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Die schräge Geschichte des Kirchturms Andelfingen

Seit dem 17. Jahrhundert wollten die Andelfinger einen höheren Kirchturm, 1860 war es so weit. Doch der Turmbau zu Andelfingen hätte beinahe in einer Katastrophe geendet.

Nachdem sich im Mai 1799 französische und österreichische Truppen in Andelfingen mit Kanonen beschossen hatten, lag das Weinländer Dorf an der Thur darnieder. Es gab Tote, zahlreiche Häuser waren zerstört oder stark beschädigt. Erst als die abgebrannte Holzbrücke 1814 neu gebaut wurde, ging es wieder aufwärts – ja hoch hinaus: Ab 1840 entstanden mehrere Häuser mit städtischem Charakter, im April 1857 wurde die Bahnlinie Winterthur–Schaffhausen eröffnet, und im Oktober 1860 wurde emsig an einem höheren Kirchturm gebaut. Als das Kirchendach im 17. Jahrhundert erhöht wurde, blieb der alte Turm aus der Zeit um 1500 stehen. Weil er im Vergleich zum Kirchenschiff zu klein, ja untersetzt wirkte, wurde danach mehrmals vergeblich versucht, das Geld für einen höheren Kirchturm aufzutreiben. Böse Zungen behaupten, den Andelfingern sei es in Tat und Wahrheit dar­um gegangen, einen grösseren Kirchturm zu haben als das vier Kilometer entfernte Ossingen ennet der Thur.

Erst im Jahre 1859 fällte die Gemeindeversammlung den Entscheid zum Bau des Kirchturms und sprach einen Geldbeitrag. Den Rest des Geldes steuerten Nachbargemeinden, Kirchenmitglieder und sonstige Privatpersonen bei. Im Frühjahr 1860 war es dann so weit: Der alte Turm wurde bis auf 15 Meter Höhe abgebrochen, um danach erhöht zu werden. Doch der Turmbau zu Andelfingen hätte fast in einer Kata­strophe geendet. In der Nacht des 23. Oktobers senkte sich der neue, schon 30 Meter hohe Kirchturm bedrohlich. Er war nicht mehr im Lot, und in seinem Mauerwerk bildeten sich immer mehr Risse. Weil sie das Schlimmste befürchteten, rieten die zwei herbeigerufenen Experten am Tag darauf, den einsturzgefährdeten Turm niederzureissen. Der abbruchreife, von mehreren Häusern umgebene Neubau war Tag und Nacht überwacht worden, bis Anfang November der Abriss begann. Der Kleinandelfinger Jakob Landolt war als Baumeister zuständig für den Turmbau. Als sich die Risse bildeten, stiegen die erschrockenen Arbeiter sofort vom Turm herunter. Als es dar­um ging, die schwankenden Mauern des Turms abzutragen, traute sich keiner von ihnen, die gefährliche Arbeit zu tun. In dem Moment, so erzählte man sich in der Familie Landolt von einer Generation zur nächsten, soll Baumeister Landolt allein den Turm hochgestiegen sein und von dort oben Stein um Stein in die Tiefe geworfen haben. Da hätten sich die Arbeiter geschämt und seien ihm gefolgt. Landolt soll vor der Turmerhöhung schwere Bedenken gehabt haben, weil er dem löchrigen Tuffstein im Untergrund nicht traute. Mehrere Dorfteile wurden auf Terrassen aus Kalktuff errichtet. So auch das Schloss Andelfingen, in dessen Park ein Arm des Mülibachs über eine Tuffsteinkante in die Tiefe stürzt. Landolt soll auch den Staatsbauinspektor Johann Caspar Wolff vor dem vermutlich instabilen Untergrund gewarnt haben – vergeblich. Wolff war für die Oberaufsicht zuständig, hatte das Fundament vorgängig geprüft und hielt es für genügend stabil. Die zusätzliche Last durch die Turmerhöhung sollte der Tuffstein tragen können, so die Expertenmeinung damals. Doch als das Fundament nach dem Abriss des Turms ausgegraben wurde, kamen die von Lan­dolt befürchteten Schwachstellen ans Tageslicht. Der Tuffstein war sehr stark zerklüftet. Nebst den vielen Hohlräumen kamen auch Schichten aus reinem Sand zum Vorschein. Das bauliche Missgeschick sorgte für grosses Aufsehen und Bestürzung in der Kirchgemeinde Andelfingen. Die Baukommission schrieb in dem Zeugnis von 1864, dass Landolt «grosse Ausdauer und Unerschrockenheit» bewiesen habe. Und trotz der vielen Schwierigkeiten sei der Turmbau «ohne Verlust eines Menschen­lebens» ausgeführt worden. Der heutige, 56 Meter hohe Andelfinger Kirchturm wurde sechs Meter weiter im Osten und unterhalb der instabilen Tuffsteinschicht errichtet. Dort steht der markante neugotische Turm seit 1862 und ist von weit her zu sehen.

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