionen in Winterthur

2009 wurden in Winterthur die Reformierten von der Gruppe Konfessionslose/Andere überholt. Generell liegen die Anteile im kantonalen Mittel. Konfessionsbezogen ist Winterthur eher Dorf als Stadt. Quelle: Statistisches Amt Kt ZH

(Till Hirsekorn)

Erstellt: 28.12.2017, 18:59 Uhr

Umfrage

Eine Landbote Umfrage zeigt: Jeder siebte Winterthurer Gemeinderat stammt aus dem Milieu einer Freikirche. Ist deren Einfluss auf die städtische Politik zu gross?

Ja, Freikirchen und Politik sind zu stark miteinander verflochten.

 
43.8%

Nein, es gibt keine starke, geeinte Freikirchen-Lobby.

 
27.5%

Egal. Unsere Politik hat andere Probleme.

 
28.7%

258 Stimmen


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Welche Glaubensrichtungen sind im Stadtrat vertreten?

Ein Pfingstlerin, ein Konfessionsloser und ein Agnostiker

Die Umfrage ging auch an den Stadtrat. Fünf von sieben haben die Umfrage entweder gar nicht oder sehr unvollständig ausgefüllt, meist mit der Begründung: «Religion ist Privatsache».

Möglich ist daher lediglich eine knappe Übersicht:


  • Stadtpräsident Michael Künzle (CVP) ist Mitglied der römisch-katholischen Kirche und sagt von sich, er glaube an Gott.
  • Stefan Fritschi (FDP), der Pfarrerssohn, ist reformiert, glaubt an Gott und ist kirchennah. Er ist für die Kirchensteuerpflicht für Unternehmen und gegen ein strikte Trennung von Kirche und Staat.

  • Barbara Günthard-Maier (FDP) fühlt sich der Gemeinde von Christen Chile Hegi zugehörig, die 1960 in Winterthur unter dem Evangelisten Charles Reichenbach entstanden ist und zu den Pfingstgemeinden gehört. Daraus hervorgegangen ist auch die Quellenhof-Stiftung. Ihre Gottesdienste feiert die GVC in der Parkarena. Günthard hat den Fragebogen nicht ausgefüllt.

  • Nach wie vor Mitglied der reformierten Kirche ist Nicolas Galladé (SP). Der Sozialvorsteher vertritt gesellschafts-liberale Positionen und glaubt nicht, dass Freikirchen, Staat und Politik zu stark verflochten sind.

  • Da ist Josef Lisibach (SVP) gleicher Meinung. Er glaubt an Gott, ist aber konfessionslos, gegen die Kirchensteuerpflicht, für das Minarett-Verbot und für das Kopftuchverbot. Die aktive Sterbehilfe befürwortet er, bei der «Homo-Ehe» ist er sich nicht sicher.

  • Jürg Altwegg (Grüne) bezeichnet sich als Agnostiker, welche die Frage nach der Existenz Gottes für nicht klärbar halten. Er ist in keiner Kirche.

  • Yvonne Beutler (SP) hat auf eine Teilnahme an der Umfrage verzichtet, ist aber Mitglied der reformierten Landeskirche, wie sie auf Facebook vor ein paar Monaten schrieb.


Online-Umfrage

Wie religiös ist der Gemeinderat?

Der «Landbote» hat an sämtliche 60 Gemeinderätinnen und Gemeinderäte eine Online-Umfrage mit Fragen zum Thema «Religion» verschickt. Antworten konnte man die meisten Fragen per Multiple Choice («Ja», «Nein», «Weiss nicht» oder andere Option), andere über eine Skala von 1 bis 10. Der Rücklauf war mit 52 von 60 Bögen sehr gut und dies parteiübergreifend. Jeder oder jede vierte wollte anonym bleiben. Hier die detaillierten Ergebnisse aufbereitet in unserer Bildstrecke:

Bildstrecke

Wie religiös ist der Winterthurer Gemeinderat?

Wie religiös ist der Winterthurer Gemeinderat? Der «Landbote» hat an sämtliche 60 Gemeinderätinnen und Gemeinderäte eine Online-Umfrage mit Fragen zum Thema «Religion» verschickt. 52 von ihnen haben geantwortet. Hier die Ergebnisse.

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