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Die Regeln des Spiels

Was ist die Schweiz? In seinem neu aufgelegten Roman «Monopoly» antwortet Giovanni Orelli mit einer Satire. 1980 erstmals erschienen, bespiegelt das Buch nach den Regeln des bekannten Spiels ironisch die verfilzten Strukturen im Land der Banken.

Der Erzähler heisst Cornelius Agrippa. Er stammt aus einem Tessiner Bergdorf, mit Fleiss hat er die Karriereleiter bis hoch an die Spitze erklommen. Im Auftrag von Bankdirektor Crunch ist er zuständig für Public Relations. Es ist eine Aufgabe von zweifelhaftem Wert, denn die helvetischen Verhältnisse sind (noch) aufs Schönste geordnet. Auf seinen Reisen durch die Schweiz notiert Agrippa, wie Kirche, Banken und Armee zusammenstehen und manchmal sogar ein Bergbauernkind wie ihn mit Wohlwollen fördern. Der Preis ist Willfährigkeit und Loyalität. Agrippa entrichtet ihn, auch wenn ihn hin und wieder Zweifel beschleicht. Wie der Titel anzeigt, hat Giovanni Orelli eine sehr spezielle, spielerische Form für sein Buch gefunden. Es ist nach den Regeln des Brettspiels aufgebaut. Am Start würfelt Agrippa eine Drei und gelangt nach Schaffhausen. Später geht es mit einer Sechs nach Thun. An jede der Stationen knüpft sich eine Erinnerung oder Anekdote, worin die Klischees und Mythen der Schweiz aufs Korn genommen werden, in Thun beispielsweise die Armee. Die helvetische Aristokratie «Monopoly» ist eine spielerische Auseinandersetzung mit der Schweiz und ihrer liberalen Grundordnung. Was unter dieser genau zu verstehen ist, macht die Stimme von Vilfredo Pareto (1848–1923) deutlich, die Agrippa zwischendurch vernimmt. Der in Lausanne lehrende Soziologe sah das Wohl des Landes in einer «Aristokratie der Guten» aufgehoben. Im helvetischen Filz erkennt Agrippa diese Elite wieder. Pareto kommt auch dem Autor Orelli sehr zupass, weil sich mit ihm wunderbar ironisch zuspitzen lässt. Seine Parabel auf die Schweiz ist ein literarisches Spiel, das mit vielen Anspielungen und Zitaten garniert ist. Tanz ums Geld Das Buch ist 1980 erschienen, kein Wunder, dass es seither auch etwas Staub angesetzt hat. Der militärische Komplex ist längst nicht mehr zwangsläufig mit Wirtschaft und Politik verfilzt. Und die Hochfinanz musste sich inzwischen vom Staat retten lassen. Die staatstragenden Kreise wurden von der Globalisierung kräftig durchgeschüttelt. Nur eines gilt unverändert, wie Agrippa einleitend notiert: «Hauptperson ist das Geld.» Auf seinem Humus wächst eine neue Elite. Cornelius Agrippa hegt dagegen seine Zweifel. Zunehmend beschleicht ihn die Angst davor, dass wir «fast alle eines Tages Faschisten sein» werden, «so wie wir immerzu im Kreise herumlaufen und uns dabei wohl fühlen». Deshalb ist er nicht unfroh, als ihm auf Fürsprache von Crunch in Lausanne eine Professur für Magie angeboten wird. So bleibt Giovanni Orellis «Monopoly» trotz allem lesenswert: als ein lustvolles sarkastisches Spiel mit grossem Ernst. Nebst den «Alleinherrschern» haben darin auch menschliche Figuren Platz wie die Tessiner Bäuerin, die mit dem Zug durch eine sie verstörende, unbekannte Welt nach Bern fährt, zu ihrem sterbenden Sohn. Sie erinnert an die Herkunft von Agrippa wie von Orelli. Giovanni Orelli «Monopoly». Roman. Aus dem Italienischen von Elke Büsser-Schwenn. Limmat-Verlag, Zürich 2103. 225 Seiten, 36 Franken (UVP)

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