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Die Suche nach dem «Leuchtturm»

Die Gewinner des Architekturpreises stehen fest. Es werde viel Gutes gebaut, sagen Michael Hauser und Oliver Strässle vom Amt für Städtebau. Allerdings vermissen sie einen Bau, der bis in die Ferne beachtet wird. Ein solcher muss nicht zwingend weit in die Höhe ragen.

Sie haben sich angeschaut, was in den letzten vier Jahren in Winterthur gebaut wurde. Sind Si e zufrieden damit?

Michael Hauser: Insgesamt gedeiht Winterthur prächtig.

Oliver Strässle: Davon zeugen alleine schon die vielen Baustellen, es wird in der Stadt pro Jahr gegen eine Milliarde verbaut. Die allermeisten Bauten sind gut. Was aus unserer Sicht vermisst wird, ist ein wirklicher «Leuchtturm» , der für die letzten vier Jahre steht und den Stolz der Bevölkerung weckt.

Weshalb braucht es denn solche überragende Bauten überhaupt?

Hauser: Ich glaube, ohne den Anspruch, sich zu verbessern, kommt man nicht weiter, das gilt für die Medizin oder die Musik genauso wie für den Städtebau.

Strässle: Gute Architektur vermag einen als Besucher eines Hauses zu berühren. Im Idealfall tritt man in einen «Dialog» mit dem Gebäude, in dem man sich befindet. Viele gut gemachte Gebäude stehen für eine bestimmte Zeit, einen Stil und ein Lebensgefühl. Selbstverständlich können nicht unzählige ausgefallene, architektonische Projekte nebeneinandergestellt werden. Auch am Meer steht ein einziger Leuchtturm und nicht fünf nebeneinander.

Was könnte Ihrer Meinung nach ein solches «Leuchtturm»-Bauwerk sein?

Strässle: Ein interessantes Wohnbauprojekt, das einen innovativen Beitrag zu aktuellen gesellschaftspolitischen Fragen liefert. Beispielsweise neuartige Wohnungen für Alt und Jung.

Muss ein solches Projekt besonders spektakulär aussehen? Beispielsweise ein tannenzapfenförmiger Glasturm wie in London?

Hauser: Wegweisende Bauwerke dürfen auch erst auf den zweiten Blick spektakulär sein. Allerdings ist klar, dass weit herum wirkende Gebäude eher bei grossen Bauprojekten entstehen, Einfamilienhäuser eignen sich weniger. So können beispielsweise Neubauten der Hochschulen oder Hauptsitze von Firmen zu architektonischen Leuchtturmprojekten werden. Es müssen aber nicht zwingend Türme sein, die weit in die Höhe ragen.

Zurzeit wird in Winterthur günstiger Wohnraum gefordert. Ist es nicht vermessen, wenn Sie das Augenmerk a uf architektonische Strahlprojekte legen?

Hauser: Gerade aus derartigen gesellschaftlichen Anliegen soll wegweisende Architektur entstehen. Der gemeinnützige Wohnungsbau ist ein Feld, in dem viel Neues entwickelt wird. Ein Beispiel hierfür ist das Mehrgenerationenhaus, das in Neuhegi entsteht.

Strässle: Ich wehre mich dagegen, Ökonomie, Ökologie und Ästhetik gegen­einander auszuspielen. Nachhaltige Architektur vereint alle drei.

Politischer Druck kann also für gute Architektur sorgen.

Hauser : Ja. Die Bevölkerung beobachtet das Baugeschehen aufmerksam, äussert Ängste und stellt Forderungen. Wir suchen den Dialog auf unterschiedlichen Wegen: Der Architekturpreis ist einer, das Forum Architektur organisiert Diskussionen, und wir veranstalten den Tag des Denkmals. Die Diskussion in der Öffentlichkeit soll in der Architektur Niederschlag finden.

Welche In­sti­tu­tio­nen sollen denn in Winterthur für die architektonische Zukunft verantwortlich sein?

Hauser: Die Stadt und alle Bauherrschaften stehen in der Verantwortung. Grösstes Risiko ist, einfach alles immer so zu machen wie bis anhin. Markt und Bedürfnisse wandeln sich ständig. Nicht selten sind aber insbesondere Baugenossenschaften Motoren für zukunftsweisende Lösungen.

Strässle: Allerdings kommt die Frage der Verfahren ins Spiel. Wir sind klar der Meinung, dass Architekturwettbewerbe die Qualität von dem, was gebaut wird, verbessern. Bauherrschaften haben heute ge­gen­über Konkurrenzverfahren weniger Berührungsängste. Die Wettbewerbe können auch zum Vorteil für die Bauherren werden: Mit verhältnismässig kleinem Aufwand entstehen Bauten, die am Markt attraktiver sind.

Sie erwähnten Genossenschaften als Triebfeder für neue Architektur. Wollen Sie diese stärker in die Pflicht nehmen?

Hauser: Baugenossenschaften sind gut vernetzt und denken an kommende Generationen. Ihr Siedungsbestand hat aber Erneuerungsbedarf. Sie müssen auch etwas tun, um in Zukunft verschiedene Bevölkerungsgruppen für ihre Wohnungen anzuziehen: Familien, ältere Menschen oder junge Paare.

W eshalb sollen denn Genossenschaften Wagnisse bei der Architektur eingehen?

Hauser: Ich glaube, gute Architektur ist kein Wagnis, sie ist heute ein wichtiges Merkmal und somit ein Verkaufsargument oder eines, um die gewünschten Mieter anzuziehen.

Es fällt auf, dass Bauten ausgezeichnet wurden, die schon Preise erhalten haben. Ziehen Preise Preise an?

Hauser: Es gibt keine Abonnements. Gute Projekte fallen aber nicht nur uns auf, dies zeigt auch, dass unsere Wahl nicht nur subjektiv ist. Die Überbauung Lokomotive, die wir vor vier Jahren ausgezeichnet haben, ist im Moment in einem Film an der Biennale in Venedig prominent vertreten.

Prämiert wurde nur eine grosse Siedlung, jene in Illnau. Warum?

Hauser: Die Konkurrenz zwischen den Städten ist gross. Siedlungsbauten lassen sich gut vergleichen und haben einen hohen Stand erreicht. Ich bin zuversichtlich, dass wir bald auch in dieser Disziplin zur nationalen Spitze gehören.

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