Die Tragödie der Familie Nock

Freddy Nock sitzt wegen versuchter Tötung in Haft, der gleichnamige Zirkus ging Konkurs. Über eine Familiengeschichte voller Triumphe und Abstürze.

Freddy Nock balanciert 2009 auf den Seilen der Bahn auf die Zugspitze. Foto: Reuters

Freddy Nock balanciert 2009 auf den Seilen der Bahn auf die Zugspitze. Foto: Reuters

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Er gehört zu den waghalsigsten Artisten der Welt, lief auf den Tragseilen von Bergbahnen, überquerte tiefe Schluchten, teils 150 Meter über dem Boden. Immer ungesichert. Ein falscher Tritt – und er wäre tot gewesen. Doch bis auf einen Armbruch mit 23 Jahren ist Freddy Nock in seiner rund 40-jährigen Karriere nie etwas zugestossen.

Bis zum grossen Absturz diese Woche. Nicht vom Seil, sondern vor Gericht. Das Bezirksgericht ­Zofingen verurteilte Nock wegen versuchter vorsätzlicher Tötung seiner Ex-Frau zu einer teilbedingten Strafe von 30 Monaten Gefängnis, zehn davon muss er absitzen. Obschon das Urteil noch nicht rechtskräftig ist, wurde der Extrem-Artist umgehend in Sicherheitshaft genommen, um eine Flucht ins Ausland zu verhindern.

Der Fall ist mindestens so spektakulär wie ein Hochseilakt. Am Abend nach der Swiss-Award-Gala am 1. März 2013 soll der berühmte Seilläufer im Hotelzimmer versucht haben, seine damalige Partnerin und spätere Frau Ximena in einem Zürcher Hotelzimmer umzubringen. Er habe sie gepackt, ihren Kopf dreimal gegen die Wand geschlagen, sie gewürgt und mit einem Kissen fast erstickt. Erst als sie sich tot stellte, hat er von ihr abgelassen. So lautet jedenfalls ihre Version.

Der Circus Nock 2016 in Horgen – drei Jahre später geht dem Unternehmen die Luft aus. Foto: ZSZ

Was den Fall so speziell macht: Vier Monate nach dem mutmasslichen Tötungsversuch heiratete das Paar in Anwesenheit der nationalen Klatschpresse.

Erst bei der Trennung 2015, als es um das Sorgerecht für den gemeinsamen Sohn ging, brachte ­Ximena Nock diesen und mehrere andere Fälle von häuslicher Gewalt zur Sprache. Im Gegenzug beschuldigte auch er sie, gewalttätig gewesen zu sein. Einige Wochen später versöhnten sich die beiden wieder und wollten ihre Aussagen zurückziehen. Da es sich teilweise um Offizialdelikte handelte, war dies nicht mehr möglich.

Nock-Betriebe gerieten immer wieder in existenzielle Not

Dass die Frau nun vor Gericht trotzdem unter Tränen gegen ihren Ex-Mann aussagte, liegt daran, dass sich das Paar 2017 erneut trennte und seither erbittert um Unterhaltszahlungen streitet.

Für Nocks Anwalt beweist das Hin und Her die Unschuld seines Klienten. Es habe sich um eine «wilde Beziehung» gehandelt, sagte der Verteidiger vor Gericht. «Auf einen leidenschaftlichen Streit folgte eine leidenschaftliche Versöhnung.» Offensichtlich vermochte er die Richter nicht zu überzeugen. Trotz fehlender Beweise wurde Nock verurteilt.

Es ist in diesem Jahr nicht das erste Mal, dass der Name Nock in den Schlagzeilen steht. Im März wurde bekannt, dass der «älteste Zirkus der Schweiz» in Konkurs geht, eine Saison vor dem 160-Jahr-Jubiläum. Was dramatisch nach dem Ende eines Schweizer Traditionsunternehmens tönt, ist bei genauerem Hinsehen die logische Fortsetzung einer unsteten, von Tragödien und Triumphen geprägten Familiengeschichte.

Nerven wie Drahtseile: Die Geschwister Nock 1966 treten als Nerveless Nocks in der TV-Variété-Show «Hollywood Palace» auf. Foto: Getty Images

Denn das um 1860 vom erst 18-jährigen Joseph Nock gegründete Zirkusunternehmen hat wenig zu tun mit dem Circus Nock, der in den letzten Jahrzehnten in der Schweiz unterwegs war. Dazwischen stehen verschiedene Nock-Betriebe, die durch Wirtschaftskrisen, Streitereien und Wetterkapriolen immer mal wieder in existenzielle Not gerieten, aufgeteilt, geschlossen und neu gegründet wurden – zuweilen aber auch goldene Zeiten erlebten.

Der Nock-Clan, einst als Gaukler aus Süddeutschland eingewandert, wuchs von Generation zu Generation. Einzelne Mitglieder wanderten aus, wurden in Amerika berühmt, andere wandten sich vom Zirkusleben ab oder machten sich als Artisten oder mit neuen Unternehmen selbstständig. Zwei Nock-Brüder, die während des Zweiten Weltkriegs noch nicht eingebürgert waren, wurden 1945 für die letzten paar Kriegswochen in die deutsche Wehrmacht eingezogen, einer überlebte nicht.

