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Die WM der Amerikaner

Zwischen Vorrunde und Achtelfinals lässt sich sagen, Brasilien und Argentinien seien weiterhin erste Anwärter auf den 20. Titel eines Fussball-Weltmeisters.

Es wird nach der Vorrunde keiner widersprechen: Es ist sportlich eine gute, ja sehr gute WM, mit vielen Toren, wenigen Unentschieden und – vor allem – kaum langweiligen Spielen. Selbst ein Match wie das 4:2 zwischen Algerien und Südkorea konnte begeistern. Was die «Copa do Mundo» aber vor allem ist: ein Turnier der Amerikaner, nicht nur jener aus dem Süden, auch der Mittelamerikaner. Und selbst die USA kann man hinzuzählen, die es sich als Mitglied der Concacaf-Zone ja auch gewohnt sind, in diesen Regionen zu spielen. Eindeutige Zahlen Die Zahlen sind eindeutig: Von sechs südamerikanischen Teams ist nur eines – glücklicherweise Ecuador – ausgeschieden, von vier nord- und mittelamerikanischen ebenfalls nur eines – glücklicherweise Honduras. Es bewährten sich bisher also nicht nur die südamerikanischen Grossen aus Brasilien und Argentinien. Es tritt auch die kontinentale Mittelklasse aus Chile, Uruguay und – selbst ohne den Star Radomel Falcao – Kolumbien stark auf. Es überzeugen überdies die Mittelamerikaner, mit nach einer beinahe verpatzten Qualifikation unerwartet soliden Mexikanern und gar sensationellen Costa Ricanern. Für die US-Amerikaner spricht ihre typische Fitness, die in den brasilianischen Klimazonen besonders hilfreich ist. Also haben die Südamerikaner bisher 2,27 Punkte aus ihren insgesamt 18 Spielen geholt, bei den Concacaf-Teams sind es trotz der drei Niederlagen von Honduras immerhin 1,5. Anderthalb Punkte pro Match sind nämlich beinahe so viele wie die 1,56 der 13 europäischen Mannschaften aus ihren insgesamt 39 Matches. Und es sind gar deutlich mehr als die 1,25 Punkte für die Afrikaner oder der Viertelpunkt im Schnitt, der bei den Asiaten für drei Unentschieden aus zwölf Matches hängen bleibt. Markant und bedeutsam ist aber auch dies: Von zehn Begegnungen gegen Europäer verloren die Südamerikaner nur zwei, Chile – das dennoch weiterkam – gegen Holland und Ecuador gegen die Schweiz. Dazu kam noch Frankreichs 0:0 gegen Ecuador. Von ihren 18 Spielen insgesamt gewannen die Südamerikaner nicht weniger als 13; und hätten die Concacaf-Länder nicht die Honduraner mitschleppen müssen, sähe ihre Bilanz so aus: 5 Siege, 3 Unentschieden, nur 1 Niederlage! Nicht nur das Klima Die Gründe sind offensichtlich und überraschen niemanden. Es weiss ja jeder, dass ausserhalb Amerikas noch niemand ausser Argentinien, Brasilien und Uruguay Weltmeister wurde. Das Klima ist ein Vorteil für die Lateinamerikaner. Aber es sind nicht die teils tropischen Bedingungen wie in Manaus, die den Mannschaften aus den fernen Kontinenten eher Probleme machen. Es ist eindeutig, dass sich auch die andern Südamerikaner auf dem eigenen Kontinent wohler fühlen, als wenn sie in Europa spielen müssten. Sie bestreiten alle Heimspiele – wie das die Schweizer am Dienstag gegen die Argentinier in São Paulo erleben werden. Schon gegen Ecuador wurden die Tribünen von Fans oder Sympathisanten des Gegners dominiert. Das fördert die Motivation, ja den Hunger der südamerikanischen Mittelklasse aus Chile oder Kolumbien. Die Uruguayer werden nun allerdings am Ausfall ihres Stars Luis Suarez zu nagen haben. Umgekehrt ist es bei manchen Europäern, deren