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Die Schönheit des genauen Blicks

Erneut wartet die Studienbibliothek mit einem attraktiven Original des Monats auf. Dank ihm lernt man den Winterthurer Künstler Johann Rudolf Schellenberg (1740 bis 1806) und seine magistralen Insektenzeichnungen kennen.

Ich gebs zu: Da kann einen leicht die Begeisterung packen. Denn Johann Rudolf Schellenberg – in der Spanne von Rokoko und Realismus stehend – war im Kleinen gross, manchmal sogar sehr gross. Der Mann, der aus Winterthur nicht fortkam, zählt denn auch zu den bedeutendsten Buchillustratoren des 18. Jahrhunderts, das uns in vielem auch heute so nah ist, als Jahrhundert der Aufklärung, der Französischen Revolution, eines neuen Verständnisses des Individuums etc. In der Geschichte der Schweizer Kunst kommt diesem Mann besonders als Radierer eine grosse Rolle zu. Da gilt Johann Rudolf Schellenberg als der vielleicht Wichtigste des 18. Jahrhunderts. Ein Schatz sondergleichen Die Begeisterung beginnt auch diesmal wieder vor Ort, in der Begegnung mit einem der vielen Insektenaquarelle von Johann Rudolf Schellenberg, mit dem Regula Geiser und Karin Briner von der Studienbibliothek ihre Reihe «Original des Monats» fortsetzen. «Papilio Atalanta» heisst der prachtvolle Edelfalter; wir kennen ihn heute eher unter dem wissenschaftlichen Namen Vanessa atalanta oder schlicht und einfach für den Alltagsgebrauch: Admiral. Schellenberg hat ihn in natürlichen Farben, die über die Jahrhunderte hinweg nichts von ihrer Leuchtkraft eingebüsst zu haben scheinen, auf einem kleinen Blatt festgehalten – genau so, wie er es mit all den anderen Insekten getan hat, von denen sich so viele in den Sondersammlungen der Studienbibliothek tummeln. Rund 4000 Schellenberg-Insektenaquarelle sind dort zu finden, die, zusammen mit einer reichen Fülle weiterer Werke, Originale, Dokumente, Einzelblätter und Serien, einen Schatz sondergleichen bilden. Einmal in ihn eingetaucht, kommt man nicht so schnell wieder davon los, die Kombination aus Schönheit, Genauigkeit und unglaublicher Feinheit tut auch da ihre Wirkung. Da ist also der Admiralfalter, wie er leibt und lebt, mit ausgespannten Flügeln, aber auch von der Seite gesehen, hübsch auf einem Zweiglein; dazu wird vergrössert ein Fühler abgebildet, ein Stückchen Vorderbein, der Kopf und, zusammengerollt, der Schmetterlingsrüssel. Natürlich sieht nicht jedes Schmetterlingsblatt gleich aus; Schellenberg ging es neben Naturwahrheit und Informationsgehalt wohl fast immer auch um Ästhetik. Manchmal gibt es Blätter, auf denen sich nur ein einziger zentimetergrosser Winzling befindet. Andere weisen vier, fünf, ja zehn Abbildungen zum Thema auf und zeigen den Tagfalter oder den Nachtschwärmer von verschiedenen Seiten, in verschiedenen Stadien (Ei, Raupe, Puppe) oder heben einzelne Organe und Körperteile hervor. Einmal, bei «Atropos» (einem Schachbrettfalter?), kommt ein hübsches grünes, gleichmässig gerilltes Säulchen hinzu – es ist mit «Excrementum» angeschrieben … Zuckergast und Totenuhr Das aktuelle Original des Monats macht auf wahre Zauberblätter aufmerksam, die durch ihre Lebendigkeit bestechen. Wer in der Studienbibliothek eines der Originalblätter zur Hand nimmt, die in roten, durch grüne Bänder zusammengehaltenen kleinen «Büchern» aufbewahrt werden, lässt sich gerade dieser Lebendigkeit wegen gern auch auf andere Insekten ein, die Schellenberg gezeichnet und gemalt hat: grosse und kleine Käfer, prächtige und unscheinbare; auch den «Zuckergast» trifft man an, heute eher als Silberfischchen bekannt, oder die «Totenuhr», diesen holzzerstörenden kleinen Käfer. Und für wen malte Johann Rudolf Schellenberg, Sohn und Enkel von Künstlern, all die Wunder der Natur? Sehr jung war er, als er damit begann, ein halbes Kind, ein Jüngling. Bei Johann Gessner in Zürich und vom Arzt und Entomologen Johann Heinrich Sulzer in Winterthur wurde er zur Auseinandersetzung mit der Welt der Insekten angeregt (und die Werke von August Johann Rösel von Rosenhof oder Maria Sibylla Merian waren ihm nicht unbekannt). 1761 erschien Sulzers erstes Insektenbuch; von Gessner stammte die Vorrede, von Schellenberg die 24 handkolorierten Kupfer­tafeln (mit über 150 Insektenarten!) und die Textvignetten über den Kapiteln – Letztere voller Rokokowitz und -frechheit, unbedingt unter der Lupe angucken! Es wundert nicht, dass nach diesem Auftritt in einer geschätzten Publikation weitere Aufträge zur Illustration wissenschaftlicher Werke folgten. Schellenberg, der sich durchaus als «Beobachter der Natur» verstand, wurde selbst ein Fachmann auf dem Gebiet der Insektenkunde. Wer wissen möchte, was der vielseitige Künstler sonst noch schuf, findet reiches Anschauungsmaterial in der Studienbibliothek, Auftragswerke ebenso wie freie Werke. So hat Schellenberg entscheidend an Lavaters berühmten «Physiognomischen Fragmenten» mitgewirkt, aber auch frei für sich gearbeitet: Allen, die an Totentanzdarstellungen interessiert sind, seien da seine Blätter zu «Freund Heins Erscheinungen» (1785) zu empfehlen. Auch die darf man in der Studienbibliothek in die Hand nehmen – und kann sich bei jeder Geschichte das Seine denken. Angelika Maass

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