Verurteilt: Freddy Nock am Tag der Verhandlung. Foto: Keystone

Wohin sich die Familie über die Generationen hinweg überall verzweigt hat, ist kaum mehr zu überblicken. Zumal sie sich ohnehin wie alle grossen Zirkusfamilien in Europa untereinander vermischt haben.

Selbst beim grössten Konkurrenten, dem Circus Knie, spielten die Nocks eine wichtige Rolle. Clown Arthur Nock war unter dem Namen Knieli ab den 70er-Jahren gar Aushängeschild und grösster Sympathieträger, seine Frau Lotti ein legendäres Nummerngirl und die gute Seele des Nationalcircus.

Unter den zahlreichen Familiensträngen der Nocks sind die drei Geschwister hervorzuheben, die im Winter 1953/54 für ein Engagement nach London reisten und dort vor der jungen Queen Elizabeth II. ihre waghalsige Nummer am schwankenden Mast zeigten. In der Folge wurde die Schweizer Truppe fünf Jahre lang vom grössten Zirkus der Welt angestellt, dem US-Unternehmen Ringling Bros and Barnum & Bailey.

Clown Pio Nock fiel vom Seil direkt in den Löwenkäfig

Die Nocks traten in den wichtigsten US-Fernsehshows auf, unter anderem mit Marilyn Monroe, den Beatles und Sammy Davis jr. Präsident Richard Nixon war dermassen beeindruckt von den Nocks, dass er sie nach einer Show in der Garderobe besuchte. Die Geschwister blieben in den USA, ihre Kinder führten die Tradition weiter. Bis heute sind The Nerveless Nocks mit ihrer «Thrill & Stunt Show» dort eine Institution.

Auch ein anderes Familienmitglied schaffte es zu Ringling Bros: Clown Pio Nock. Dabei erlangte er ungewollten Ruhm. 1973 stürzte Pio während einer Vorstellung im Madison Square Garden in New York vor 17 000 Zuschauern vom Seil, direkt in den Löwenkäfig mit 17 Tieren. Dank eines aufmerksamen Dompteurs überlebte er. Pio Nock brachte es damit auf die Titelseite der «New York Times» – er gehört zu den wenigen Schweizern, dem diese Ehre zuteil wurde.

Bezeichnenderweise brachten es fast ausschliesslich jene Sprösslinge durch Höchstleistungen zu Berühmtheit, die nicht oder nicht mehr an einen elterlichen Betrieb gebunden waren. So auch Freddy Nock. Er verbrachte bloss die ersten zwölf Lebensjahre im Circus Nock, bis sich sein Vater Alfredo mit seinem Bruder verkrachte.

Die US-Medien berichten gross über Pio Nocks Sturz in die Löwengrube 1973.

Der Vater verliess 1976 mit der Familie den Betrieb und gründete den «Circus Alfredo Nock». Drei Jahre später war das grössenwahnsinnige Unternehmen mit 3000 Sitzplätzen bereits wieder Konkurs. In der Folge trennten sich die Eltern, Freddy war fortan auf sich selbst gestellt.

Der junge Artist schloss sich ­seiner Tante an, die in die deutsche Akrobatenfamilie Bauer einge­heiratet hatte. Die Bauers sind ähnlich wie der US-Zweig der Nocks auf waghalsige Spektakel spezialisiert. Rasch zeigte sich das ausserordentliche Talent Freddys, der ­sogar gestandene Artisten übertrumpfte. Ungesichert turnte er auf 30 Meter hohen, schwankenden Masten.

Der Grundstein für die Karriere des später weltbesten Seilläufers war gelegt. Ein Mann, der jede noch so lebensgefährliche Situation souverän meistern sollte – um dann am alltäglichen Familienleben zu scheitern. Der den berufsbedingten Adrenalinrausch privat offenbar mit Kokain zu kompensieren versuchte, bis alles zusammenbrach.

Seine Töchter trösteten ihn, wenn er in Tränen ausbrach

Der Gerichtsprozess legte die triste Lebensrealität des Ausnahmekünstlers und seiner Ehefrau offen: Immer wieder gab es Geld- und Gewaltprobleme, Drogen- und Alkoholexzesse – und trotzdem konnten die beiden nicht von einander lassen. Selbst in den letzten Monaten, als sie schon mit ­allen Mitteln um das Sorgerecht für das gemeinsame Kind stritten, hatten die beiden noch sexuelle Kontakte, wie am Prozess bekannt wurde.

Im Gerichtssaal sass Freddy Nock in sich gesunken da, wirkte niedergeschlagen und verweigerte fast immer die Aussage. Seine zwei Töchter aus erster Ehe sassen hinter ihm, spendeten Trost und reichten ihm jeweils ein Taschentuch, wenn er in Tränen ausbrach.

2019 war ein niederschmetterndes Jahr für die grosse Artistenfamilie. Trotzdem sollte man Freddy Nock und seine Verwandten aus dem konkursiten Zirkus nicht abschreiben. Die Nocks, so zeigen die letzten 160 Jahre, haben schon so manche Krise überstanden.



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Erstellt: 15.12.2019, 14:55 Uhr

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