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Die Stadt klingt nach Jahrmarkt

Alle zwei Jahre wehen Töne durch die Stadt, wie man sie von Jahrmärkten her kennt. In diesem Jahr hat Regula Wieser schon zum 14. Mal das Karussell- und Drehorgelfestival organisiert.

Regula Wieser aus Berg-Dägerlen ist in diesen Tagen begehrt. Gestern Nachmittag sind ausser der Zeitung auch Radio und Fernsehen da, um über das Winterthurer Karussell- und Drehorgelfestival zu berichten. Vor ihrem Kinderkarussell und der Jahrmarktorgel sammeln sich die ersten Zuschauer. Kinder laufen um das Karussell und suchen sich schon mal aus, auf welchem Tier sie sitzen wollen. Oder doch lieber im Flugzeug oder auf dem Motorrad? Ab 14 Uhr gehen die Kinderwünsche endlich in Erfüllung. Regula Wieser sitzt in ihrem historischen Kassenhäuschen und verkauft Fahrchips. Jetzt klettert auch Damir Dantes auf sein Podest. Der Pantomime wurde von der Veranstalterin organisiert und stellt das Denkmal eines römischen Senators dar. Zur Begeisterung der Kinder erwacht er zwischendurch aus seiner Starre, macht eckige Bewegungen zur Orgelmusik oder winkt den Kindern zu. Immer wieder legen Leute Geld auf seinen Sockel. Etwas, das ihn total irritiert, wie er in einer Pause erzählt: «Aber ich kann ja nicht gut immer mit dem Kopf schütteln». Er geniesst es in seiner Verkleidung, die Zuschauer zu beobachten. «Vorhin kam ein sehr altes gebrechliches Paar um die Ecke. Als sie die Orgel sahen, fingen die beiden richtig an zu strahlen», sagt er gerührt. «Die Musik hat sie bestimmt an etwas erinnert.» Vom Plattenspieler abgelöst Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts versuchten Schausteller mit Hilfe von Karussellorgeln ihre Vergnügungsbetriebe für das Publikum attraktiver zu gestalten. Als der Plattenspieler Einzug auf den Jahrmärkten hielt, gerieten die Orgeln etwas ins Abseits. Doch noch bis morgen sind die grossen Karussell- und Konzertorgeln in Winterthur zu sehen und hören. Am Samstag kommen zusätzlich 20 Drehorgelspieler und Moritatensänger zu Besuch. Seit 28 Jahren organisiert Regula Wieser die Veranstaltung in der Altstadt. Beim ersten Mal waren die Orgeln noch alle im Graben aufgestellt. «Können Sie sich das vorstellen?», sagt sie lachend: «Der Lärm war nie­mandem zuzumuten.» Schon im zweiten Jahr wurden die Instrumente auf die ganze Altstadt verteilt. Auf dem Neumarkt steht ein ganz besonderes Schmuckstück. Der Niederländer Frans van Reeken führt seine seltene Karussellorgel der Marke «A. Ruth und Sohn» vor, die 1926 im deutschen Waldkirch gebaut wurde. Vor der Orgel, die in einem nostalgischen Jahrmarktswagen untergebracht ist, bleiben die Leute stehen und schauen den Figuren zu: In der Mitte vor den Orgel­pfeifen steht der Dirigent im Rokoko­kostüm, rechts und links wippen zwei Römerinnen im Takt. Flankiert werden sie von zwei Putten, die jeweils eine Trommel schlagen. Ein chinesisches Ehepaar staunt. Immer wieder nimmt der Mann seine grosse Kamera hervor und fotografiert Frau und Tochter vor dem Musikinstrument. Frans van Reeken dreht derweil seine Zigarette fertig und wirft einen prüfenden Blick in die Orgel. Alles in Ordnung, der Faltkarton mit den Noten läuft wie am Schnürchen durch die Walze.

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