Topspieler zumindest teilweise wieder mal von einer harten Klubsaison ermüdet wirken. Wer beispielsweise noch dreieinhalb Wochen vor WM-Beginn im Champions-League-Final auftrumpfte wie einige Stammkräfte der Spanier oder der namhafte Portugiese Cristiano Ronaldo, wirkte nun ziemlich abgekämpft. Die Bedeutung des Kontinents, auf dem die WM stattfindet, ist unübersehbar. Die Südamerikaner stellten 2002 in Asien und 2006 in Deutschland nur zwei oder drei Achtelfinalisten, vor vier Jahren in Afrika waren es ebenfalls schon fünf. Bei den Europäern sank die Quote von neun (2002) und gar zehn (2006) schon in Afrika auf die sechs Teams, die es auch diesmal sind. Die Nord- und Mittelamerikaner steigerten sich von einem über zwei auf drei Achtelfinalisten. Die Afrikaner, die mehrheitlich wieder enttäuschten und eher Schlagzeilen abseits der Plätze machten, sind mit zwei Achtelfinalisten dennoch leicht erfolgreicher als zuletzt. Die Asiaten aber stürzten förmlich ab. Die Favoriten bleiben Spanier, Italiener, Engländer und Portugiesen waren die grossen Enttäuschungen des Turniers, die Russen gehörten auch dazu. Aber sie scheiterten in erster Linie wegen der Fehler ihres Torhüters Igor Akinfejew. Ohne diese Prominenz bleiben den Europäern bestenfalls noch drei Trümpfe: wie üblich die Deutschen, dazu die Holländer, vielleicht auch die Franzosen. Die Holländer spielen zwar einen Konterstil, der in der Heimat nicht sonderlich geschätzt wird. Aber sie brachten es doch als Einzige auf zehn Tore. Die Favoriten aber bleiben – je in ihrer Tableauhälfte – die Brasilianer und die Argentinier. Beide können auch auf ihre Superstars zählen, die einen auf Neymar, die andern auf Lionel Messi. Beide haben beim FC Barcelona eine ziemlich enttäuschende Saison hinter sich, sie konnten also – anders als die Berufskollegen von Real Madrid – nicht als Champions-League-Sieger anreisen. Dafür sind sie jetzt fit, offensichtlich auch mental. 2,83 Tore sind bisher der bemerkenswerte Schnitt. Zuletzt wurden 1958 in Schweden mehr Tore geschossen. Es wird grundsätzlich nach vorne gespielt, die Spiele sind im Schnitt sehr attraktiv. Ein Führungstor ist weiterhin nicht so sehr das Mass für den Spielverlauf wie oft in Europas Spitzenligen oder der Champions League. Das Klima jedenfalls hemmt den Unterhaltungsfaktor keineswegs, vielleicht gar im Gegenteil. Aber man erinnert sich ja an die Unterschiede zwischen der ersten WM in Mexiko, 1970, und der zweiten, 1986. Da lagen auch 16 Jahre (sport-)wissenschaftlichen Fortschritts dazwischen, der sehr gross war – wie leicht erkennen kann, wer Spiele von 1970 mit jenen von 1986 vergleicht. So ist das auch heute, da man noch methodischer und wissenschaftlicher an die Dinge herangeht. Dennoch, einzelne Mannschaften wurden zu mehr weiten Reisen und/oder zu mehr Spielen in unangenehmer Hitze gezwungen. Die Italiener beispielsweise mussten dreimal in der Hitze antreten, die Amerikaner am weitesten reisen. Die Argentinier dagegen dürfen sich das ganze Turnier über im angenehmeren Süden bewegen – und in der Nähe der Heimat. Was geblieben ist, sind die Unwägbarkeiten des Spielglücks und der – oft eigentümlichen – Schiedsrichterentscheide. Aber die grösste Überraschung wäre doch, würde das Gesetz gebrochen, dass nicht einer aus Südamerika in Südamerika Weltmeister wird. Hansjörg Schifferli

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