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Die Villa des Bankgesellschaft-Gründers

Noch sitzt in der Villa Frohberg ein Brigadekommando, gegen dessen Verlegung nach Chur sich Stadt und Kanton wehren. Erbaut wurde das Haus einst für die einflussreiche Familie Ernst.

In den Anfängen der Industrialisierung wohnten die Unternehmer oft unmittel­bar neben ihrer Fabrik. Im Lauf der Zeit zogen sie dann an bessere, wenn möglich leicht erhöhte Lagen. So tat es auch Johann Rudolf Ernst-Reinhart, Sohn des Tuchhändlers «zum goldenen Trauben» an der Marktgasse 13. Er liess sich 1868, nachdem er in die Familie Reinhart eingeheiratet hatte, am Heiligberg eine Sichtbacksteinvilla bauen, die von einem Park umgeben war.1886 wurde der Bau vom bekannten Architekten Ernst Jung erweitert, unter anderem mit einem vier Meter hohen Herrenzimmer mit Cheminée. Vom Frohberg, so hiess die Villa, überblickte Johann Rudolf Ernst das Areal der Firma Sulzer, deren Teilhaber er 1872 wurde. Von Beruf Ingenieur, hatte ihn sein Jugend- und Studienfreund Heinrich Sulzer-Steiner, zunächst als Angestellten, in die Firma geholt. Ernst, der sieben Kinder hatte, starb mit nicht ganz 54 Jahren an einem Herzschlag. Sohn Richard stieg ebenfalls bei Sulzer ein und knüpfte die Bande durch die Heirat mit einer Tochter von Nationalrat Eduard Sulzer-Ziegler, der beim Maschinenbaukonzern der starke Mann war, noch enger. Eine «harmonische» Familie Sohn Rudolf Ernst (1865–1956), Jurist, heiratete 1895 eine Tochter des Textilindustriellen und Ständerats Othmar Blumer-Huber, der in Freienstein und im Jakobstal bei Bülach Spinnereien und eine Weberei betrieb. «Im obern Stockwerk des Hauses zum Frohberg begründeten die Neuvermählten ihr Heim, während die ehrwürdige Mutter des Gatten die untern Räume bewohnte», heisst es im Nachruf auf Ernsts Frau. «In ungetrübter, schöner Harmonie weilten so Mutter und Schwiegertochter über 25 Jahre lang unter einem Dache.» 1901 wurde Rudolf Ernst, erst 36-jährig, Blumers Nachfolger als Verwaltungsratspräsident der Bank in Winterthur. Diese fusionierte er 1912 mit der Toggenburger Bank zur Schweizerischen Bankgesellschaft (SBG). In der Zwischenkriegszeit gehörte Rudolf Ernst zu den Schwergewichten der Schweizer Wirtschaft. Er präsidierte nicht nur die SBG (1912 bis 1941), sondern vereinigte in seiner Sammlung von Mandaten beinahe alles, was in der Schweizer Maschinenindustrie Rang und Namen hatte: Sulzer, Loki, Georg Fischer, BBC, Maag-Zahnräder. Hinzu kamen Mandate im Dienstleistungssektor (Hypothekarbank Winterthur, National-Versicherung, Union-Rück, Motor-Columbus) und auf internationaler Ebene (Münchner Rück, Foreign Light & Power, Internationale Petroleum-Union, Deutsche Erdöl AG). Rudolf Ernsts «liebstes Kind» aber war die Bindfadenfabrik in Flurlingen, die dann von seinen Söhnen weitergeführt und schliesslich an den Heberlein-Konzern verkauft wurde. Ernst war auch politisch tätig. Von 1900 bis 1916 amtierte er als (nebenamtlicher) Finanzvorstand der Stadt, und er sass für die Freisinnigen im Kantonsrat. Nur militärisch machte er keine Karriere. Dafür zog vor Jahrzehnten, nach dem Verkauf des Frohbergs an die Stadt, das Militär in seine Villa ein, aus der es jetzt nach dem neuen Stationierungskonzept der Armee wieder ausziehen soll. Stadt und Kanton wehren sich und berufen sich auf die Tradition. Nun muss der Bundesrat entscheiden.Adrian Knoepfli ist Autor der neuen Winterthurer Stadtgeschichte, die im März erscheint (www.stadtgeschichte2014.ch). Für den «Landboten» greift er einzelne Themen aus der Recherche auf.

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